Gefallene Helden

Gefallener Held
oder
Ich bin ein Mensch, und allein ein Mensch.

Roberta Estrela D'Alva; Foto: Tathy Yazigi

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Ich bin ein Mensch, genau.
Vor allem
trotz allem
und alles in allem
ein Mensch.

(Pause)

Der verfemte Dichter schrieb, als sei’s wahr:
Besinge gefallene Engel, klar, kannst sie beklagen
doch das hat keinen Sinn. Er meint solche Gefallenen,
wie ich’s einer bin (oder Charles, Engel 45),
meint alle, die längst vergessen sind.

Doch lass ich die Stimme erklingen,
die zuvor in verstohlenen Strophen verborgen,
sie zeugt von grausamen Sorgen,
sie zeigt das erbitterte Ringen
um ein Schicksal, das ohne den Glauben
an Gottes Gerechtigkeit zittert,
nur Schlechtigkeit
wittert.

(Pause)

Die Kindheit war Hütte
war Schlamm und war Sand
war Prügel, war Wind
war Traum, war Papier
für die Drachen am Himmel
war jetzt und war hier, war Hitze
war barfuß am Ball
war immer und überall
Fußball.

War Ball auf dem Feld
und das Feld war unendlich
und das Feld war die Welt
und das Feld war Asphalt
und das Feld war aus Lehm,
war schon Mengo und Vasco
Palmeiras, Corinthians,
war ein Schritt
hinaus in die Welt,
ins Universum der Sterne,
in ein Leben, ersehnt aus der Ferne,
unter Vertrag und aus Gold,
in dem der Ball rollt, und der Rubel,
ein Leben mit dem Jubel der Fans,
mit Gloria und Glanz,
mit Drama, Rasanz.

(„Negro Drama“ von den Racionais MCs wird eingespielt. „Schwarzes Drama, zwischen Flop und Fortuna. Zwischen Asche und Ärger, Neid und Applaus, Kaviar und Aus. Schwarzes Drama, krauses Haar und dunkle Haut. Verletzung, Knockout, wie kommst du hier raus …“)

Du Affe!
Ein Schlag, eine Geste, und all dieser Hass
Du Affe!
Der Ball, das Siegerpodest, das Tor
Du Affe!
Kaliber fünfunddreißig, oder eine ähnliche Waffe
Verletzung, Bitterkeit, Wut brachen hervor

Ich wollte schreien
(in meinen Augen der Hass)

wollte stehen bleiben
(zwischen den Zähnen der Zorn)

doch die Wut trieb mich nach vorn
(der Ball muss ins Tor!)

(man hört, begleitet von afrikanischen Trommeln, den Mitschnitt der Tore im Spiel Atlético Mineiro gegen Juventus bei der Copa do Brasil 2010. Für den Stürmer Obina war es das erste Spiel bei einem brasilianischen Pokalwettbewerb. Beim Training in Rio Branco (dem Sitz von Juventus) beschimpften gegnerische Fans ihn als „Affe“. Als Antwort darauf schoss Obina beim Pokalspiel fünf Tore für Atlético Mineiro, Rekord aller von einem einzigen Spieler in einem Spiel geschossenen Tore und bisher nur von Luis Fabiano erreicht. Atlético Mineiro gewann 7:0)

Das gibt ein Tor! Wir werden Meister!
Das Jubeln der Fans im Ohr
ist Balsam
auf Wunden,
lindert scheinbar
den Schmerz,
glättet Kanten am Herz,
Groll verpufft an der Luft,
und ich bin scheinbar
gerettet, gepanzert, geschützt
vor Seelengeschützen,
bin scheinbar
in meiner Rolle:

Alles unter Kontrolle.

„Jetzt bin ich der Torschütze und keiner hält mich auf.“

(Der Rio Funk Song „Jetzt bin ich Single und keiner hält mich auf“ von Gaiola das Popozudas wird eingespielt)

Dank meiner Gabe, meines Talents
bereiste ich jeden Kontinent,
bekam jede Frau, die mir gefiel,
rächte mich wie ein Regent am Ziel.
Hab auf mein Geld nicht nur nicht aufgepasst,
ich hab’s verprasst.

Konnte Opa und Enkel im Weinen vereinen,
Poesie war es, was ich mit dem Ball angestellt,
sang die Hymne mit Inbrunst, war mit mir im Reinen,
der Anpfiff trieb mich wie im Fieber übers Feld.

(ein Pfiff, und er singt ein erfundenes Karnevalslied)

„Platz gemacht, jetzt komme ich, ich bin jetzt dran,
ich bin genau der richtige Mann, das geht genau jetzt seinen Gang!
Das Feld ist meine Welt, und sie ist wahr, so muss es sein, keine Frage, ich tu’s!
Das Schicksal eines Mannes, der sein Leben ändert mit dem Ball am Fuß.“
(Das Lied geht über in „Roda Viva“ von Chico Buarque. „Rad des Lebens, Rad des Entstehens, Rad des Vergehens, kreisendes Rad. Schon wieder ist Zeit vergangen, mein Herz, das folgt seinem Pfad.“)

Das Messer der Zeit schnitzt wieder einmal an einem Schicksal.

An jenem Tag
hat sich das Rad gedreht
zwischen mir und dem Tor
hat sich das Rad gedreht

Elfmeter, Strafstoß!

Und ich hab kapiert,
warum das Wort Strafstoß „Strafe“ impliziert.
Bestraft nicht bloß den Stoß. Bestraft eigentlich dich.

„Der gehört dir!“
Riefen Trainer
Verteidiger
Schiedsrichter,
rief das gesamte Stadion.

Zwischen mir und den Latten des Tors: eine Mission.
An mir hing jetzt die Zukunft der Nation
das Ende von Hunger und Hungerlohn,
alle Hochzeits-Jaworte, alle Passion,
das Ende von Krieg und von Barbarei,
und alle Gefangenen kämen frei.

An einem einzigen Menschen!
An mir!
hing millionenfaches Glück
in diesem Augenblick.
Es gab kein Zurück, ich hab alles gegeben, es hat sich ergeben.

„D A N E E E E B E N!!!“

Verpatzt, um wenige Zentimeter!
Verpatzt! Verpatzt!
Verpatzt den Elfmeter!
Und die Grabesstille
besagte:
„bittere Pille“.

Dann das Geschrei, das Durcheinander, der Wahn,
der Siegestaumel der gegnerischen Fans,
das Stadion war ein einziger Vulkan,
alles vermischt zu einem tosenden Orkan.

Hätte ich bloß …
Hätte ich bloß nicht …
Hätte ich bloß …
Wär vielleicht der Stoß …
Hätte ich bloß
Hätte ich bloß
Hätte ich bloß …

(Fußballfan-Gejohle wird eingespielt)
(lange, geräuschlose Pause)

Ich erwache,
ich öffne die Augen und seh in die Gesichter
der Richter, die in einem stummen Theater
über mich urteilen,
mich verurteilen.
Die Strafe kommt sicher, was macht das schon,
Ich suche trotzdem Absolution,
mein tägliches Habeas Corpus.

Ich löffle mein Frühstück
ohne Illusion,
für den Rest meiner Tage wird die Niederlage
mein sein, und der Schmerz ist kein Scherz.

Von heute auf morgen war alles vorbei.

SCHULDIG!
„Mein Opa starb aus Kummer vor so viel Pfuscherei.“
SCHULDIG!
„Die Freude wurde zu Grabe getragen, alle Hoffnung im Lande begraben.“
SCHULDIG!
„Der kommt alleine nicht mehr auf die Beine!“
SCHULDIG!
„Wir werden ihn nicht vermissen, er hat einen Fan auf dem Gewissen.“

Ich zweifle an dem, was mir klar war,
nur die Zweifel bezweifle ich nicht,
ich mach dicht, will die Stimmen nicht hören,
will nur noch mein Herz betören,
will vor allem die Schuld zerstören.
Doch die Anzeigetafel spricht Bände,
sie ist keine Simulation, wie trenn ich am Ende
Wirklichkeit und Illusion.

Was hat mich hierher gebracht,
was hab ich nur falsch gemacht,
was hält sich die Waage,
keine Frage, es war meine Wahl,
diese Qual, und nichts wiegt
ein gebrandmarktes Vieh auf,
ein verfluchtes fait accompli.
Ich trag auf der Stirn das Zeichen,
kein Kreuziger lässt sich erweichen.

Man zeigt mit dem Finger auf mich
SCHULDIG
Alles ist aus
SCHULDIG
Das Urteil lautet
SCHULDIG

Wenn wir nicht das eine Spiel vermasseln,
sondern unser ganzes Leben,
bleibt uns nur, die Seiten der Geschichte
zu zerknüllen, aufzugeben.
Die Kehrseite des Ruhms
heißt Zerstörung, Ungeschick,
und was längst
vergessen schien,
kehrt als Urteilsspruch zurück.

Wenn ich durch die Straßen lief, riefen Blicke
„Du Versager!“
Traf der Schmerz mich mittenmang ins Herz
Tag für Tag erneut der Schmerz traf ins Herz …
„Neger … Das musste ja so kommen …“
Es war wie früher, jetzt hörte ich es wieder
und der Schmerz traf mitten ins Herz …

Herzmuskelquetschung
ein Schmerz, so fatal …
Wut geht an die Nieren
ein Schmerz, so brutal …
Der offene Bruch meiner Ehre
ein Schmerz, so frontal …
Dieser nicht enden wollende Fall

Glück vergeht wie der Schall, nur das Unglück ist zäh,
die Fotos in der Presse verschwanden jäh,
doch das Trauma der Seele blieb unüberwunden,
und der Schmerz schmerzte stetig und unumwunden.

Ich trank mich ins Koma, um nicht zu denken,
wollte die Nerven in Ethanol ertränken,
Überlebensgesöff und Schmerzmitteltrunk,
von meinem Leben blieben nur Scherben,
für mich hieß es trinken oder sterben.

Und ich trank und trank und trank
Und ich trank und trank und trank
Und ich trank und trank und trank
Und ich trank und trank und trank

(Pause)

Wieder einmal lief ich allein durch die Straßen,
wie immer diese Kälte, die Blicke, die mich maßen

„Das ist dieser Neger, mein Sohn, dein Opa sprach davon.
Er verkriecht sich dort oben auf dem Berg in dem Haus,
nur manchmal braucht er Sonne, dann kommt er auch mal raus.“

„Der den Elfmeter verhauen hat, Papa?
Wegen dem ham wir alle verloren, nicht wahr?
Wenn ich der wär, ich bliebe im Haus.
Warum geht der überhaupt an die Sonne raus.
Der ist dochn Neger
Da ists doch egal.“

Der kleine Hosenscheißer, der kaum den Windeln entwachsen war
und nachplapperte, was er Borniertes gehört hatte, klar,
Respektlosigkeit, Dummheit, denen ich heute nur dankbar bin,
denn dieser Moment war ein Neubeginn.
Seine Verachtung war so bösartig, tief,
dass sie all das befreite, was in mir schlief
und mir ein Riesengewicht vom Herzen nahm.
Die Worte waren nicht länger zahm:

Hei, du Knirps,
denk erstmal nach, bevor du glaubst, was sie dir sagen.
Wir sind viele, die im Spiel versagen,
und wir versagen weiter, ham kein Ziel mehr im Leben,
kaputtes Rückgrat, sind dem Schicksal ergeben.
Alkohol in Blut, im Morgengrauen Tränen,
und unsere Schwäche brauch ich gar nicht erst erwähnen,
sie ist sichtbar, wird verurteilt und verlacht.
Ich meine jene, welche stolpern, liegen bleiben,
ein Todesfall, Gewalt, die Liebe, eine Frau,
die Trennung vom Bruder, ein Streit, ja, genau,
ein verlorenes Spiel, eine Karriere auf Sand,
ein Verlust, den man niemals so richtig überwand,
ein K.O.-Schlag im Kampf, schon steht man an der Wand.

Ich sprech für die, die das Zeichen tragen,
die ein einziger Fall zu Fall gebracht hat -
Ein Fall! Ein einziger Fall! - die versagen.
Wo ist der Held, der über sie richtet? Der trete hervor!
Und werfe den ersten Stein, dieser Tor!

Ganz ruhig, mein Junge, was du brauchst, ist Respekt,
„Das Leben ist eine Mühle“, heißt’s in dem Lied ,
man ist längst nicht immer seines Glückes Schmied,
wer weiß schon, was das Morgen für dich ausgeheckt.
Die Steine auf dem Weg
sieht man erst, wenn man ihn geht.

Es geht hier um Menschlichkeit, Junge,
und ich bin ein Mensch,
ich bin ein Mensch, mein Junge,
ich bin ein Mensch.

Ich bin ein Mensch, genau.
Vor allem
trotz allem
und alles in allem, mein Junge,
ein Mensch.

Roberta Estrela D'Alva
ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. Sie ist Gründungsmitglied der ersten Hiphop The-aterkompanie Brasiliens, „Núcleo Bartolomeu de Depoimentos“, sowie der Initiative „Frente 3 de Fevereiro“, die Performances entwickelt und gemeinsam an Büchern, Dokumentationen und Recherchen arbeitet. Innerhalb dieser beiden Kollektive engagiert sie sich als Schauspie-lerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Dramaturgin und war 2006 zum Projekt „Zumbi so-mos nós“ während der WM in Berlin. D'Alva ist außerdem Initiatorin des ersten Poetry Slams Brasiliens, des „ZAP! Zona autônoma da Palavra“ (Autonome Wortzone).

Übersetzung: Odile Kennel
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.