Gefallene Helden

laufwege oder:

Albert Ostermaier auf dem Erlanger Poetenfest 2011 © CC-BY-SA-3.0

ode an julius hirsch

im sturm den rücken gebückt
als ihm noch alles glückt
auf links den ball über die linie
gedrückt das volk verzückt
die kirsche gepflückt und gleich
den holländern vier stück kein
kick ohne zauber kein trick
ohne fairplay nur toreheimweh
gentlemen in kurzen hosen
ganz ohne turnvaterjahnposen
noch gibts keine hatz auf dem
engländerplatz den rasen kurz
geschoren haben sie sich dem
sieg verschworen der nation
juller läuft im laufschritt juller
er hat die kugel er schiesst
das eiserne kreuz auf der brust
bricht ihm als stern das herz
darunter er wird zu stein den
aktenkoffer umklamert steht er
den rücken nach vorn gebeugt
am spielfeldrand den linken
fuss schwingend verliert er
sein gleichgewicht stürzt er
aus dem zug in frankreich
verrückt ohne fussball rast er
ins leere trennt er sich mit
einer täuschung von frau und
kind wie von einem gegner läuft
davon sie zu schützen ins messer
verbannt auf den schrottplatz
wartet er in seinem strafraum
zu lange auf ein wunder die
wende in letzter minute vor
dem apfiff schickt er eine
karte abgestempelt als der
zug schon abgefahren ist
meine lieben bin gut gelandet
es geht gut komme nach
oberschlesien noch in deutschland
herzliche grüsse und küsse
euer juller steht vor einem
tor nach dem es keine hoffnung
gibt und keinen weg zurück
ins spiel den rücken gebeugt
über links wo sein herz noch
immer pässe schlägt

****

diretas já oder: ode an sokrates

der fussball ist es sprach sokrates
der sich von dem spieler abwendet
kein spieler gibt seine karriere auf
ein septischer schock der magen
zerfressen ein ball ohne zweite luft
immer wieder gegen alle wände
geschlagen aufgeschürft wie ein
gesicht das keine träne weint
sondern den letzten tropfen gin
der ihn zum überlaufen brachte
hinter das mittelfeld des lebens kein
hackentrick mit dem sich der tod
noch täuschen liesse keine zwei
schritte für einen strafstoss einen
schuss wie ein faustschlag aufs
herz des verloren geglaubten er
glaubte bis zum schluss an den
sieg wir gewinnen er war immer
quer über den platz gegangen
träge geschlendert mit erhobener
stirn das band seiner gedanken
in die stadien tragend diretas já
ich wäre gern ein kubaner und
war doch mehr als das arzt
trainer sänger maler dramaturg
und in allem spieler und als
spieler künstler kein athlet nie
asket rauchte er die ketten um
seinen kehlkopf trank wie ein
ertrinkender nach luft schnappt
ich habe weder hepatitis a oder c
es war der alkohol diagnostizierte
der doktor sich selbst und dachte
nicht ans aufgeben die revolution
geht weiter das leben ist die pure
freude danke danke danke sokrates

Albert Ostermaier,
der in München lebende Schriftsteller ist vor allem als Lyriker und Dramatiker bekannt geworden. 1995 wurde er mit seinem Theaterstück “Zwischen zwei Feuern” als dramaturgisches Talent entdeckt und arbeitete anschließend als Hausautor am Nationaltheater Mannheim, am Bayrischen Staatspielhaus München und am Burgtheater Wien. Seine Theaterstücke wurden von vielen namhaften Regisseuren inszeniert, u.a. von Andrea Breth und Martin Kušej. Ostermaier wurde mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt, darunter der Ernst-Toller-Preis, der Kleist-Preis, der Bertolt-Brecht-Preis und zuletzt für sein literarisches Gesamtwerk mit dem „WELT“- Literaturpreis 2011. Ostermaier spielt als Torwart bei der Autorennationalmannschaft und kuratiert für die DFB-Kulturstiftung.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
feedback@saopaulo.goethe.org

    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.