Gefallene Helden

Monolog

Mounir Zitouni; Foto: Privatarchiv

Lieber Vater im Himmel. Schaust du wenigstens heute zu? Du hast es nie für nötig gehalten, zum Sportplatz zu kommen. Hast dich lieber mit deinen so genannten Freunden in der Kneipe getroffen. Dich besinnungslos betrunken, die letzten Reais ausgegeben. Wolltest für ein paar Stunden so etwas wie Glück empfunden. Doch dein Glück war unser Unglück. Ich habe dich gehasst. Gewusst habe ich das spät. Gesagt nie. Hatte immer gehofft, dass du irgendwann doch noch siehst, was ich alles mit dem Ball kann. Ein schönes Wort, ein stolzer Blick, eine zärtliche Geste. Darauf habe ich mein Leben lang gehofft. Doch von dir gab es nur Gleichgültigkeit. Ich war nichts wert in deinen Augen. Das war mein Ansporn. Alles habe ich immer nur für dich getan. Doch gibt es so was wie Gerechtigkeit? Nein. Weder im Leben noch beim Fußball. In den letzten zwei Jahren deines jämmerlichen Daseins wechselten wir kein Wort. Ich hätte dich am liebsten windelweich geschlagen, doch wegen Mama tat ich das nicht. Du hast mich angeekelt und als dein Freund Joao sagte, er habe dich an den Gleisen gefunden, da empfand ich nichts. Rein gar nichts. Ich spielte noch am gleichen Abend und schoss 3 Tore. So ging ich mit deinem Tod um.
Du warst plötzlich weg und mir fehlte nichts. Doch heute frage ich mich plötzlich, ob du nicht vielleicht doch nicht von da oben zuschaust.
Wenn doch schon die ganze Welt zusieht. Es geht gegen Deutschland. Das letzte Spiel dieser Weltmeisterschaft. Das wichtigste. Selbst in deiner alten Kneipe schauen sie heute Fußball. Du wolltest das nie. Du würdest staunen, wenn du heute nach Irucata kommen würdest. Ehrenbürger bin ich geworden. Dass du ein Säufer warst, haben die meisten verdrängt. Über die Familie Palmeira wird nur noch Gutes gesprochen. Trotz dir. Doch ich bin dein Sohn. Wie kann der Nachwuchs eines Trunkenboldes zu einem der besten Fußballer des Landes werden? Ich habe mich das immer wieder gefragt. Ich fand es unerträglich, dass deine Gene in mir sind. Meine Schnelligkeit kann doch nicht von dir sein. Du hattest schon mit 40 den Gang eines Achtzigjährigen. Der Alkohol zerstörte deinen Körper und unsere Familie. 
Es ist heiß heute in Rio. Für einen Julitag viel zu heiß. Die Deutschen keuchen und schnaufen. Ich liebe dieses Wetter. In Irucata war es das ganze Jahr heiß. Diese Hitze ist mir so vertraut wie der Geruch des Schnaps, der aus deinen Poren kam, der an deinem Hemd hing, wenn du dich nachts über mein Bett gebeugt hast.
Aber diese Deutschen sind zäh. Sie rennen und rennen. Geben keinen Ball auf. Ihre Augen flackern und der Schweiß hat ihre hellen Haare wie ein nasses Bodentuch durchnässt. Ich lauere auf meine Chance. Dieses Durchtriebene hattest auch du. Du hattest zeit deines Lebens von irgendwelchen Gaunereien gelebt, davon Mama ein paar Scheine zugeworfen, vom Rest die Flaschen vorne am Güterbahnhof bestellt.
Es steht 0:0. Noch ein paar Minuten sind zu spielen. Und auf einmal kommt dieser hohe Ball aus der eigenen Abwehr. Der Ball wird länger und länger, er überfliegt die gegnerische Abwehr und fällt irgendwo zwischen Strafraum und Mittellinie herunter. Ich renne los. Sammele die letzten Kräfte. Die Zuschauer raunen. Irgendwo da oben sitzt auch Mama. Sie ist zum ersten Mal in Rio. Wenn du sehen könntest wie stolz sie da oben sitzt. Du würdest dich für jede deiner Ohrfeigen schämen. Ich bin pfeilschnell. Eine glückliche Erstauntheit macht sich in mir breit, als ich nach ein paar Metern noch immer keinen deutschen Abwehrspieler am Ball sehe. Ich bin als Erster am Spielgerät, schnappe mir die Kugel und renne weiter. Wie viele Menschen schauen mir jetzt zu? 200 Millionen, vierhundert Millionen? Und was ist mit dir? Konntest du es heute vielleicht einrichten? Selbst als damals die Herren aus Sao Paulo in Irucata waren, um mir einen Profivertrag zu geben, hattest du anderes zu tun. Wie kann ein Sohn einem Vater so egal sein? Doch Fußball war für dich nie was wert. Vielleicht hast du es auch nicht ertragen, dass ich etwas besser konnte als du.
Ich sehe immer noch keine weißen Trikots vor mir. Ich nehme nichts mehr wahr, habe nur noch das gegnerische Tor im Visier. Der Torwart kommt näher. Ich überlege nicht mehr, das kann ich auch gar nicht. Mein Kopf ist leer, doch mein Körper, meine Reflexe funktionieren noch. Ich habe ein hohes Tempo und bin selbst erstaunt, als ich unvermittelt und aus großer Entfernung plötzlich den Ball an dem heraus eilenden Keeper vorbei in Richtung Tor schieße. Fest und ohne Vorwarnung. Der alles entscheidende Augenblick. Jubel brandet auf, der Torwart schaut verbissen dem Ball hinterher. Auch ich lasse den Ball nicht aus den Augen. Fußball ist so einfach. Nicht so kompliziert wie all das andere. Hier weiß ich, was ich tun muss. Du hast es nie gewusst. Du suchtest die Leichtigkeit im Suff. Gefunden hast du sie nie.
Plötzlich spüre ich einen Schlag in meine Hinterbeine. Ich falle auf den Rasen, ahne, dass ein so ein deutscher Hüne mich gerade umgesenst hat.
Der Schmerz kommt, wie beim Griff auf eine heiße Herdplatte: Schnell und mächtig. Ich erinnere mich daran, wie du immer mit dem Holzknüppel meine Fußsohlen malträtiert hast. Einfach so. Meine Tränen und Schreie waren dir immer egal und Mama schaute machtlos vom Türeingang zu. Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, keinen Laut mehr von mir zu geben. Das machte dich noch rasender. Mir half das, hart zu werden, Schmerzen zu ignorieren.  Ich konnte einstecken.
Ich bleibe liegen, merke sofort, dass mein Knie etwas abbekommen hat. Doch auf einmal flatscht ein Körper auf mir drauf. Weitere folgen, so dass ich fast schreie – vor Schmerzen und Angst zu ersticken. Ein Knäuel von gelben Leibern. Es sind meine Kollegen, die auf mir liegen und schreien. Ja, sie jubeln. Goal! Ich kann es nicht glauben.
Der Ball war im Tor. 1:0. Für Brasilien. Im WM-Finale. Siehst du das? Siehst du diesen Jubel? Bin ich jetzt immer noch ein Nichtsnutz, du größter Nichtsnutz aller Zeiten! Ganz Brasilien feiert wegen mir. Das wäre dir doch mindestens eine Flasche wert gewesen. Ich stehe da und fühle die Augenpaare von 90 000 Zuschauern auf mir ruhen. Ich humpele noch einige Sekunden, dann ist Schluss. Die Deutschen sacken auf den Boden. Auch ich. Denn ich kann vor lauter Schmerzen nicht mehr gehen. Mein Knie ist bereits mächtig angeschwollen. Zum Feiern bleibt nicht viel Zeit. Mein größter Augenblick wird gleichzeitig mein traurigster. Ich muss direkt in ein Krankenhaus in Rio gefahren werden. Die Siegesfeier findet ohne mich statt. Im Krankenhaus werde ich wie ein hochrangiger Staatsgast behandelt. Das Radio, das Fernsehen – alle sprechen nur von mir. Dich kennt hier keiner. Und das ist auch gut so. In Irucata war es schlimm genug, dein Sohn zu sein. Im Knie ist alles kaputt. Die Ärzte blicken traurig. Man operiert mich dreimal. Mama, Luiz, Felicia und Jorge sind auch da. Du fehlst trotzdem nicht. Keiner vermisst dich. Auch heute nicht. Das ist unsere Rache. Für die Jahre mit dir. Alle wollen, dass ich mit nach Irucata komme. Doch ich mag nicht. Ich werde nie mehr Fußballspielen können. Ich werde zum Invaliden. Ich könnte dorthin zurückkehren, wo alles angefangen hat. Doch in Irucata bist du mir einfach zu nah. Du hast diesen Ort für immer vergiftet. Ich würde dir gerne vergeben, genauso wie diesem Deutschen, der mich foulte. Doch ich kann nicht. Ihr beide habt mir meine Träume genommen. Schwer, das zu ertragen.
Mounir Zitouni
ist ein ehemaliger deutsch-tunesischer Fußballspieler. Er spielte in der Jugendmannschaft von Eintracht Frankfurt, wurde tunesischer Meister mit Esperance de Tunis, spielte für die U 21 Tunesiens, später beim SV Wehen, VfR Mannheim, für Kickers Offenbach und den FSV Frankfurt. Bereits während seiner Fußballkarriere absolvierte er ein Germanistikstudium und volontierte bei der Frankfurter Rundschau. Seit 2005 ist er fester Redakteur beim Kicker, dem erfolgreichsten Fußballblatt Deutschlands.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.