Gefallene Helden

Der Held

Veronica Stigger; Foto: Eduardo Sterzi

Joel hatte vergessen, wie beschwerlich es war, mit Fußballschuhen außerhalb vom Rasen zu laufen. Erst recht mit diesem alten, schweren Paar aus schwarzem Leder mit weißen Schnürsenkeln und mit Nägeln befestigten Noppen.

Joel hatte auch vergessen, wie ihm die Nägel der Noppen stets die Füße aufrissen und er am Ende des Spiels unvermeidlich blutete und seine ursprünglich so weißen Socken rotgetränkt waren. Aber es war schon ein Glück, dass er die Fußballschuhe nach vierundsechzig Jahren, die er sie nicht getragen hatte, überhaupt noch verwenden konnte – vierundsechzig Jahre, in denen er sich zwei ordentliche Überbeine und jede Menge Hornhaut an den Zehen zugelegt hatte. Mit dem Trikot hatte er weniger Glück. Das weiße Hemd mit dem blauen Polokragen passte nicht mehr über die Schultern; und die ebenfalls weißen Hosen nicht mehr über die Oberschenkel. Joel musste sich etwas einfallen lassen. Er trennte die seitlichen Nähte von Hemd und Hose auf, um sie zu ändern.

Nach der langen Zeit war der Baumwollstoff des Trikots nicht mehr aufzutreiben. Einen Stoff wie diesen stellen sie gar nicht mehr her, dachte er traurig. Also zog er zwei weiße Geschirrtücher ganz hinten aus einer Küchenschublade und besserte damit sein Trikot aus. Man kann nicht sagen, dass es wirklich gelungen war, erst recht nicht hübsch, aber es tat seinen Dienst. Er musste genau diese Trikotkombination tragen, die seit Jahrzehnten in der Kommodenschublade in seinem Schlafzimmer vor sich hin moderte und die Motten ernährte. Joel hatte es sich selbst gelobt. Und sagte unaufhörlich den Spruch, den er Konfuzius zuschrieb, vor sich her: Sieh zu, dass das, was du gelobst, gerecht und möglich ist, denn ein Gelöbnis ist eine Verpflichtung. Es war gerecht. Es war möglich. Joel hatte keine Zweifel daran.

Und er verließ in schneidenden Fußballschuhen und einem von Motten zerfressenen und schlecht geflickten Trikot seine einfache Hütte aus Holz, die einst seiner Mutter und jetzt ihm gehörte. Er trug einen schwarzen Rucksack auf den Schultern, der prall und vollgestopft war, aber nicht schwer zu sein schien. Auf dem Kopf trug er den Tropenhelm, mit dem sein Großvater in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Brasilien gelangt war. Der Hut war vom Großvater auf den Vater und vom Vater auf Joel übergegangen. Als Joel ihn in Empfang nahm, an seinem fünfzehnten Geburtstag, sagte sein Vater: Gib acht auf ihn, Joel, dieser Hut stammt von weither, aus einem anderen Land, er ist das Einzige, das uns von deinem Großvater geblieben ist, und unser höchstes Gut; darum darf er auch nur in besonderen Momenten getragen werden.

Joel hatte ihn bislang nur bei einer einzigen Gelegenheit getragen: als er zum ersten Mal beim Verein vorspielte. Nun, bei dieser Partie, die seine letzte sein würde, war es an der Zeit, ihn noch einmal aufzusetzen. Und da ging er dann, zu Fuß, auch das Teil seines Gelöbnisses. Joel wusste, dass er eineinhalb Stunden für den Weg brauchen würde. Und wenn schon. Er hatte es so beschlossen. Er ging langsam, ernst, mit erhobenem Haupt, die Arme im nutzlosen Versuch, die missglückten Änderungen an Hemd und Hose zu verbergen, seitlich angelegt. Joel sah auf seine Fußballschuhe, die er am Tag zuvor liebevoll poliert hatte, und übte sich in einem Lächeln. Im Gegensatz zum Trikot strahlten sie in vollem Glanz.

Das macht gutes Leder aus: Es hält sich länger als wir Menschen, dachte er. Sein linkes Bein hinkte ein wenig. Vor etwa zwei Tagen hatte das Knie wieder angefangen, Beschwerden zu machen, wie in alten Zeiten. Es musste von den Vorbereitungen herrühren, überlegte er. Er hatte sich mit den jungen Leuten um zehn Uhr morgens vor dem Getränkezulieferer verabredet, im Osten der Stadt. Er sah auf die Uhr: noch drei Stunden bis zum vereinbarten Zeitpunkt. Es blieb sogar noch Zeit, um auf dem Weg einen Halt einzulegen, wenn es nötig würde. Joel war müde. Ziemlich müde. Das Jahr zuvor hatte ihn viel Mühe gekostet. Er hatte den ganzen August, September und Oktober damit verbracht, Kronkorken und Dosenringe von Erfrischungsgetränken zu sammeln. Er wollte - koste es, was es wolle - das Gewinnspiel namens “Sing und nimm alle zu den Spielen mit” gewinnen. Joel selbst trank allerdings keine Erfrischungsgetränke. Nicht, dass sie ihm nicht geschmeckt hätten, doch es widersprach seinen Prinzipien – Prinzipien, von denen er meinte, sie seien die eigentlichen Verantwortlichen dafür, dass er in der Vergangenheit gestrauchelt war.

Da er keine Erfrischungsgetränke trank, musste er die Kronkorken und Dosenringe einsammeln, die die Leute auf den Kneipentischen liegenließen. Das Problem lag darin, dass nicht nur er am Gewinnspiel teilnehmen wollte. Und so gab es kaum einen, der die Korken und Dosenringe zurückließ. Joel hatte Juraci aus der Kneipe an der Ecke zu überreden versucht, ihm ein paar Korken und Ringe aufzuheben, doch Juracis Sohn sammelte ebenfalls. Um September herum erkannte Joel, dass er nicht so viele Korken und Ringe zusammengebracht hatte, wie es ihm lieb gewesen wäre, und er begann sich Sorgen zu machen. Die Getränke zu kaufen, kam nicht in Frage. Was also tun, wenn es nicht ausreichte, einfach nur das, was bei Juraci liegenblieb, einzusammeln?

Da beschaffte sich Joel einen riesigen Müllsack, warf ihn über die Schultern und ging auf die Straße, um die Getränkedosen des Gewinnspiels zu sammeln sowie den ein oder anderen Kronkorken, den er auf dem Weg fand. Doch an nur wenigen Dosen war der Ring noch dran, und die Menge der Korken, die er an einem langen, mühsamen Tag aufsammelte, gänzlich unbedeutend. Er ging so weit, den Bettlern aus der Gegend einen Tausch vorzuschlagen: zehn Dosen für einen Ring. Doch die erzielte Ausbeute war unbefriedigend, denn auch sie fanden kaum Dosen mit Ring. In einem Moment der Verzweiflung, als er das Unternehmen beinahe schon aufgeben wollte, hatte Joel eine Idee: Er würde sich die Ringe und Korken direkt vom Supermarkt holen. Es wäre kein Diebstahl, vielmehr Enteignung, dachte er bei sich. Eine Art Finanzierung. Ja, genau, eine Finanzierung. Er warf sich in Schale: den Anzug mit Krawatte und Weste, den er vor mehr als zwanzig Jahren bei der Beerdigung seiner Mutter getragen hatte. Er fand, der Anlass mache es erforderlich. Er nahm den schwarzen Rucksack, um darin die Korken und Ringe zu verstauen, und bestieg den Bus zum größten und am weitesten von seinem Zuhause entfernten Supermarkt, wo ihn niemand erkennen würde. Es musste der größte Supermarkt und die geschäftigste Zeit sein, damit sein Tun unbemerkt bliebe.

So stellte er sich das jedenfalls vor. Die Wachleute bemerkten seine Anwesenheit sofort. Sie unterbrachen, was sie gerade taten, um mit ihren Augen den langsamen, sicheren Bewegungen jenes großgewachsenen, leicht gebeugten, doch imposanten, weißhaarigen Herren zu folgen, der trotz des Rucksacks auf dem Rücken so fein gekleidet war. Er schien aus einer anderen Zeit zu stammen, aus einer Zeit, in der es noch Helden gegeben hatte. Ehrerbietig ließen sie ihn passieren, ehe sie sich wieder ihren Aufgaben zuwandten. Sie würden den Frieden jenes Herren nicht stören. Im Supermarkt ging Joel geradewegs zur Getränkeabteilung und machte sich so unauffällig wie möglich daran, die Ringe der zum Verkauf stehenden Getränkedosen und die Korken der kleinen, mittleren und großen Flaschen zu entfernen. Es war nicht einfach, kein Geräusch zu erzeugen, wenn er den Ring losriss und den Korken abdrehte. Und vor allem die süße, heiße Soße nicht auszuschütten.

Doch Joel war ein Champion und entwickelte innerhalb kürzester Zeit eine Technik. Jeden Tag ging er zu einem anderen Supermarkt, um nicht aufzufallen. In seinem Wohnzimmer wuchs der Haufen mit den Korken und Ringen. Nun musste er nur noch den Nummernkode eines jeden einzelnen im Internet registrieren. Joel besaß keinen Computer und wusste nicht einmal, wie man einen benutzte. Er bat Juraci um Hilfe, der ihm den alten, bunten Computer seines Sohns schenkte. Joel war kein Champion, er war der König. Bald entdeckte er das Passwort von Juracis Wlan und verbrachte anschließend seine Tage damit, die Kodes im Internet zu registrieren. Er erfuhr, dass man als Kandidat seine Gewinnchancen verdreifachen konnte, indem man das Liedchen trällerte, mit dem der Getränkehersteller die WM, die Regierung und die Nationalmannschaft in den Himmel lobte. Eine Erniedrigung, der sich Joel auch noch aussetzte. Er musste gewinnen. Im Internet lernte er dann auch die jungen Leute kennen. Er hatte in der Zeitung von den jungen Gruppen gelesen, die auf den Demonstrationen den Älteren schützend zur Seite standen. Das war es, was er brauchte. Es war beklagenswert, sich einzugestehen, dass er nicht mehr der alte war. Er konnte nicht alleine hin und hatte auch keinen Freund, auf den er hätte zählen können.

Raulzito hatte sich vor zwei Jahren den Oberschenkel gebrochen und konnte nicht mehr laufen, Moises erkannte niemanden mehr. Wenn er beim Gewinnspiel gewann, würde er hundert junge Leute ins Stadion mitnehmen können. Aber Joel gewann nicht. Die Niederlage ließ ihn allerdings nicht den Mut verlieren. Ein Gelöbnis ist eine Verpflichtung und sein Gelöbnis war gerecht und möglich. Er schrieb den jungen Leuten, und furchtlos nahmen sie die Herausforderung an. Einer schlug vor, sie sollten sich die LKWs von ebenjenem Getränkehersteller, der das Gewinnspiel ausgeschrieben hatte, zunutze machen. Er habe einen Freund, der dort arbeitete und ihnen würde helfen können. Joel gefiel die Ironie daran. Und deshalb war er nun auf der Straße unterwegs, zu Fuß, wie er gelobt hatte. Ach, was für ein Tag, sagte er und atmete tief ein, als er die Tür seines Hauses vor einer Stunde hinter sich schlug.

Gleich würde er die hundert jungen Leute an dem vereinbarten Ort treffen und, ehe sie sich heimlich in die Lieferwagen stahlen, die sie zum Stadium transportieren würden, zuversichtlich und glücklich sagen: Die Stunde des Sieges ist gekommen. Sie würden in den Katakomben warten, bis das Spiel begann, ohne Wasser, Licht und Verpflegung, und dann, eine Viertelstunde vor Spielende, die Zuschauerränge hinauflaufen, über die spärlichen Hindernisse des neuen Stadions springen, das Feld erstürmen und bis zum Mittelkreis rennen, wo sie etwas von Bestrafung und Gerechtigkeit skandieren würden, um schließlich, noch ehe die Polizei sie fassen und festnehmen würde, ihre Rucksäcke zu öffnen und Tausende hungriger Heuschrecken freizulassen, die gierig über den Rasen hüpfen, so dass alle, auch die Polizei, über den dunklen Teppich in Verblüffung gerieten, der sich weitläufig und bedrohlich auf dem grünen, erst kürzlich gesähten Rasen der Millionenarena ausbreiten würde.

Veronica Stigger
ist Schriftstellerin, Kunstkritikerin und Universitätsprofessorin. Sie promovierte an der Hochschule für Kommunikation und Kunst São Paulo, und als Postdoktorandin an der Universität La Sapienza in Rom, sowie am Museum für Zeitgenössische Kunst der Universität São Paulo. Sie leitet das Fach Literatur an der Internationalen Filmakademie und ist Professorin für Kunstgeschichte und Fotografie an der Fundação Armando Álvares Penteado (FAAP). Sie hat die Bücher „O trágico e outras comédias“, „Gran Cabaret Demenzial“, „Os anões“ und „Opisanie świata“, das 2013 mit dem „Preis Machado de Assis“ der Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde. Einige Texte wurden bereits ins Katalanische, Spanische, Französische, Schwedische, Englische, Italienische und Deutsche übersetzt.

Übersetzung: Wanda Jakob
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

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