Ausstellung

Immer für die Falschen: Kurzer Abriß meines Lebens als Fan

Michael-Wesely_Bola-e-tempo,-2012-13,-Fotografia-projetada-(2)
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Die Entscheidung, an welche Mannschaft du dein Leben als Fan knüpfst, ist so schwerwiegend und von derselben schicksalhaften Willkür wie die der sexuellen Orientierung: Du wirst nicht gefragt, es ist nicht deine Entscheidung, sie kommt einfach über dich – aber du mußt lange, vielleicht sogar ein Leben lang, mit dieser Entscheidung und ihren Konsequenzen leben.

Ich war immer auf der falschen Seite. Ich war ein unglücklicher Fan. Ich kann mich vor allem an die Niederlagen erinnern. Ich habe mich später auch immer in die falschen Frauen verliebt. Was ich als Fan und als Liebender durchgemacht habe, ähnelte sich: Die Gefühle von Verzweiflung und Ohnmacht, und das Gefühl, daß mein Herz gebrochen wird.

Union hatte doppelt so viele Fans wie der BFC, obwohl sie nicht mal in der höchsten Spielklasse spielten, der Oberliga; erst zwei Jahre nach meiner Fanwerdung stieg Union auf. Gleich am 1. Spieltag ging es gegen den BFC. Das Derby wurde auf neutralem Boden angesetzt, im größten Berliner Stadion, dem „Stadion der Weltjugend“. Es kamen 45.000 Zuschauer, so viel wie nie zuvor zu einem Oberligaspiel. Einer war ich. Ich wollte Union untergehen sehen. Aber Union gewann 1:0. Es war eine Katastrophe. Auch das Rückspiel, ein halbes Jahr später gewann Union abermals 1:0, obwohl sie in der Tabelle weit hinter dem BFC rangierten. Mein Verein sammelte zwar emsig seine Punkte, aber im Prestigeduell verliert er.

Ich war vielleicht dreizehn Jahre, ging allein vom Stadion der Weltjugend nach Hause und stellte mir große Fragen. Warum bin ich Fan? Warum ist mir Fußball wichtig? Warum lasse ich mich auf eine Sache ein, die mich so traurig machen kann? Wäre es nicht besser, gar nicht zu fühlen? Warum bewegt es mich überhaupt, ob irgend jemand ein Tor schießt? Wieso mache ich mein Glück oder Unglück von Dingen abhängig, die ich nicht beeinflussen kann? Ich beneidete sogar den Streber der Klasse, weil den Fußball völlig kalt ließ. Der hat’s gut, dachte ich. Ich wollte zwar sonst nicht so sein wie der, aber in dem Punkt schon. Zumindest für ein paar Stunden.

Wegen der ansonsten erfolgreichen Saison spielte der BFC im Europapokal. In der ersten Runde ging es gegen Roter Stern Belgrad. Das Hinspiel gewann der BFC nach dramatischem Verlauf mit 5:2. Beim Rückspiel in Belgrad lag der BFC zur Pause 1:0 vorn. Dann schickte mich mein Vater ins Bett. Ich protestierte nicht. Belgrad hatte in drei Halbzeiten gegen den BFC ganze zwei Tore geschossen und hätte in der verbleibenden Halbzeit vier Tore schießen müssen. Ich schlief beruhigt ein. Am nächsten Morgen hörte ich in den Nachrichten, daß der BFC mit 1:4 verloren hatte und ausgeschieden war. Auch in den folgenden Jahren waren die Europapokal-Auftritte des BFC meist blamabel. Ich erinnere mich nicht nur an jedes einzelne dieser unglücklichen Spiele, sondern auch daran, wo ich sie gesehen und mit wem ich mit welchen Argumenten die Ursachendiskussion führte.

Dafür wurde der BFC regelmäßig DDR-Meister. Gerüchte besagten, daß der mächtigste BFC-Fan, Stasi-Chef Mielke, dabei auch immer nachgeholfen hat. Der BFC war landauf, landab verhasst – aber ein Fan kann sich nicht für einen anderen Verein entscheiden, so wie man sich für ein anderes Sofa entscheidet. Allerdings war es langweilig, Fan einer Mannschaft zu sein, die ein Abo auf die Meisterschaft hatte. Allmählich wurde mir der BFC egal: Ich ging seltener und schließlich gar nicht mehr ins Stadion, schaute mir kaum noch Sportübertragungen an, überblätterte in der Zeitung die Sportseite, ohne mir Gewalt anzutun.

Panos-Kokkinias_Goalkeeper,-2006,-FitografiaMit neunzehn, zwanzig konnte ich dem BFC gegenüber ein ideales Gefühl entwickeln: Die Gleichgültigkeit. Er war mir so egal wie nichts unter der Sonne. Und nicht nur der BFC, der Fußball überhaupt war mir egal. Als der BFC den Meistertitel verfehlte, habe ich es nicht mal mitgekriegt. Als sie nach der deutschen Einheit weder in die Bundesliga noch in die 2. Bundesliga kamen, spürte ich in meiner Seele – nichts. Es war das Idyll. Ich war in einer Art Fan-Nirwana. Ich hatte Frieden gefunden, der Kreislauf aus Fanhimmel und Fanleiden, aus Hoffnung und Enttäuschung, aus Freuden und Schmerz lag hinter mir. Es hätte gern bis an mein Lebensende so weitergehen können. Der Fußball fehlte mir nicht.

Und dann stieg Hertha auf. Ich hatte nie ein Verhältnis zu Hertha. Aber als Hertha nach acht Jahren Zweitklassigkeit plötzlich in der Bundesliga war... Ich kann nicht sagen, daß sie es mir leicht gemacht hat. Im Gegenteil: Die Hertha verlor am Saisonbeginn ständig, war Tabellenletzte. Aber ich erwischte mich trotzdem dabei, wie ich im Videotext nach dem aktuellen Spielstand herumstöberte. ‚Thomas’, hab ich mir ernsthaft ins Gewissen zu reden versucht, ‚es war doch so schön, kein Fan zu sein – und jetzt? Du spielst mit dem Feuer! Weißt du nicht, was du aufs Spiel setzt? Laß die Finger von dieser Hertha, die bringt dir nur Unglück!’

Warum habe ich nicht auf meine innere Stimme gehört? Ich habe keine Ahnung. Warum ausgerechnet Hertha? Ich weiß, daß ich als Schriftsteller geradezu die Verpflichtung habe, die Rätsel der menschlichen Leidenschaften zu knacken, die Mysterien der Seele zu ergründen – aber wenn es um mein Leben als Fan geht, kann ich es nicht. Hertha ist ein fürchterlicher Verein. Egal, wo sie in der Tabelle stehen – man kriegt das kalte Grausen, wenn man sie spielen sieht. Beim Grottenkick des Wochenendes ist meist die Hertha involviert. Das Tor des Monats schießt nie ein Herthaner. Es dauerte lange, bis ich mich das erste Mal ins Stadion wagte. Es war ein Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand. Die Partie endete 0:0, was sonst. Es war so neblig, daß man manchmal gar nichts sah, und ich weiß nicht, ob das ein Unglück war. Ein paar Jahre später musste Hertha im „internationalen Geschäft“ gegen einen Verein ran, der Groclin Grodzisk hieß. Grodisk ist ein 15.000-Einwohner-Stadt in Polen. Das Hinspiel in Berlin endete Nullnull. Das Rückspiel stand bis zur 80. Minute auch Nullnull. Doch dann schoß ein Herthaner das 1:0! Er traf nur leider das eigene Tor, und bis zum Schluß passierte nichts mehr. So viel zu Herthas internationalen Auftritten.

Noch elender erging es mir nur in meinem Fandasein für die Nationalmannschaft – obwohl es vielversprechend anfing: Das erste Fußballspiel, das ich in voller Länge sah, war das Spiel bei der WM 1974 im Hamburger Volksparkstadion, als die DDR die BRD mit 1:0 schlug. Daß ich für die DDR und gegen den Westen war, erscheint mir längst nicht so mystisch wie meine BFC- und Hertha-Präferenz. Der Westen – das waren Großfressen, die Siege von vornherein zur Formsache erklärten und bei der Nationalhymne Kaugummi kauten. Leider kam es viel zu selten vor, daß die bescheideneren DDR-Spieler auch mal über sich hinauswuchsen; das legendäre 1:0 gegen den späteren Weltmeister blieb die glückliche Ausnahme. Die DDR-Mannschaft, auch „Freundschaftsspielweltmeister“ genannt, versagte in entscheidenden Spielen regelmäßig (und schaffte es nach 1974 nie wieder zu einer WM oder EM ).

Ich bin mal zu einem dieser entscheidenden WM-Qualifikationsspiele nach Leipzig gefahren. Die DDR mußte gegen Polen gewinnen, um zur WM nach Spanien fahren zu können. Wochen vor diesem Spiel dachte ich an nichts anderes. Leider kam ich fünf Minuten zu spät ins Stadion – und da führten die Polen schon 2:0. Solche Dinger habe ich durchmachen müssen als Fan der DDR-Mannschaft. Aber auch hier erlöste mich die schon erwähnte Gleichgültigkeit, und als der Staat DDR unterging, war ich nicht mehr Fan ihrer Fußballmannschaft. Zum Glück! Ich würde mir ohne weiteres peinliche Entblödungen der Art zutrauen, die DDR nicht hergeben zu wollen, um weiter Fan ihrer erfolglosen Fußballmannschaft sein zu können.

Blieb meine Aversion gegen den Westen und die Großfressen, die seit je in ihrer Mannschaft spielten. Da wurde 1990 ein schwieriges Jahr für mich, denn der Westen wurde nicht nur Fußballweltmeister, sondern Teamchef Franz Beckenbauer, dieser strahlende Erfolgsmensch, die Inkarnation des lässig siegenden Wessi, sagte nach der WM, quasi als letzte Worte, daß die Deutschen, auch dank der Spieler aus dem Osten, jetzt auf Jahre unschlagbar wären. Damit hatte er allerdings unrecht. Bei der nächsten Europameisterschaft unterlag Deutschland gegen ein fußballerisch eher unbedeutendes Land, nämlich Dänemark, und bei der WM 1994 schied Deutschland im Viertelfinale gegen Bulgarien aus – ein Land, gegen das sogar die DDR-Mannschaft meist gewonnen hatte. Beckenbauers großspurige Ankündigung gab mir das Recht auf Schadenfreude, und ich kam auf meine Kosten.

Beim EM-Finale 1996 war ich für die Tschechen, aber nachdem sie durch einen geschenkten Elfmeter in Führung gingen, dachte ich: Die Tschechen sollen gewinnen, aber nicht so. Die Zeiten, in denen ich der deutschen Mannschaft die bedingungslose Niederlage wünschte war vorbei. Sie sollten nur noch schöne, gerechte Niederlagen einstecken.

Heute weiß ich, das war der Anfang vom Ende meiner seltsamen Nationalmannschafts-Verwünschung. Bei der WM 1998 hielt ich im Achtelfinale noch für die Mexikaner. Die lagen auch mit 1:0 vorn, fingen sich aber in der letzten Viertelstunde noch zwei Tore. Im Viertelfinale hieß der Gegner Kroatien. Eigentlich kein Gegner. Das Land gab’s ja noch gar nicht richtig. Als Außenminister Genscher es ein paar Jahre zuvor überhastet anerkannte, bekam er gleich Ärger. Fünf Minuten vor der Pause gab es Rot gegen Christian Wörns, und die Kroaten gingen gleich darauf in Führung. Halbzeitpause. Und plötzlich wurde mir klar: Die Kroaten, das sind doch diese kraushaarigen Typen, die immer so offensichtlich Taschenbillard spielen, viel zu laut reden und unsere U-Bahnhöfe vollspucken! Willst du dir von denen die nächsten zwanzig Jahre eine Niederlage vorhalten lassen? Bloß nicht!

Und plötzlich war ich für die Deutschen. Es war, als hätte der Himmel auf dieses Signal gewartet. Denn von dem Moment an, sofort nach der Pause, spielten die Deutschen so, wie ich es ihnen immer gewünscht hatte: Sie spielten fürchterlich. Nur, daß ich jetzt für sie war. 0:3 endete das Spiel gegen Kroatien. Damit war die WM 98 für die Deutschen vorbei. Die EM 2000 – eine Blamage. München, 1. September 2001, das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen England geht mit einem alptraumartigen 1:5 verloren. Die WM-Qualifikation wurde erst in der Relegation geschafft. Auf Jahre unschlagbar? Ach, nicht nur der Kaiser hat sich die deutsche Einheit anders vorgestellt.

Foto: Futebol_Michael-Wesely2002 war ich bei der WM in Japan. Für das letzte Gruppenspiel gegen Kamerun bekam ich sogar eine Karte. Gegen Kamerun, den Geheimfavoriten der Gruppe, durften wir nicht verlieren. Kamerun hingegen mußte gewinnen. Beim Warmmachen beobachtete ich die Kameruner. Sie waren athletisch, gelenkig, schnell und von einer wuchtigen Körperlichkeit. Keiner unter einsfünfundachtzig. Nach dem Anpfiff zeigte sich, daß der spanische Schiedsrichter mehr als pinglig war – er zerstörte das Spiel. Er pfiff jede Kleinigkeit und verteilte ständig Gelbe Karten. Kurz vor der Pause zeigte er unserem Carsten Ramelow die Rote Karte. Ich sprang auf und brüllte: „Wat? Ach, geh doch nach Gomera, du Sancho Pansa! Seat sollste fahren, dein Leben lang!“ Dann kam die Pause. Fünfzehn Minuten, in denen ich mir ausmalen konnte, wie es weitergeht. Mit einer Roten Karte fing vier Jahre zuvor gegen Kroatien das Debakel an. Und, wie damals mit dreizehn, nach der 0:1 Niederlage des BFC gegen Union, ärgerte ich mich darüber, daß ich es zugelassen hatte, wieder Fan zu werden – meine Mannschaften enttäuschen mich ja doch immer nur. Ich war als Fan immer auf der falschen Seite. Ich war ein unglücklicher Fan. Und jetzt werde ich meinen Erinnerungen eine weitere Niederlage hinzufügen müssen. Ich wartete auf die zweite Halbzeit wie auf die Hinrichtung.

Dann kamen sie raus – und dieser unglaubliche Oliver Neuville, der aussieht, als ob er als Kind in einer zu engen Wiege lag, schießt doch glatt ein Tor, und nicht mal ein Eigen-, Abseits- oder sonst mißglücktes Tor, nein, er schießt uns Deutsche, UNS DEUTSCHE !!! in Führung. In Unterzahl! Olli Kahn hielt, als hätte er sich von den Buddhas die acht Arme abgeguckt, der spanische Schiedsrichter hatte auch für einen Kameruner eine Rote Karte übrig – und da war alles klar. Klose machte sogar noch das 2:0. Über die k.o.-Spiele gegen Uruguay, die USA und Südkorea will ich gnädig schweigen. Die Deutschen siegten wie in alten Zeiten; sie haben traditionell als Sieger oft schlechter ausgesehen als die Besiegten. Aber sie standen im Finale – gegen die Fußball-Supermacht Brasilien.

Seit 1974 habe ich alle WM-Finals gesehen – aber dieses Finale von Yokohama war das schönste. Die Deutschen haben mitgespielt, ganz undeutsch. Ein offenes, schnelles, dramatisches Spiel. Latte da, Pfosten hier. Ronaldos Auferstehung. Olli Kahn, der von allen Spielern die Partie des Lebens forderte, machte tief in der zweiten Halbzeit den Fehler seines Lebens. Kein Journalist hat’s ihm übel genommen. Trainer Rudi Völler fand hinterher, daß seine Mannschaft eigentlich noch nicht so gut ist, daß sie Zweiter hätte werden dürfen. Was für ein Fortschritt zu 1990, in Spielkultur, Reportergebaren, Trainerdemut.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die deutsche Mannschaft zu einer Mannschaft gemausert, die einen rasanten, herrlich anzuschauenden Fußball spielt. Die Zeiten, in denen sich eine deutsche Fußballsoldateska halbwegs erfolgreich durchgerumpelt hat, sind vorbei. Zwar fehlte für den Gewinn einer Welt- oder Europameisterschaft das letzte bisschen Abgebrühtheit, Glück oder Qualität – aber diese Mannschaft ist nicht peinlich. Aber bei der letzten Europameisterschaft, da gab es diesen Moment, als wir nach drei Siegen in der Gruppenphase im Viertelfinale auf Griechenland trafen. Deutschland gegen Griechenland, mitten in der Finanzkrise, das erinnerte an die Eishockeymatches der siebziger Jahre, wenn die Sowjetunion gegen die Tschechoslowakei spielte; „mehr als nur ein Eishockeyspiel“ pflegte mein Vater zu sagen. Das Spiel gegen Griechenland war demnach mehr als nur ein Fußballspiel, nur daß in dem Fall die Russen wir waren. (Ein Transparent irischer Fans verlautete „Angela thinks, we are at work“, und das hatte denselben Witz, den seinerzeit die „Ras, dwa, tri, Russen wer´n wir nie“ rufenden Union-Fans hatten.) Nachdem Griechenland bezwungen war, wartete mit Italien das nächste Finanzkrisenland, und im Falle eines Sieges käme mit Spanien der nächste Finanzkrisenfall – und ich fragte mich, ob ich wirklich zu der deutschen Mannschaft halten will, wenn wir Deutschen heute in Südeuropa ungefähr das darstellen, was die Russen vor dreißig, vierzig Jahren für Osteuropa waren.

Zum Glück erlöste mich die italienische Mannschaft aus meinem Gewissenskonflikt, indem sie Deutschland im Halbfinale eiskalt besiegten. Selten bin ich als Fan so leicht mit einer schwerwiegenden Niederlage fertig geworden. Andererseits bedauerte ich es, daß ich, als ich endlich Fan einer schön und halbwegs erfolgreich spielenden Mannschaft war, mich mit ihren Niederlagen fast wohler fühlte als mit ihren Siegen.

Autor: Thomas Brussig

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2013

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