50 Jahre Goethe-Institut Porto Alegre

Brasilien und die Umwelt, aus Sicht eines Deutschen*

Für einen Deutschen ist Brasilien ein faszinierendes, aber auch schwieriges Land. Faszinierend im Hinblick auf Kultur, Menschen und Natur. Schwierig aufgrund des Mangels an Verlässlichkeit und Sicherheit. Alles, was heute gilt, kann morgen schon ganz anders sein. Das ist auch für aufgeschlossene Deutsche schwer zu ertragen, und noch schwerer zu verstehen.

Diese beiden Gegensätze spiegeln sich auch in Umweltfragen wider: Die brasilianische Natur ist auf der einen Seite so reichhaltig, vielfältig und verschwenderisch, dass sich dagegen selbst ökologisch hochwertige Naturräume in Deutschland wie Mondlandschaften ausnehmen. Auf der anderen Seite ist der Umgang der Brasilianer mit diesem Reichtum gekennzeichnet durch eine 500-jährige Geschichte der Naturaneignung. Natur war immer im Überfluss vorhanden, war eine Bedrohung, musste nutzbar gemacht werden. Wo ein Kontinent zur Verfügung steht, muss nicht geschützt werden.

Das Konzept des öffentlichen Raumes, einer Landschaft, eines Parks, der allen gleichermaßen zur Verfügung steht, ist eine in Brasilien zwar zunehmend populärer werdende, aber nicht wirklich verwurzelte Idee. Und so wird Natur auch heute noch hauptsächlich „angeeignet“: Die Armen okkupieren „herrenloses“ Land und errichten Favelas. Die Reichen bauen ihre Ferienhäuser ohne Genehmigung an geschützte Orte. Riesige Staudammprojekte werden in einzigartigen Naturräumen realisiert und dafür nicht nur die Flora und Fauna, sondern auch die indigenen Kulturen geopfert. Der mächtige Agrarsektor nimmt sich das Land, nicht nur in Amazonien.

Die Kritik an der brasilianischen Naturausbeutung ist so unverzichtbar wie gefährlich. Von außen - als Deutscher - bewegt man sich schnell auf rutschigem Terrain. Ein kleines europäisches Land, das im Laufe seiner Geschichte bereits seine gesamte wilde Natur in Kulturlandschaft „umgewandelt“ hat und zudem noch zu einem der größten Abnehmer der günstigen, in Brasilien hergestellten Produkte zählt, ist nicht der glaubwürdigste Kritiker. Was also tun?

Vielleicht versuchen, das gemeinsame Unbehagen mit einem Wirtschafts- und Lebensmodell zu formulieren, das Natur ausschließlich als Ressourcenlieferant sieht, und das sowohl in Brasilien als auch in Deutschland am Ende hauptsächlich Verlierer produziert. Hierüber Gespräche zu initiieren, das hat das Goethe-Institut mit der Filmreihe „Klima.Kultur.Wandel“ versucht. Die Reihe wurde vom Goethe-Institut Porto Alegre im September 2013 in verschiedenen Vorführungen mit großem Erfolg gezeigt. In zahlreichen Publikumsdebatten wurde dabei deutlich, dass nicht mehr nationalstaatliche Gegensätze im Vordergrund stehen, sondern gemeinsame internationale Lösungen gesucht und umgesetzt werden müssen. Letztlich geht es um eine neue Kultur des Umgangs mit der Natur. Und diese Kultur steckt noch in den Kinderschuhen, sowohl in Brasilien als auch in Deutschland.

*Michael Greif
Michael Greif ist Geschäftsführer von ECOMOVE International.
Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie mit den Schwerpunkten Nachhaltige Entwicklung, Internationale Politik, Umweltkommunikation/-bildung.