50 Jahre Goethe-Institut Porto Alegre

Eva Sopher, Sadik Al-Azm und Neil Macgregor erhalten Goethe-Medaille 2015

Tiago Trindade
Tiago Trindade

Die Verleihung 2015 steht unter dem Motto „Der Geist der Geschichte“. Mit den drei Preisträgern werden internationale Persönlichkeiten geehrt, die durch ihre Arbeit die kulturellen Ausdrucksformen und den öffentlichen Diskurs in ihrem Land maßgeblich prägen und zudem eine enge Verbindung zur deutschen Kultur haben. Die Preisträger Eva Sopher, Sadik Al-Azm und Neil MacGregor wirken in ihren jeweiligen Gesellschaften auf unterschiedlichste Weise: Eva Sopher schuf mit dem renommierten Theatro São Pedro in Porto Alegre eine einzigartige internationale Begegnungsstätte für Bühnenkünstler jeglicher Couleur. Der syrische Philosoph Sadik Al-Azm setzt sich seit Jahrzehnten aktiv für das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein. Mit seinem Engagement steht er für die Verständigung zwischen der arabisch-islamischen Welt und Westeuropa. Der Direktor des British Museums in London Neil MacGregor verknüpft in seinen Ausstellungen komplexe kunsthistorische und historische Themen und bringt durch sein kuratorisches Engagement einem breiten Publikum ein neues Geschichtsbewusstsein näher, zuletzt in der anlässlich des Mauerfall-Jubiläums konzipierten Ausstellung „Germany–Memories of a Nation“.

Preisträgerin: Eva Sopher Kulturmanagerin, Präsidentin der Stiftung Theatro São Pedro, Brasilien

Als Präsidentin der Stiftung Theatro São Pedro ist Eva Sopher noch heute im Alter von 91 Jahren verantwortlich für wöchentlich 5 bis 8 Aufführungen internationaler Solisten, Theater- und Tanz-Ensembles und Sinfonieorchester. Damit befördert sie auf exemplarische Weise den internationalen Kulturaustausch in Porto Alegre. 1923 in Frankfurt geboren, floh Eva Sopher Ende der 1930er Jahre mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten nach Brasilien. Sie besuchte zunächst das Mackenzie Institut in São Paulo, wo sie Zeichnen und Bildhauerei lernte. Bereits mit sechzehn Jahren arbeitete sie in São Paulo in einer Kunstgalerie. In Porto Alegre baute Eva Sopher 1960 einen Ableger der Gesellschaft „Pró Arte Sociedade de Artes Letras e Ciências“ auf. Pró Arte, ursprünglich in São Paulo tätig, organisiert internationale Kulturveranstaltungen. Es gelang Sopher bald, in Porto Alegre Spielzeiten mit bis zu 24 künstlerische Darbietungen pro Saison auf höchstem Niveau anzubieten. Ein persönlicher Höhepunkt war das Konzert des israelischen Symphonieorchesters im Jahr 1972, anlässlich der Feier zum 150. Jahrestag der Unabhängigkeit Brasiliens. Mitte der 1970er übernahm Eva Sopher die Leitung des Theatro São Pedro, das in der brasilianischen Kulturszene Maßstäbe setzte. Bis 1984 leitete sie die Restaurierung und Rekonstruktion des Theaters als kulturhistorisches Denkmal und bewahrte es damit vor dem Abriss. Mit dem Theatro São Pedro hat Eva Sopher eine in der Region einzigartige Bühne für lokale Nachwuchskünstler und internationale Größen wie Pina Bausch, Susanne Linke oder Hanna Schygulla geschaffen. Auch der international erfolgreiche Pianist Nelson Freire, sowie der 1994 verstorbene Musiker und Komponist Tom Jobim traten im Theatro São Pedro auf. Das renommierte Kammerorchester des Theaters feiert in diesem Jahr bereits sein 30. Jubiläum.

Derzeit engagiert sie sich zudem für den Abschluss von „Multipalco Theatro São Pedro“, einem künstlerisch und architektonisch einzigartigen Projekt: Seit 2003 entsteht neben dem über 150 Jahre alten historischen Theaterhaus mitten im historischen Zentrum Porto Alegres ein moderner Komplex mit 17.000 Quadratmeter Szenenflächen und Bühnen. Hier sollen in Zukunft vor allem Nachwuchskünstler gefördert werden: Geplant sind unter anderem Kurse für Dramaturgie, Philosophie sowie Debattierrunden und Lesungen.

Eva Sopher erhielt für ihre Arbeit zahlreiche lokale und internationale Ehrungen. Dazu gehören Titel wie „Person des Jahres “ (Porto Alegre) oder „Ehrenbürgerin des Bundesstaates“ (Rio Grande do Sul). 1970 wurde sie vom deutschen Bundespräsidenten für ihre deutsch-brasilianische Kulturarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. 1995 erhielt sie in Brasilia den Preis Preservação da Memória für Kulturdenkmalschutz.

Zitate von Eva Sopher:

„Mit Deutschland verbinden mich vor allem die Künstler, Schauspieler und Musiker, mit denen ich befreundet bin. Das heisst die Beziehungen zu Deutschland bestehen über die Kunst, über die Kultur, in die ich geboren wurde. Ich erinnere mich heute noch an einen Besuch der Frankfurter Oper - ich war 8 oder 9 Jahre alt - ich erinnere mich genau an die Zauberflöte, an jeden einzelnen Auftritt. Man kommt mit dem auf die Welt, was einen ein Leben lang in Form und auf den Beinen hält.“ (Eva Sopher in einem Interview mit dem Goethe-Institut Porto Alegre, das im Rahmen des Projektes „190 Jahre deutsche Einwanderung“ geführt wurde, 2014)

„Wir kamen im Januar 1960 in Porto Alegre an. In der ersten Woche traf ich einen Kollegen von Pró Arte in São Paulo auf der Straße. Er sagte, kremple Deine Ärmel hoch und fange an zu arbeiten. Im März hatte ich bereits den ersten Pianisten auf der Bühne im Theatro São Pedro. Ich hatte gar keine Zeit – und auch kein Interesse -, mich mit der jüdischen Gemeinde, mit der deutschen Einwanderung oder mit was auch immer zu beschäftigen. Kultur ist meine Religion.“ (Eva Sopher in einem Interview mit dem Goethe-Institut Porto Alegre, das im Rahmen des Projektes „190 Jahre deutsche Einwanderung“ geführt wurde, 2014)

„Hier kehre ich zurück zum griechischen Theater und zu Shakespeare. Diese Kunst wird niemals sterben - für mich ist es unmöglich, mir einen Ort ohne Theater vorzustellen. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten der Unterhaltung und des Zeitvertreibs, alles verändert sich mit der Zeit, doch nichts von alledem nimmt dem Theater die Notwendigkeit, zu existieren.“ (Eva Sopher in der Dokumentation „Dona Eva e o Theatro“, 2008)

„Ich liebe das Theater São Pedro. Ich liebe diese Spielstätte. Es war Liebe auf den ersten Blick, trotz des kläglichen Zustandes, als ich es im Jahr 1960 zum ersten Mal sah. Als ich 1975 dazu eingeladen wurde, die Renovierung zu koordinieren, lehnte ich erst ab – ich war zu eingebunden in andere kulturelle Projekte. Doch mein Ehemann, Wolf, überzeugte mich mit der Warnung, dass sie São Pedro sonst sicher abreißen würden, so wie das Theater auf der anderen Straßenseite. Das war der Punkt, an dem ich die Aufgabe angenommen habe, diesen „säkularen Tempel" als Teil meines Lebens zu adoptieren.“ (Eva Sopher im Vorwort des Katalogs „Theatro São Pedro: 150 anos – Porto Alegre“, Nova Prova, 2008)

Zitate über Eva Sopher:

„23 Jahre sind vergangen und noch immer findet man diese strahlende Muschel mitten im grauen Porto Alegre. Man muss nur die Muschel öffnen... darin entdeckt man die kostbare „Perle“ namens Dona Eva! Jetzt weiß ich, warum mir dieses Theatro São Pedro so unvergesslich geblieben ist – über 23 Jahre hinweg!“ (Die Tänzerin und Choreographin Susanne Linke im Gäste-Logbuch des Theatros São Pedro, 2009)

„Es war charakteristisch für Pró Arte und besonders für Eva Sopher, dass sie sich leidenschaftlich für die Kunst einsetzte, für die Künstler und besonderes für diejenigen, die gerade am Anfang ihrer Karriere standen. So viele Künstler, die heute international erfolgreich sind, wurden von ihr gefördert“ (Miguel Proença, Pianist, in der Dokumentation „Dona Eva e o Theatro“, 2008)

Auszeichnungen

1970 Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, Deutschland
1978 Verleihung des „Ordre des Arts et des Lettres“ (Orden der Künste und der Literatur), Frankreich
1994 Großes Bundesverdienstkreuz, Deutschland
1995 Verleihung des Preises „Preservação da Memória“ (Kulturdenkmalschutz), Brasilien