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Minor Matter. Foto: Kat ReynoldsMinor Matter. Foto: Kat Reynolds

„The Other Way Around“ in Essen

Letztlich befindet sich alles, das unser Denken und Dasein bedingt, in einem Zustand der Instabilität. Fragen werden gestellt, Debatten angestoßen, die eigenen Assoziationen kritisch befragt. Lilly Busch berichtet von der Ruhrtrienalle in Essen.

Die Zeche Zollverein in Essen: Einst bedeutsamer Motor der deutschen Industrie und zweifellos auch ein Ort der Ausbeutung von Körpern und Natur, ist das ehemalige Steinkohlebergwerk heute ein Industriedenkmal und dynamischer künstlerischer Arbeitsraum. Seit 2002 ist hier das choreographische Zentrum PACT Zollverein beheimatet, das an diesen Tagen Schauplatz und Versuchsfeld für „Episoden des Südens - the Other Way Around“ wird. Im Rahmen der Ruhrtriennale und in Kooperation mit dem Goethe-Institut São Paulo sowie den Museen Lehmbruck (Duisburg), Folkwang (Essen) und Ruhr (Essen) kommt die 2015 in Brasilien initiierte Projektreihe nach Europa, mitten ins Ruhrgebiet. Dort werden Sehgewohnheiten und Erwartungen des Publikums auf eindrückliche Weise herausgefordert.

Wie nähern wir uns Dingen an, die wir nicht kennen? Was verleitet uns zu bestimmten Lesarten? Diese Fragen wirft das partizipative Format „Dialoge mit Objekten“ auf, das eingeladene Gäste aus verschiedenen Bereichen und das Publikum gemeinsam dazu anregt, über ein Kunstexponat, das alle gleichsam zum ersten Mal sehen, zu spekulieren und ins Gespräch zu kommen. Gesprochen wird mit und über Objekte, die unsere Welt auf gewisse Weise definiert haben, wobei der Verlauf der Unterhaltung unvorhersehbar ist, sich aus der Situation heraus ergibt. Jenseits von kunsthistorischen und wissenschaftlichen Zugängen ist jede Art der Deutung zugelassen – auch Körper, Biografien und Emotionen schaffen Wissen. Zu den Gästen gehören MusikerInnen, PerformancekünstlerInnen, AnthropologInnen und JournalistInnen: Personen, die sich damit befassen, wie politische Fragen künstlerisch ausgedrückt und verhandelt werden können, deren Perspektiven nun in einem offenen Raum koexistieren. So wie allein dem Zusammentreffen der Teilnehmenden aus Südafrika, Grönland, USA/Dominikanische Republik, Deutschland, Chile, Kolumbien, Brasilien, Irland und Griechenland das Zurücklegen von Wegen vorausgeht, ist auch das Format selbst eine physische Bewegung, eine Art Performance, bei der man sich dem Objekt mit dem Körper annähert, sich im Raum verhält.

Barren aus Metall

An einem der Abende liegen kleine, schwere Barren aus Metall in der Mitte. Der Musiker Neo Muyanga erkennt Gesichter in ihnen, vielleicht sind es Masken? Wie sind sie in die Verwahrung europäischer Museen geraten? Wo liegt ihr ursprünglicher Kontext? Vielleicht handelt es sich aber auch um dänisches Design, wie die Regisseurin Arnbjörg Maria Danielsen augenzwinkernd behauptet. Dann verweist sie auf die eingravierten Buchstaben „DK“ und ist überzeugt: „DK steht für deutsche Kultur und die ist ziemlich schwer!“ Die Anthropologin Kelly Gillespie betrachtet die Objekte als Sinnbild für die Geschichte der Ausbeutung von Ressourcen. „Wie würden sich diese Gegenstände selbstständig bewegen?“, fragt sich hingegen die Choreografin Ligia Lewis und versucht, die Barren anzuheben.

Tatsächlich steht „DK“ für Duisburger Kupferhütte: Bei den Objekten handelt es sich um „Masseln“, ein Produkt der lokalen Industrie aus den Jahren 1960-70, hergestellt, um das Material transportabel für die Weiterverarbeitung zu gestalten. Mehrere kundige ZuschauerInnen hatten die Verbindung zur Industrie des Ruhrgebiets erkannt und ihre Gedanken mitgeteilt. So wird im Gespräch über denselben Gegenstand das historische Gewicht des Kolonialismus spürbar, mit Leichtigkeit Fiktion entworfen, und ein Stückchen Lokalgeschichte aufgedeckt.

Gedankliche Bewegung

Die meisten der Episoden haben mit Bewegung zu tun oder sie sind Bewegung, wie die Lecture-Performance einer Gruppe grönländischer MusikerInnen. Und allem voran ermutigen sie zu gedanklicher Bewegung: etablierte Kategorien zu überwinden, die Gleichzeitigkeit von Perspektiven und Wissensformen zuzulassen – das erfordert Flexibilität. Selbst wenn man von einem ähnlichen Standpunkt aus zu sprechen glaubt, ist niemand davor sicher, Stereotypisierungen zu verfallen oder Dominanzen zu reproduzieren – in Bewegung zu bleiben ist also eine Notwendigkeit.

Denn letztlich befindet sich alles, das unser Denken und Dasein bedingt, in einem Zustand der Instabilität. Darin liegt etwas Beängstigendes, aber auch Potential, wie Ligia Lewis in ihrer Tanzperformance "Minor Matter" zeigt, wo drei TänzerInnen gemeinsam fragile Statuen formen, als hielten sie ihre Körper steinernen Monumenten entgegen: eine Konstellation wird ausprobiert, bleibt kurz stabil, dann folgt der Zusammenfall – und die entschlossene Neuanordnung. Dauerhaft festschreiben lässt sich nichts, dieser Grundgedanke der Projektreihe scheint sich im Wesen des Tanzes widerzuspiegeln.

Feste Einsichten oder Ergebnisse werden bewusst nicht angestrebt. Vielmehr werden Fragen gestellt und Debatten angestoßen, über den Umgang mit von der Kolonialzeit geerbten institutionellen Strukturen etwa, oder über die Entwicklung von künstlerischen Subjektpositionen. „Episoden des Südens“ ist ein Training dafür, Blicke als ausschnitthaft zu begreifen und die eigenen Assoziationen kritisch zu befragen.

Die Veranstaltungen sind eine Anregung zum Zuhören, kritisch Reflektieren und zum kreativ werden, drei unabdingbare Fähigkeiten für jede Art von Veränderung. Es ist wahrlich eine Denkanstrengung, sich von binären Einteilungen wie „hier - dort“ und „entweder - oder“ zu lösen. In Essen machen die Episoden des Südens für ein Publikum in Deutschland deutlich: diese Anstrengung zu bemühen, to take other ways around, ist so nötig wie bereichernd – persönlich, gesellschaftlich und nicht zuletzt auch ästhetisch.

Lilly Busch studierte Literaturwissenschaft in Berlin und São Paulo und arbeitete im Fachbereich Theater/Tanz am Goethe-Institut in München. Zurzeit studiert sie im Master Dramaturgie in Frankfurt am Main.​
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