50 Jahre Goethe-Institut Porto Alegre

Übersetzen fürs Theater*

Carol de Góes

Im Rahmen der 60. Buchmesse Porto Alegre veranstaltete das Goethe-Institut ein besonderes Programm zur Übersetzung dramatischer Texte. Das Programm begann mit einem Experiment. Sechs Übersetzer aus verschiedenen Landesteilen Brasiliens haben zwei Monate lang kollektiv ein aktuelles Stück übersetzt: Muttersprache Mameloschn von Marianna Salzmann.

Das Stück, „eine rasante Typenkomödie aus einem jüdischen Frauenhaushalt“, so der Theaterkritiker Jürgen Berger, der es dem Goethe-Institut Porto Alegre empfohlen hatte, ist eine echte Herausforderung für Übersetzer. Die hintergründig witzigen Dialoge lassen sich nicht eins zu eins in die andere Sprache übersetzen. Den Abschluss der kollektiven Übersetzungsarbeit bildete ein viertägiger Workshop während der Buchmesse, zu dem sich die sechs Übersetzer erstmals in Porto Alegre trafen und dem Text den Feinschliff verpassten.

Carol de Góes

Gläserner Übersetzer

Um dem allgemeinen Publikum einen Eindruck von der Arbeit des Übersetzers zu geben, fand am 5. Workshop-Tag eine öffentliche Veranstaltung nach dem bewährten Muster des „gläsernen Übersetzers“ statt. Die sechs Übersetzer diskutierten auf der Bühne über die kniffligsten Passagen der Übersetzung von „Muttersprache Mameloschn“.

Da Übersetzungen von Theatertexten dazu da sind aufgeführt zu werden, hat das Goethe-Institut Porto Alegre die preisgekrönte junge Regisseurin Mirah Laline eingeladen, das Stück noch während der Buchmesse in einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen. So konnte das Publikum dem Verfertigen der Übersetzung zuschauen und drei Tage später der Aufführung des übersetzten Textes beiwohnen. Während die Übersetzergruppe bis zum Morgen der szenischen Lesung noch an Formulierungen feilte, probten die drei Schauspielerinnen und sprachen sich dabei immer wieder mit den Übersetzern ab. “Für mich war es ein emotional bewegender Moment, unseren übersetzten Text auf der Bühne zu sehen“, sagte eine der Übersetzerinnen in der anschließenden Podiumsdiskussion mit der Regisseurin Mirah Laline, dem brasilianischen Theaterautor Kike Barbosa und dem Theaterkoordinator des Kultursenats der Stadt Porto Alegre Breno Ketzer Saul.

Carol de Góes

Szenische Lesung von „Muttersprache Mameloschn“

Die szenische Lesung fand beim Publikum so großen Anklang, dass Mirah Laline und die Schauspielerinnen (Ida Celina, Mirna Spritzer, Valquiria Cardoso) beschlossen, weiter zu arbeiten und die Lesung zu einer Inszenierung auszubauen. Die 7 Vorführungen im Juni 2015 im Goethe-Institut waren restlos ausverkauft und fanden grosse Beachtung in der Presse. Dass die Uebersetzer an dem Erfolg einen grossen Anteil haben, ist durch den Uebersetzer-Workshop jedem klar geworden.

Die Uebersetzer von Muttersprache Mameloschn sind: Camilo Schaden, Carla Bessa, Fabiana Macchi, Herta Elbern, Luciana Waquil und Marcus Tulius Franco Morais.

*Marina Ludemann
Leiterin des Goethe-Instituts Porto Alegre