Gefallene Helden

Katsche Schwarzenbeck

Wolfgang Maria Bauer © Agentur Unitone

DARSTELLER:
KATSCHE: Ex-Fussballprofi, heute 66 Jahre alt.
ARZT: ORTHOPÄDE; schweigsam.
RAUM: ORTHOPÄDISCHE PRAXIS

Katsche steht in bizarr gekrümmter Haltung im Behandlungszimmer seines Orthopäden.
Scheinbar hat er immense Schmerzen, die ihn zwingen, im rechten Winkel zu verharren:
ein Bandscheibenvorfall.
Der Arzt untersucht ihn, fordert ihn auf, diese oder jene Bewegung zu machen, bittet ihn auf die Behandlungscouch usw., dabei muss der ehemalige Fußball -Star jedes Mal laut aufschreien.
Unter solch heftigen Schmerzen gelingt es Katsche nur, gepresst zu sprechen:

KATSCHE:
Ich bin gefallen. Mit meinem Motorrad. ..
Ein 7ooer BMW. Sie war ein Geschenk zum WM Titel 1974, von unserem Sponsor. Ein wunderschöner Oldtimer, special edition, wurden nur 23 Stück gebaut. Für das Weltmeister team damals. Bei dem Sturz ist sie völlig…..
Nein, es war kein Sturz. Ich bin nicht gestürzt, ich bin gefallen.

Seitlich halb links mit dem Motorrad zusammen hingefallen. Ich kann das jetzt nicht vormachen, ich war jedenfalls schon von ihr herunter, abgesprungen und bin noch eine Weile neben ihr mitgelaufen, links vom Lenker, auf dem Bürgersteig, damit sie nicht auf die Bordsteinkante knallt. Das war eine relativ ungewöhnliche Haltung, die ich da beim Laufen hatte. Sie sehen mich so an? Ja, wie sollen das auch kapieren, also:

ich stand im Stau, mit meinem Motorrad. Da kam von hinten ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Die Autos machten Platz, bildeten eine Gasse. Und ich hatte es eilig, ein Zahnarzttermin.

Also hinterher, in diese Gasse rein. Mit einem Motorrad geht sowas wunderbar, die Gasse schließt sich hinter dem Einsatzwagen immer nur schön langsam. Die Polizei selber kann nichts tun, weil die haben es ja eilig, und mein Kennzeichen ist hinten, ha.

Nur leider, dieses Mal, da war so ein Mercedesfahrer, ein SUV, der wollte auf keinen Fall, dass ich vor ihm einschere, und hat aus dem Stand heraus beschleunigt, die Gasse dichtgemacht. Ich wäre voll auf den drauf geknallt, aber da war nur der Bürgersteig zum Ausweichen. Leider kam ich da nicht hoch, nicht bei der Geschwindigkeit. Höchstens 20 km/h, Mofa-Tempo.. Da hätte ich auch nebenher laufen können. Bin ich dann auch.

Abgesprungen. Weil ich das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte, an der Bordsteinkante. Entlang geschlittert. Und natürlich habe ich versucht, meine BMW zu halten, am Lenker, wie gesagt, special edition , Ersatzteile sind verdammt teuer und ich habe einen kleinen Schreibwarenladen. Wissen Sie, ich war Profi in den 70ern, wir haben nicht verdient wie Messi oder Pique….haben Sie das gelesen - ?.. die zwei fühlten sich von dem Geknatter eines Motorrads, das einem Mitglied aus dem Trainerstab von Pep Guardiola gehörte, so gestört, dass sie es in einer Nacht und Nebelaktion einfach abgefackelt haben. Am nächsten Tag haben ihm Messi und Pique einfach ein neues , - leises- auf den Parkplatz gestellt. Wahnsinn, oder?

Jedenfalls musste ich die Maschine mindestens 50 Meter weit so seitlich halb darüber gebeugt aufrecht halten, also daneben herlaufen und versuchen, es langsam abzubremsen. Die Maschine hat immerhin ihre 400kg. Früher wäre das kein Problem gewesen. In meiner aktiven Zeit hätte ich sie wahrscheinlich über den Bürgersteig getragen. Aber heute, ich bin 66. Beide Menisken, Arthrose in den Gelenken und die Schulter, tja, da könnte ich noch immer für die Nationalmannschaft auflaufen, -auflaufen und die Nationalhymne mitsingen, das könnte ich auch noch. Mehr nicht. Ja, der legendäre Vorstopper von 1974, der sagenhafte Eisenfuß, der kann heute die Kasse seines Schreibwarenladens nur noch mit links schließen, wegen der Schulter. Und jetzt steigt er auch noch vom Motorrad, er stürzt nicht, nein, er fällt hin, er bricht zusammen, unter seiner BMW… kurz vor einer Bushaltestelle. Da wurde nämlich der Bürgersteig zu eng. Und da waren Leute. Die auf den Bus warteten. Sie alle haben mein minutenlanges Hinfallen gesehen, dieses schafft-er-es-oder-nicht?-nein-er-schafft-es-nicht! Netterweise hat keiner gelacht.

Da lag ich also, vor etwa sieben Zuschauern, an dieser Bushaltestelle und meine BMW auf mir drauf. Sie, Baujahr 74, ich, Baujahr 48. Der Tank ist verbeult, die Schutzbleche sind verkratzt, der Spiegel ist abgebrochen und ich fürchte, der Motorblock, der hat einen kleinen Riss.

Wolfgang Maria Bauer
wurde 1963 in München geboren und arbeitet als Schauspieler, Autor und Regisseur im Süden Deutschlands. Nach einem Studium der Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft besuchte er die Staatliche Schauspielschule Stuttgart. In der Rolle des Kommissar Viktor Siska in der gleichnamigen ZDF-Krimiserie wurde er als Schauspieler bekannt. Er ist zudem Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft und lehrt seit 2011 als Dozent an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.