Gefallene Helden

Barbosa stirbt zum dritten Mal

Flávio Carneiro; Foto: Pressebild

Bühne im Dunkeln. Weicher Spot auf Barbosa, der auf seinem eigenen Grab auf einem Stuhl sitzt. Barbosa ist schwarz und 80 Jahre alt. Er trägt einfache Kleidung. Hinter ihm, oberhalb seines Kopfes, eine Leinwand, die das Publikum nicht sieht, da noch nichts darauf projiziert wird.

BARBOSA: Mein Name ist Moacyr Barbosa Nascimento, und man sagt, ich sei am 7. April 2000 gestorben, mit 79 Jahren.
Davor war ich Torwart bei Vasco da Gama und für die brasilianische Nationalmannschaft. Ich habe zweiundzwanzig Mal das Trikot der Nationalmannschaft getragen! Wissen Sie, was es heißt, bei zweiundzwanzig Spielen Stammspieler für Brasilien zu sein? Ich war bei der WM 1950 dabei, im brasilianischen Trikot. Die war allerdings keine WM, sondern ein Fest, ein ganz großes Fest. Es war wie im Film. Nur ohne Happy End.

Während dem folgenden Monolog Barbosas sind auf der Leinwand Bilder der Spiele von Brasilien bei der Weltmeisterschaft 1950 zu sehen. Wenn möglich, auch Bilder von Fans und Festivitäten.
Alle Bilder, jetzt und bis zum Schluss, haben keinen Ton. Nur bei dem Lied “Touradas em Madri” und wenn der Artikel aus der Fußballzeitschrift Placar vorgelesen wird, läuft Ton.

BARBOSA: Nachdem es zwölf Jahre lang wegen des Kriegs keine WM gegeben hatte, fand sie in Brasilien statt. Und ich werde Ihnen mal etwas sagen: bei allem Respekt für die anderen Länder und ihre Bevölkerung, die Wahrheit ist, wir ... wir hatten keinen Gegner. Mexiko erledigten wir mit 4 zu 0, Jugoslawien mit 2 zu 0, Schweden mit 7 zu 1 und Spanien mit 6 zu 1!
Und erst das Spiel gegen Spanien. Reporter nannten es auch noch Jahrzehnte später die beste Leistung, die je eine brasilianische Nationalmannschaft im Maracanã gezeigt hat! Es stimmte einfach alles, von der Abwehr über ein hervorragendes Mittelfeld bis in den Sturm. Und als Chico unser viertes Tor schoss, sangen die Fans Braguinhas Hit:

Der Anfang (etwa 30 Sekunden, nur bis zum Refrain) von Braguinhas “Touradas em Madri” ist zu hören. Barbosa singt die Melodie mit und hebt die Arme, ohne vom Stuhl aufzustehen. Man hört: “Eu fui às touradas de Madri pa ra ra tim bum bum bum ...”

BARBOSA: Und wir kamen ins Finale gegen Uruguay, gegen die furchtlose Mannschaft Uruguays, eine gute Mannschaft. Sie hatten Schiaffino, Obdúlio und ... [fährt sich mit der Hand über den Kopf] und sie hatten Gigghia. Aber sie hatten keine Chance gegen uns, erst recht nicht bei uns zuhause.

Während des folgenden Monologs sieht man Bilder vom Endspiel der WM: das ausverkaufte Stadion, die auf dem Feld aufgestellten Mannschaften, Spielzüge – alles, nur kein Tor.

BARBOSA: An jenem Sonntag, dem 16. Juni 1950, gehörte uns der WM-Titel bereits. Wir spielten lediglich um ein Unentschieden und wir spielten im Maracanã. Das Maracanã, die Bühne für eine Galashow.
In Rio de Janeiro lebten damals 2.303.000 Menschen. Und wissen Sie, wie viele im Stadion waren? 200.000! Ein Zehntel der Einwohner von Rio befand sich an jenem Sonntag im Stadion.
Sie erwarteten nichts weniger von uns als einen Torregen. Doch das Spiel war dann doch nicht so einfach, die Uruguayer waren gut. Sie hatten ihre Vorzüge. Und sie hatten Krallen und so gingen sie mit einem 0 zu 0 in die Pause.
Am Anfang der zweiten Halbzeit schießt Friaça ein Tor. 1 zu 0 für Brasilien! Der Pokal war uns sicher. Monsieur Jules Rimet war auch da, das Väterchen in Person, um uns zu überreichen, was wir uns nach diesem Feldzug redlich verdient hatten. Nur dass man vergessen hatte, sich mit den Leuten von der anderen Seite abzusprechen, denen mit dem blauen Trikot.
Der Ausgleich durch Schiaffino konnte uns nicht erschrecken. Wir hatten das Spiel vollständig unter Kontrolle und es war, als warteten wir nur darauf, dass der Ball ins Netz von Maspoli, ihrem Torwart, ging. Es war nur eine Frage der Zeit. Doch da ereignete sich die Tragödie.

Während des nächsten Monologs wird auf der Leinwand das zweite Tor Uruguays gezeigt, das Gigghia erzielte. Die Bilder dürfen Barbosas Worte über das Geschehen nicht vorwegnehmen. Wenn möglich, sollten seine Worte und die Bilder synchron sein. Wenn nicht, müssen die Bilder den Worten in kurzem Abstand folgen.
Anschließend Bilder von den Zuschauerrängen, die die Niedergeschlagenheit und Enttäuschung der Fans zeigen.

BARBOSA: In der 79. Minute ging der Ball über rechts zu Gigghia. Er lief fast bis zur Außenlinie und ich dachte: der flankt. Mir blieb der Bruchteil einer Sekunde, und ich warf mich dazwischen, um die Flanke abzufangen, es war ihm ja anzusehen, dass er flanken wollte. Aber der Idiot flankte nicht. Nein, dieser Hurensohn von Gigghia schoss direkt. Ich versuchte es noch, sprang in Richtung des Balls, aber es war schon zu spät. Der Ball ging zwischen mir und dem Pfosten durch, ziemlich knapp. Bis heute, selbst noch als Toter, spüre ich, wie mir der Ball entgleitet.
Sehen Sie nur, was für einen Unterschied wenige Sekunden im Leben eines Menschen, vieler Menschen, eines ganzen Landes ausmachen können! Wäre ich zwei Sekunden schneller gewesen, hätte ich den Schuss zur Ecke abgelenkt und Brasilien wäre 1950 Weltmeister geworden!
Und ich ... ich hätte ein anderes Leben gehabt.
Ich habe nicht versagt, es war kein Versagen. Es war unglücklich, genau, ein Unglück! Fragen Sie Augusto oder Danilo, fragen Sie Bigode oder Zizinho, unseren Champion, oder Sie fragen Ademir, den Torschützenkönig jener Weltmeisterschaft, fragen Sie ihn ruhig, oder eben unseren Trainer, Flávio Costa, fragen Sie Flávio, fragen Sie ihn nur! Mich trifft keine Schuld, es war nicht meine Schuld, es war ein Unglück, ein Unglück, verstehen Sie?
Aber bei der Presse war man anderer Meinung, die Brasilianer waren anderer Meinung. Sie brauchten einen Sündenbock. Und der Sündenbock war ich.
Die Höchststrafe in Brasilien liegt bei dreißig Jahren, für Mord. Ich verbüßte über vierzig Jahre Strafe für einen Fehler, den ich nicht begangen habe.
Damals, an jenem verhängnisvollen Sonntag, dem 16. Juli 1950, starb ich zum ersten Mal. Da können die Urkunden ruhig sagen, ich sei dann und dann gestorben, es ist ganz gleich. Denn das erste Mal, das erste tatsächliche Mal, starb ich an jenem Sonntag.
Ich spielte nach der WM noch ein paar Jahre weiter. Ich spielte bei Vasco, aber es war nicht mehr dasselbe. Man himmelte mich nicht mehr an wie früher. Nach und nach verlor ich den Anschluss, und nach und nach auch die Lust, wechselte von Vasco zu Santa Cruz, dann zu Bonsucesso und beendete meine Laufbahn bei Campo Grande. Ohne Glanz und Gloria, niemand erinnerte sich noch daran, was ich vor dem 16. Juli 1950 zustandegebracht hatte. Man löschte alles, was ich erreicht hatte, wie die Flamme einer Kerze, puff, einfach so, aus, das war einmal, wie eine erloschene Kerze.
Und jetzt, sehen Sie nur, wie die Dinge stehen: jetzt auch noch das.

Er gestikuliert und zeigt auf die Leinwand hinter ihm: Es erscheint ein Text, der in der Art eines Nachrichtensprechers aus dem Off gelesen wird.

Zeitschrift Placar, 3. Mai 2010
FRIEDHOF DROHT, TORWART BARBOSAS GRAB AUFZULÖSEN
Nur 378 Real können die sterblichen Überreste des Spielers noch retten, der für die Niederlage bei der WM 1950 ans Kreuz genagelt wurde. Weltmeisterschaften können Idole stürzen. Der berühmteste Fall ist Barbosa, Torwart der WM von 1950, die in Brasilien stattfand. Nachdem ihn die öffentliche Meinung für den verpassten Titel verantwortlich machte, als er vom Uruguayer Ghiggia ein Tor kassierte, trug er fünfzig Jahre lang dieses Kreuz mit sich herum. Nun, zehn Jahre nach seinem Tod, steht Barbosa erneut im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung. Wenn Barbosas Hinterbliebene die 378 Real nicht zusammenbringen, sollen seine Gebeine eingeäschert werden. Barbosa “zu retten” hat sich Tereza Borba vorgenommen – die er wie eine Tochter aufgenommen habe, wie sie sagt. Sie war Kioskbesitzerin am Strand, als sie “Neguinho” kennenlernte, der gerade seine Frau Clotilde verloren hatte. “Ich erhielt einen Anruf und man sagte mir, ich bräuchte die 378 Real. Aber ich kann mir das nicht leisten, ich bin arbeitslos und nehme Medikamente für die Nieren.” Wenn Tereza das Geld nicht auftreibt, werden Barbosas Gebeine verbrannt, in einen Plastikbeutel mit Zippverschluss gepackt und anschließend in einer Gemeinschaftsurne deponiert, in der es nicht mehr möglich sein wird, die sterblichen Überreste des ehemaligen Idols zu identifizieren.

BARBOSA: Nicht einmal nach dem Tod lassen sie mich in Frieden. Ich bin schon zweimal gestorben, zweimal! Und nicht einmal jetzt lassen sie mich ruhen. Da kommen sie schon und wollen meine Knochen ins Gemeinschaftsgrab legen. Die Knochen eines Kämpfers, eines wahren Kämpfers, der mit Zähnen und Klauen die Nationalmannschaft verteidigt hat, ganz Brasilien verteidigt hat!
[Er redet aufgeregt, dann schweigt er, atemlos. Er holt Luft.]
Soll ich Ihnen etwas sagen? Wenn sie es so wollen, sollen sie es haben. Sie sollen mich noch einmal umbringen und mich dann endlich in Frieden lassen, in meinem Winkel.

Er sieht nach oben in den Scheinwerfer.

BARBOSA: Licht aus, jemand soll bitteschön das verdammte Licht ausmachen.

Langsam geht das Licht aus.
Barbosa senkt den Kopf und bleibt so bis zum Schluss.
Das Lied von Braguinha ertönt, “Touradas em Madri”, in der Aufnahme von Carmen Miranda.
Währenddessen erscheinen auf der Leinwand Fotos von Barbosa und den Spielen von Brasilien bei der WM 1950.

Flávio Carneiro,
geboren 1962 in Goiânia, ist Schriftsteller, Essayist, Drehbuchautor und Literaturkritiker. Als Dozent lehrt er Brasilianische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Seine Arbeit umfasst Romane, einige Bücher für Kinder und Jugendliche, und eine Sammlung von Kurzgeschichten. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er 2007 den „Barco a Vapor“-Preis für den Roman „Die Entfernung der Dinge“.
www.flaviocarneiro.com.br

Übersetzung: Wanda Jakob
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.