Gefallene Helden

Foul

Feridun Zaimoglu © Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0

Das war kein Spiel, von Anfang an nicht, ehrlich, mein Wort darauf. Egal, was diese Sauhunde schreiben, die sind ja sensationell, gierig nach Happen, und ich bin diese Saison ihr größter Haihappen. Hab nicht gespielt. Die hat mich gereizt. Die erste Schlagzeile, das weiß ich, das war irgendwann zwischen Training und Training, man hat mir das scheiß Blatt neben den Teller gelegt, ich spieß noch die Frikadelle auf, beiss rein, und da les ich: M. prügelt Frau, so ähnlich stands da, und mein Foto, darauf grins ich, als würde ich mich wie n Neger freuen, das hab ich jetzt nicht gesagt. Streichen. Schöne Ausgehsachen hab ich da an, Discobesuch, die Glatze glänzt im Licht, und Krokoschuhe an den teuren Füßen, alle nett zu mir. Der Einlasser, Schrank von Kerl, der winkt mich rein, ich musste ihm nur ein Autogramm geben. Alle nett zu mir, und ich nett zu allen.

Immer hat man mir einen Klaps auf die Schulter gegeben, also Freundschaft, geh rum und frag die Leute nach meinem Charakter, sie werden sagen: M. dem trauen wir nix Böses zu, der ist einer von uns, obwohl er stinkt vor Geld. Zurück zu dem Foto in der Zeitung, das war der Tag, das war die Nacht, da wo ich was zu feiern hatte, guten Lauf gehabt, Tore gemacht, schön Disziplin, schön anständig auf dem Platz, und immer Ja und Amen zum Trainer. Da wollt ich wirklich mal aus der Haut fahren, also durchfeiern, alles Jungs um mich herum, die sich freuen, weil ich mich freu, und ich trinke erst Wasser, dann Bier, aus der Flasche, dass es rumst. Gerumst hats, der Paparazzi, die Arschsau, was lassen die ihn da rein mit der Kamera, der lag auf der Lauer, und dann Blitzlicht, wie ich die Flasche auf die Unterlippe setze, und Blitzlicht, als die Frau neben mir steht, Titten wie Raketen, Titten nur halb versteckt im Kleid, das aus leichtem Stoff war, und als die sich zum Barmann dreht, seh ich, dass der Stoff in der Arschritze steckt, also, ist klar, was ich meine? Die ist wohl erst rum gesessen, und als sie aufstand, hat sie das Kleid nicht lang gezogen, ein richtiger Weiberarsch, da kann man sich mit vergnügen, nicht falsch verstehen. Sie war halbnackt damals, und wären die Träger ihr von den Schultern zur Seite weg gerutscht, wär sie voll nackt da gestanden. Keine Unterwäsche. Lockvogel. Wir werden immer gewarnt vor solchen Tittenarschlippen, Vorsicht, die wanzen sich ran und saugen dich aus, aber in der Nacht, da bin ich trotzdem fidel, da sag ich mir nicht moralisch werden, wenn die rangeht, gehst du auch ran, und der erste Kuß kam schon eine halbe Stunde nach dem Bekanntwerden. Das war ein Ding, die hat mich die ganze Zeit gesiezt, ich bin der Du-Mann, ich duz sie sofort, kein Protest dagegen. Sie küßt mich, wie ging das los? Laut ist es in der Bumsbude, also nähern wir uns und schreien und ins Ohr, damit wir überhaupt ein paar Worte verstehen, ich riech ihren Schlampenduft, das war Sexduft, ganz klar, und während ich ihr ins Ohr brülle, stier ich auf die Monstertitten, da schwillt doch jedem Hahn der Kamm, und sie ist ja auf der Jagd, es gibt Augenzeugen, die wollte mich an dem Abend abschleppen. Dann hinter der Säule, weniger Leute dort, sie küßt mich offensiv, ich küsse offensiv zurück, da klackten die Zähne, und ich hab ihr unters Kleid gegriffen, und die Backen gewalkt, kein Protest von ihr dagegen. Die schmeißt sich ran, ich will keine schmutzige Sache im Scheißhaus, wir ziehen ab, alles freiwillig, frag die Augenzeugen, nur nicht den Saukopf Paparazzi, der erzählt nur Lügen. Ich mit ihr zu mir, im Wagen legt die mir die Hand zwischen die Beine, ganz klare Absicht, sie hat den Mann für die Nacht gefunden, nennt mir ihren altmodischen Namen, und sagt, sie ist Student und kurz vor Schluß, die Weiber reden und reden, und man darf sie nicht unterbrechen, das ist bei ihnen die Vorbereitung für den Sex. Weib steht für mich für eine Frau, ich hasse nix, was wo ich drauf Lust habe, verstehst du? Weib ist nicht verächtlich gemeint. Zurück zu der Irren, die mich angezeigt hat. Wir sind in meiner Wohnung, sie bekommt Stielaugen, weil, alles blitzsauberer Luxus, meine Exfrau ist Einrichter, nach der Scheidung haben wir nicht Schluß gemacht, ich bezahl sie, damit sie mir Möbel mit Geschmack in die Bude stellt. Ich bezahl auch eine aus der Mongolei, damit sie putzt. Also, ich biet ihr, jetzt nicht der Mongolin, sondern Hilde Bier, Wein, Whisky an, was will sie trinken, sie trinkt Wein, ich glaub, das waren am Ende drei Gläser, sie sitzt im Sessel, ich sitz ihr gegenüber, und das Spiel beginnt. Beine übereinander, Rock rutscht hoch, sie hat einen im Tee, zwischendurch pissen und Näschen pudern, ihr Handy klingelt ständig, sie geht nicht ran. Ich hab im Scherz zu ihr gesagt: Das ist dein Freund, der wissen will, wo du abbleibst. Und sie: Das stimmt. Das kühlt mich ab, in was für eine Geschichte werde ich reingezogen, mulmiges Gefühl, sie starrt auf meine Füße, und sagt: Wenn sie dich ans Kreuz nageln würden, hättest Du ein Loch an jedem Fuß... Ist das nicht krank? Ich übergeh das, ich denke,  die Alte ist hinüber, achte nicht auf den Scheiß, sie trinkt den Wein wie Saft, nach dem dritten Glas, frag ich, ob wir nun endlich mal wollen. Sie hebt im Sessel kurz den Hintern, streift dem String Tanga ab, sie sagt mit einer Stimme wie ein General, ich soll ihr Hündchen sein, sie hat ihr Hündchen von der Leine gelassen, und das Hündchen soll auf allen Vieren zu ihr kriechen, und das dreckige Maul in ihrem Schoß vergraben, erst dann gibts Futter. Die Alte ist komplett irre, gut, ich hätte abbrechen können, war drauf und dran, und da aber zeigt sie mir... ihre Goldgrube. Ich kriech hin. Es klingelt an der Tür, sie schreit los wie ein Transvestit, sie wischt mir mit den langen Fingernägeln übers Gesicht. Was ein Schmerz. Bin hoch gehechtet, habe ihr die Nase zugehalten, damit es aufhört. Gebrüll und Gerangel. Mein Mund war naß von ihrem Speichel da unten. Handy klingelt, jemand trommelt gegen die Tür, ein Mann, von der Stimme her, er brüllt, als würde man eine Sau schlachten, ich reiss mich los vom Sex, reiss die Tür auf, und bekomme gleich einen Faustschlag voll in die Fresse. Lieg am Boden, und der Wichser tritt mir in die Rippen und gegen den Kopf, und zuletzt seh ich noch, wie er springt, er landet auf dem rechten Fußknöchel, ich werd ohnmächtig. Als ich die Augen wieder öffne: Schmerz, Fuß knollendick, ich riech nach Pferdepisse, das Schwein hat auf mein Gesicht gestrullt.

Drei Wochen sind vergangen, ich fraß Pillen. Diese Nutte...streichen...diese Frau hat mich angezeigt wegen Vergewaltigung. Der Kerl, ihr Kerl, sagt, er hat sie aus meinen Krallen befreit, schöne Scheiße, er sagt, sie hätte den Notrufknopf gedrückt, also ihn alarmiert, und während er zu mir herfuhr, hätte er ihre Schreie, ihr Bitten und Flehen gehört. Ich bin Beute. Ich lieg am Boden. Die Bande hat mich am Sack. Ich fress Pillen Im Schmutzblatt schreibt ne Lesbe Schmutz über mich, die richtet mich hin. Erst macht das Weib mich zum Hund, und ihre Muschi zum Futternapf. Dann bricht ihr Kerl mir den Knöchel, Splitterbruch. Das haben die geplant. Das Schwein hat uns im Wagen bis zu meiner Wohnung verfolgt. Bin mir sicher. Zwei Schauspieler, und ich bin der dritte, hab die Hauptrolle im Schmierenstück. Schreib in deinem Artikel: M. ist unschuldig. Schreib: M. ist ein Mann, der in die Liebesfalle ging. Man macht ihn fertig. Das ist kein Spiel, aber er spielt bis zum Schluß.
Feridun Zaimoglu
ist ein deutscher Schriftsteller und bildender Künstler türkischer Herkunft. Er gilt als einer der bedeutendsten Dichter der deutschen Gegenwartsliteratur und schreibt neben Romanen, Kurzgeschichten und Theaterstücken auch als Journalist für die großen Blätter Deutschlands. Zentrale Themen seiner Arbeit sind die Schwierigkeiten und Ausgrenzungen, mit denen sich die zweite und dritte Nachkommensgeneration der Immigranten in Deutschland konfrontiert sieht. Er wurde mehrfach für seine Werke prämiert und engagiert sich in politischen und sozialkritischen Kontexten.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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