Gefallene Helden

ULI HOENESS: Ich kann nicht weg

Evi Simeoni; Foto: Privatarchiv

Ich kann nicht glauben, dass ich im Gefängnis bin.
Das bin ich nicht. Ich liege nicht auf dieser Pritsche, ich sitze nicht auf diesem Stuhl, hinter mir schließt keiner die Türe ab. Keiner.
Ich friere. Ich friere.
Ich werde woanders gebraucht. Ich brauche ein Telefon und meine Sekretärin. Mein Platz auf der Tribüne darf nicht leer bleiben. Der Richter wusste nicht, was er tat. Er kannte meinen Namen, aber er wusste nicht, wer ich bin. Dass ich auserwählt bin. Dafür gibt es Beweise, die jeder kennt.
Ich habe alle Titel gewonnen, die es gibt. Alle müssen sich erinnern an mich. An meine scharfen Läufe in Richtung Tor. Ich war der schnellste Stürmer, ich flog nach vorne, die Ellbogen locker, ohne Furcht, den blonden Helm auf dem Kopf. Das war ich vor vierzig Jahren. Und das bin ich heute. Mich kann man nicht herunterspielen.
Der Ball kommt von Paul, ich bin sicher, dass der Ball zu mir kommen wird, mein Herz sieht ihn fliegen, mein Herz kann ihn lenken, ich laufe los, der Pass sucht mich, als wäre ich ein Magnet, ich treibe den Ball vorwärts, niemand kann mir folgen, ich spüre, wie die Spieler von Atletico schrumpfen, nichts mehr zu hören, sie wissen, nur ich kann hier gewinnen, ich bin es, der einzige Gewinner hier. Der Torwart verkrampft bei meinem Anblick, er macht die Beine breit, ja, er macht die Beine breit, und ich trete den Ball hindurch, ins Tor, ins Tor.
Ihre Schultern hängen schon, Atletico hat aufgegeben, aber ich bin noch nicht satt, ich mache es wieder, von der Mittellinie sprinte ich los, ich bin ein Grashüpfer, du kannst meine Bewegung nicht sehen, ich bin plötzlich weg und plötzlich da. Nur noch ein einziger Gestreifter steht mir im Weg, ich lasse ihn zappeln, ich kann ihn mit der Kraft meiner Blicke zucken lassen, gehe rechts vorbei, Eusebio kommt von hinten angerannt, nur ein Schatten hinter meiner Schulter, an mich kommt er nicht heran, und dann ist es ganz leicht. Der Torwart ist fort. Ich schiebe locker ein, ein, ein.
Brüssel 1974. Ich halte den Europapokal der Landesmeister hoch, wir sind die ersten Deutschen, die das schaffen.
Wir werden im Sommer Weltmeister und posieren in Badehosen. Wir sind schlank und sehen gut aus, mein Brusthaar knistert, wir sind München, wir sind Deutschland, wir sind die Welt, es gibt nur uns und unsere Zigarren.
Deutschland hat einen schrecklichen Fehler gemacht.
Ich bin unverwundbar. Aber wo ich jetzt bin, wissen sie das nicht. Man kann den Beifall für mich hier nicht hören. Die Wände sind dick, die Türen unrechtmäßig verschlossen, man lässt mein Glück nicht zu mir vor. Aber draußen klatschen sie ohne Stocken weiter, ich weiß es, der Applaus ist da. Nur nicht hier.
Warum erkennen sie nicht, dass die Liebe mich geleitet hat? Ich habe zahllosen Menschen gegeben, was sie lieben. Sie singen und johlen, sie tragen unsere Namen auf dem Rücken, sie können die besten Mannschaften der Welt für sieben Euro spielen sehen. Ich habe ihnen gezeigt, wie stark sie sind, wenn sie unseren Weg mitgehen. Ich habe ihre Träume genommen und in der Wirklichkeit rekonstruiert.
Warum muss ich jetzt weinen? Hinter der verschlossenen Tür bin ich ein anderer. 
Ich habe alle Pokale berührt. Ich bin der FC Bayern.
Was soll ich hier? Die Leute, die mich ins Gefängnis schicken, wollen nicht verstehen. Ich kann nicht verloren haben. Ich war schon als Kind Kapitän. Ich verliere nicht. Sie glauben das. Aber sie täuschen sich.
Ich bin auf den Jäger zu gekrochen damals, über die kalte Wiese, er hat mich nicht erkannt, weil es dunkel war. Und weil ich blau war vor Kälte.
Aber ich habe mich erkannt.
Ich bin auserwählt. Vier Leute sind in München eingestiegen in die Piper Seneca. Die Maschine erreichte Hannover nicht. Sie ist abgestürzt ins schwarze Moor. Es gab nur einen Platz mit Überlebenschance. Meinen. Hinten rechts. Nicht angeschnallt. 
Ich war schon Manager. Paul spielte noch für Deutschland. Wir wollten ihm zusehen. Auf dem Flug bin ich eingeschlafen. Dann krieche ich über die Wiese.
Ich sagte zum Jäger: Ich friere. Ich friere.
Der Ball liegt am Elfmeterpunkt. Ich laufe an wie in Trance, schieße, ohne auf den Torwart zu blicken. Beim Schuss gerate ich in Rücklage, mein Bein schwingt durch wie ein loser Sekundenzeiger, fast hätte ich mich selbst umgestoßen. Ich schaue dem Ball nach, sehe ihn immer höher steigen. Wie eine Rakete saust er in Richtung Wolken. Ich schlage die Hände vors Gesicht.  O Gott. Was soll das für eine Rückkehr nach Deutschland werden. Belgrad 1976, wir verlieren das Finale der Europameisterschaft, ich bin völlig apathisch.  Alles um mich rückt in weite Ferne, wird grau. Ich registriere nichts mehr.
Diese Szene verfolgt mich nicht. Es gibt sie nicht. Der Elfmeter ist nicht geschossen worden. Wir haben das Endspiel nicht verloren. Ich kann nicht verlieren.
Sechs Jahre später krieche ich über die Wiese. Hinter mir Flugzeugtrümmer. Es ist still. Ich verstehe nicht. Was ist mit den anderen? Ich habe keine Schmerzen. Ich friere. Es ist dunkel. Nebel will sich auf mich senken, aber dann kommt der Jäger. Er hat einen Fuchs geschossen und in eine Decke gehüllt. Jetzt nimmt er den Fuchs heraus, legt ihn in den Graben – und breitet die Decke über mich. Die Decke ist warm, ich fühle, wie das Fuchs-Leben in meine Adern dringt.  Ich bin der einzige, der überlebt hat. Dafür muss es einen Grund geben.
Der Fuchs ist der Beweis. Ich bin jetzt der Fuchs. Der andere musste sein Leben geben. Aus seinem Fell wurde ein Kragen gemacht für den Wintermantel meiner Frau Susi.
Seit jener Nacht kann ich alles erreichen. Ich habe über alle mein Urteil gesprochen. Auch über den Papst in Rom. Ich fand ihn weltfremd und ein Problem. Und Fußball-Weltmeister war er nie. Und als man dort sauer wurde, habe ich ihm die Ehrenmitgliedschaft angeboten. Bei mir. Dem FC Bayern.
Draußen, hinter den Fenstergittern, sehe ich Stacheldraht. Ich bin nicht, wo ich bin. So dumm kann niemand sein, dass er mich hier hineinschickt. Ich bin der Vater. Ich bin der FC Bayern. Ich habe spekuliert und Steuern hinterzogen. Für wen? Für mich, und damit für den FC Bayern. Ich opfere mich, bis ich nicht mehr atmen kann.
Der Richter redet von Millionen. Aber er vergisst meine Wohltaten. Ich habe immer Gutes getan, für Arme, Kranke und Unglückliche, für die Verlierer. Ich wollte immer gut sein. Jetzt soll ich den Staat bestohlen haben. Ich, der Spender. Warum kann er das nicht trennen? Ich kann es doch auch.
Der Richter wusste nicht: Wenn ich weg bin, spielt die Mannschaft schlecht. Und die Nationalmannschaft auch. Es wird alles in Trümmer gehen, und das kann er nicht gewollt haben. Zum Glück habe ich Freunde, die wissen, dass ich hier nicht lange bleiben darf, weil es sonst gefährlich wird für den Fußball. Ich hoffe, ich bin schnell genug zurück, um den FC Bayern zu retten. Und Deutschland.
Ich friere. Ich friere.
Der Jäger hat mich hochgehoben und zum Auto getragen. Ich war so leicht wie ein Kind. Danach habe sich mein Körper einen Mantel zugelegt, und ich habe viele nahrhafte Würste herstellen lassen. Ich wollte nicht mehr frieren.
Ich habe keine Erinnerungen an die Millionen. Sie waren unwichtig. Aber ich konnte nicht aufhören. Warum ich gezockt habe? Ich weiß es nicht. Gegen die Kälte vielleicht. Und weil ich auserwählt bin.
Ich weiß nicht, was die Ignoranten wollen, die mich kritisieren. Ich habe den FC Bayern erschaffen. Ich habe mich selbst erschaffen. Mehr als das kann ich ihnen nicht geben. Jetzt hacken sie auf mir herum und wollen mich als Opfer sehen. Leute, die nie etwas Vernünftiges auf die Beine gestellt haben.
Was glaubt so ein Gericht eigentlich, wer es ist? Ich habe Festgeld angehäuft. Ich habe ein Stadion für 340 Millionen Euro hingestellt. Ich habe gewonnen, gewonnen, gewonnen. Das Triple. Glauben die denn, das geht ohne mich einfach so weiter? Wer soll jetzt Ribéry unter Kontrolle halten?  Ich habe mich um Breno gekümmert, nachdem er sein Haus angezündet hatte. Ich bin kein Gefangener. Ich besuche andere im Gefängnis. Aus Mildtätigkeit.
Das Alleinsein macht mich schwach. Es hat keinen Sinn mehr, wütend zu werden. Aber ihr habt es doch gesehen. Der Richter hat das Urteil über mich gesprochen. Ein paar Wochen später war alles dahin. Gegen Real Madrid haben wir gespielt wie aggressive Schwächlinge. Das sind wir doch nicht. Ich mache mir Sorgen wegen Pep. Ohne mich kann er den Laden nicht zusammen halten. Er ist kein Vater.
Ich bin der Präsident. Daran ändert mein Rücktritt nichts. Ich kann nicht weg. Alle wissen es. Der Ministerpräsident. Die Bundeskanzlerin. Ich kann nicht glauben, dass ich im Gefängnis bin. Deutschland hat einen entsetzlichen Fehler gemacht.
Aber ich komme wieder.

Evi Simeoni,
1958 in Stuttgart geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Seit 1981 arbeitet sie als Sportredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und ist seit 2001 als Reporterin bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen vor Ort. Die internationale Sportpolitik und der Kampf gegen Doping sind Schwerpunkte ihrer Arbeit. 1996 als auch 2002 wurde sie zur „Sportjournalistin des Jahres“ gewählt. Im Jahr 2012 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Schlagmann“.

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Juni 2014

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