Gefallene Helden

Eine Nation am Boden

Celso de Campos Jr.; Foto: Leo Feltran



Am Morgen des 16. Juli 1950 erwachte Brasilien als Weltmeister. Einige Stunden bis zur Entscheidung der WM fehlten freilich noch. Doch zu bezweifeln, dass die Unsrigen im Maracanã gegen Uruguay gewinnen würden, wäre für die etwa zwei Millionen Bewohner Rio de Janeiros, die sich auf das größte Fest der Stadtgeschichte vorbereiteten, ein undenkbarer Irrsinn gewesen.

Die Zeitungen druckten bereits die Porträts der Weltmeister auf ihre Titel, die Radiostationen übermittelten den Sportlern überschwängliche Glückwünsche. Im Trainingslager der Nationalmannschaft drängten sich unzählige Fans, Politiker, Künstler und Schaulustige, um Fotos zu schießen, Geschenke zu überbringen und ihre Helden um Autogramme zu bitten – der Trainer Flávio Costa, zukünftiger Stadtratskandidat, hatte liebenswürdigerweise, und siegesgewiss, die ruhige Abgeschiedenheit der Casa dos Arcos in Joá zugunsten der offenen und lärmigen Umgebung von São Januário aufgegeben.

Damen und Herren putzten sich heraus, um Brasiliens Weihung aus der Nähe beizuwohnen, dann strömten etwa zweihunderttausend Menschen zum kürzlich errichteten, noch nicht ganz fertiggestellten Koloss, um das Spiel zu sehen... Das Spiel? Ja, es gab da noch dieses Detail. Auf dem Weg vom Traum zur Wirklichkeit lagen neunzig Minuten Fußball, die so rasch wie möglich vorübergehen sollten, damit endlich der frühzeitige Karneval losgehen konnte.

Seitdem sind sechs Jahrzehnte ins Land gegangen, ohne dass diese neunzig Minuten aufgehört hätten – und beinahe alles, was zwischen dem ersten Ballkontakt und Mister George Readers Schlusspfiff geschah, ist Subjekt von Spekulationen, Folklore und Legenden geworden. Wir wissen, da es im Spielbericht der Fifa steht und es Videoschnipsel als Beweis gibt, dass Friaça zwei Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit Brasilien in Führung brachte. Dass Schiaffino in der 66. Minute ausglich – ein Gleichstand, mit dem Brasilien immer noch den Titel geholt hätte. Und dass schließlich Ghiggia in der 79. Minute über die rechte Seite stürmte, den Ball zwischen Barbosa und den Pfosten knallte und damit das verhängnisvolle 2 zu 1 diktierte.

Im Übrigen ein Maracanã voller Ungewissheiten, um das die Zeit immer mehr Nebel gelegt hat. Verpasste Obdulio Varela Bigode eine Ohrfeige? Wurde Juvenals Leistung durch den Kater beeinträchtigt, den er sich bei einem Besäufnis am Abend zuvor eingehandelt hatte? Hatte Flávio tatsächlich die Mannschaft aufgefordert, nicht aggressiv zu spielen? Wer hätte den Henker Brasiliens beim zweiten Tor decken müssen? Nahm Gambetta beim letzten Spielzug, einem Eckstoß für Brasilien, den Ball vor oder nach dem Schlusspfiff des Schiedsrichters in die Hand?

„Ich sah, wie ein Volk mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen das Stadion verließ, als würde es von der Beerdigung eines sehr geliebten Vaters kommen. Ich sah ein geschlagenes Volk, und mehr noch als geschlagen, ein hoffnungsloses Volk. Es tat mir im Herzen weh“, schrieb der Kolumnist und Schriftsteller José Lins do Rego am nächsten Tag im Jornal dos Sports. „All die Erregung der ersten Minuten des Spiels war zu spärlicher Asche eines erloschenen Feuers heruntergebrannt. Und da kam mir die größte Enttäuschung, die fixe Idee, dass wir tatsächlich ein Volk ohne Glück, ein Volk ohne große Siegesfreuden waren, stets von Pech und Knauserei des Schicksals verfolgt.“

Viertel vor fünf Uhr nachmittags, am 16. Juli 1950, und Uruguay war zum zweiten Mal Weltmeister geworden.

Celso de Campos Jr.,
1978 in São Paulo geboren, studierte Journalismus und Geschichte in seiner Heimatstadt. Als Journalist arbeitet er für die nationale und internationale Presse und war über zehn Jahre der Brasilienkorrespondent der britischen Fußballzeitschrift FourFourTwo. Sport ist eine seiner großen Leidenschaften: Er spielt für die brasilianische Autorenmannschaft Pindorama FC und schrieb zwei Bücher zum Thema Fußball: Eine Biografie der Torhüter-Legende São Marcos und einen Reportage-Roman über das Team Palestra Itália zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs.

Übersetzung: Wanda Jakob
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.