Gefallene Helden

Neun

Friedrich Ani; Foto: Mark Römisch

Ein Monolog für „Gefallene Helden“

Sonntagnachmittag.
Ein Mann am Spielfeldrand. Zwei Jugendmannschaften spielen gegeneinander (13- 14-jährige Jungen). Geschrei der Spieler, Pfiffe des Schiedsrichters, Zurufe der Eltern vom Seiten-Aus.
Der MANN spricht zu einem weiteren Besucher, der kein Wort sagt.

MANN
Wenn Sie mich sehen könnten, in kurzen Hosen, wie damals. Was wär dann? Wer wär ich dann? Der Junge wär ich, der Junge zwischen den Pfosten. Wer denn sonst? Neunzehndreiundsiebzig. Schauen Sie, wie er sich auf der Linie bewegt, sehen Sie das? Ein Irrlicht ist der, der weiß nicht, wohin mit sich. Jetzt hechtet er. Vorbei am Ball. Das war vorherzusehen. Die hauen dem den Kasten voll, wenn der weiter so wie ein aufgescheuchtes Huhn herumhüpft.

Die haben mich abgefieselt, die Kojoten. Im Dorf. Sie kennen das. Nein, Sie haben keine Ahnung. Oder doch? Die Kojoten bewachten unsere Stubenwelt und fraßen …

… haben meine Kindheit aufgefressen. Haben meine Träume erbrochen. Haben mir die Fersen abgerissen, aus Wut und weil es ihrer Art entsprach.

Wär gern ein Flutlicht geworden, glauben Sie das? Was bin ich stattdessen?

Wie sie schreien, die Väter, die Mütter! Wie sie den Schiedsrichter beschimpfen und ihre Söhne verteidigen. Wie rührend. Die Frau, die mein Vater geheiratet hat, weigerte sich, meine Trikots zu waschen, meine Stutzen, meine Handschuhe. So kam es zu den Verboten. Und ich? Wie alt war ich? Dreizehn? Vierzehn? So alt wie die Jungs hier auf dem Platz. Und ich? Und ich? Was hab ich dagegen unternommen? Was? Was? Der Trainer, das darf ich Ihnen verraten, wollte mich für die Erste Mannschaft. Ich war gesetzt. Torwart Nummer eins.
(schreit) Torwart Nummer eins. Eins. Eins.
(Schweigen)
(er kichert) Er ist dann zu Hause geblieben. So war das, dreiundsiebzig. Er ging dann nur noch an sehr heißen Tagen auf den Platz, in gewöhnlichen Turnhosen und einem Hemd aus billigem Stoff. Aber: Mit Noppenschuhen an den Füßen. O ja. Die Fußballschuhe durfte er hinterher selbst putzen. Hat er getan. Folgsam. Natürlich hatte er gehofft, der Trainer würde mit der Frau sprechen und sie eventuell umstimmen. Ist nicht sein Job. Ist Familienangelegenheit, sagt er. Ist das so?

Wieviel steht’s? Wieder vorbeigehechtet, der Dilettant. Wer hat den aufgestellt? Der ist nicht die Nummer eins, das darf nicht sein. Glaub ich nicht. Ja, der Rasen ist rutschig, da ist viel Dreck im Strafraum, der Regen war hässlich die letzten Tage. Von den äußeren Bedingungen darf man sich nicht irritieren lassen.
(Schweigen)
(schreit) Streng dich an, du Versager!
(Schweigen)
(kichert) Da fällt viel Wäsche an nach so einem Spieltag. Der Torwart sieht jetzt schon aus wie … wie …

… wie eine Wildsau im Schlamm. Muss nicht sein. Musste nicht sein, er hat das eingesehen. Heute glaube ich, er war von Natur aus ein Einseher. Jemand sagte: Das muss getan werden, dies nicht, und er hat es eingesehen. Einsicht ist nicht gleich Feigheit, davon bin ich überzeugt. Der Trainer sagte: So musst du stehen, so musst du rauslaufen, so musst du in den Stürmer reingehen, so musst du bei einer Ecke reagieren, so musst du deine Mauer stellen, so … so … Hat er alles eingesehen und befolgt und wurde ein überragender Schlussmann.

Überragend. Nach jedem Training eine Stufe höher. Kamen Anfragen von anderen Vereinen aus dem Landkreis, aus der Landeshauptstadt. Das ist kein Witz. Wer darüber lacht, ist ein Kojote. Alles Kojoten.

Wenn nur die Wäsche nicht gewesen wär. Überall Dorfdreck in den Trikots. Schlecht.
(kichert) Kam der Trainer zu ihm und sagte, er hätt Beziehungen zum FC Bayern München. Wie wär’s mit einem Probetraining. O ja, dachte der Junge, o ja, o ja.
(Schweigen)
Nein. Auf Wunsch seiner Eltern machte der Junge das Abitur und spielte manchmal noch Handball in der Halle. Das führte höchstens zu Schweißflecken. Gewöhnliche Verschmutzung im Bereich des Alltäglichen.

Schönes Spiel. Und die Sonne kommt fast durch die Wolken. Bin eher zufällig hier. Hab ein Zimmer im Wohnheim in der Nähe. Besser als die Brücke. Oder? Im Winter auf jeden Fall. Den letzten Ball jetzt hat er gut pariert, da muss ich ihn loben, den hat er perfekt rausgetaucht. Vielleicht hat er einfach nur verbeulte Träume heut Nacht gehabt, vielleicht ist er normalerweise super.

(kichert) Super sein, super. War das schon der Abpfiff? Jetzt aber schnell die Trikots aus und unter die Dusche. Und weg sind sie. Und der Platz ist leer. Wo ist die Sonne hin? Gleich regnet’s wieder. Dunkel wird’s, und kein Flutlicht weit und breit.
(Schweigen)
Flutlicht hätt ich werden wollen, und was bin ich stattdessen?

Ein Teelicht.
Teelicht mit Abitur und blitzsauberer Unterwäsche.
(summt den Anfang eines Kinderliedes)
Das ist übrigens eine Legende, dass man als berühmter Torhüter auch die Unhaltbaren halten muss. Muss man nicht. Die Haltbaren alle halten, darum geht’s. Auch das Halten von Elfmetern wird vollkommen überbewertet, weltweit.
(summt das Kinderlied)
Ich hab neun Elfmeter gehalten. In einer Spielzeit. Neun.
Glückwunsch, mein Junge.
(summend verschwindet der Mann).

ENDE

Friedrich Ani,
geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele und Drehbücher. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. sechsmal mit dem Deutschen Krimipreis. Friedrich Ani ist Mitglied des Internationalen PEN-Clubs.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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