Gesellschaft

Fußball und die Zeit des Kindseins: Punkt für wen?

Für die Behörden im Land des Fußballs sind leider weder Sport treibende Kinder und Jugendliche noch gut ausgebildete Sportlehrer von Priorität. Dabei braucht das Land den Sport als Mittel der sozialen Transformation mehr als für die Wettkämpfe der Hochleistungssportler.

Der Ball rollt bereits über den Platz, aber die ersten 45 Minuten sind ausschließlich dem Dialog vorbehalten. Während dieser ersten Halbzeit legen die Spieler die Regeln fest und schätzen ab, wie hoch Werte wie Solidarität, Respekt, Teamgeist und Ehrlichkeit während des Spiels beurteilt werden. Bei dieser Partie spielen Mädchen und Jungen zusammen. Es gibt keine Schiedsrichter und die traditionellen Fußballregeln können je nach Wunsch neu erfunden und ausgehandelt werden.

Nachdem die Abmachungen getroffen sind, ist es Zeit zu spielen. Die zweite Halbzeit ist vorbei, aber ist auch das Spiel zu Ende? Noch nicht. Denn jetzt beginnt eine Art „dritte Halbzeit“, in der die Gegner eine gemeinsame Bewertung auf der Grundlage ihrer Vereinbarungen vornehmen.

Die Bildung einer Zivilgesellschaft

Und wer hat nun gewonnen? Die Mannschaft, die mehr Tore und mehr Punkte im Sinne der vorher vereinbarten Werte erzielt hat. Genau so funktionieren die Spiele im Instituto Fazer Acontecer (IFA). Die Nichtregierungsorganisation ist seit 2003 in Bahia tätig und leistet in diesem Bundesstaat Pionierarbeit, was die Verbreitung einer politischen Anschauung betrifft, die auf den Sport als Instrument für mehr Bildung und zur Schaffung einer Zivilgesellschaft setzt.

„Unsere Jugendlichen schließen untereinander Vereinbarungen, die sie einhalten, was dazu führt, dass das Spiel innerhalb des Platzes entschieden wird“, erklärt Renato Paes de Andrade, einer der Gründer und Leiter des IFA. Im Jahre 2012 kümmerte sich das Institut um 420 Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren, alle Bewohner der armen Randbezirke Salvadors und der Städte, die in der Dürreregion des Bundesstaates Bahia liegen. Außerdem bildete es 100 Erzieher der Städte Araci, Serrinha, Barrocas und Teofilândia aus, um die Methode, die als „drei Halbzeiten“ bezeichnet wird, in den öffentlichen Schulen im Hinterland des Bundesstaates anzuwenden.

Paes de Andrade weist darauf hin, dass die Lehrer im Hinterland von Bahia keine Ausbildung im Fach Sport haben, um so die sportliche Betätigung in den Schulen zu fördern. „Die Erzieher greifen bei ihrer Arbeit auf ein Referenzmodell aus den Medien zurück, welches sich am Hochleistungssport orientiert und nicht auf Bildung und Sozialisation setzt. So können sich nur die Kinder weiterentwickeln, die sportliche Fähigkeiten besitzen. Diejenigen, die übergewichtig sind oder eine Behinderung haben, kommen nicht zum Zug“, verdeutlicht der Leiter des IFA.

Ein Markt für Talentscouts

„Die Politik interessiert sich nicht für den Schulsport. Weder für das Anrecht darauf, noch für den Sport als Freizeitgestaltung“, betont Ruy Pavan, der ebenfalls für das IFA arbeitet. Offizielle Daten des brasilianischen Bildungsministeriums (Censo Escolar 2009, MEC) bestätigen dies: nur 18% der brasilianischen städtischen Grundschulen besitzen Sportplätze. Der Nordosten des Landes ist dabei die am schlechtesten ausgestattete Region. Dort haben lediglich 7% der öffentlichen Schulen geeignete Sportanlagen.

Die Studie IBOPE – Sportunterricht in brasilianischen öffentlichen Schulen, die von der Nichtregierungsorganisation Atletas pela Cidadania in Zusammenarbeit mit dem Instituto Votorantim und dem Instituto Ayrton Senna im März 2012 in Auftrag gegeben wurde, offenbart, dass 30% der öffentlichen Schulen in Brasilien überhaupt keine Sportflächen besitzen. In den nordöstlichen Bundesstaaten beläuft sich der Wert sogar auf 51%. Die Studie hat auch festgestellt, dass lediglich 62% der öffentlichen Schulen im brasilianischen Nordosten über einen ausgebildeten Sportlehrer verfügen. Bezogen auf die öffentlichen Schulen in ganz Brasilien liegt dieser Wert bei 77%.

Trotz dieser prekären Verhältnisse in dem Land, das die globalen Großereignisse der Sportwelt ausrichten wird – die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 – blüht gerade der Markt für Talentscouts, der versucht den Profifußball in Brasilien mit neuen Spielerpersönlichkeiten zu versorgen.

Risiken und Chancen

„Vor etwa einem Monat rief uns von der Autobahn ein Busfahrer an, der damit beauftragt worden war, viele Kinder aus Aracaju nach Salvador zu fahren, sodass sie an Tests der Fußballvereine hätten teilnehmen können. Doch der Auftraggeber war plötzlich verschwunden und der Busfahrer wusste nichts anzufangen mit den Kindern, die nichts zu essen hatten und hungrig waren“, erzählt Cida de Roussan, Koordinatorin des Zentrums Yves de Roussan zum Schutz von Kindern und Jugendlichen (Cedeca). Diese Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Salvador ist für die Durchführung der Studie Risiken und Chancen für Kinder und Jugendliche im Fußball verantwortlich, die von der Bahianischen Behörde für die Angelegenheiten der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Brasil 2014 (Secopa) und von der UNICEF finanziert wird.

Für die Studie wurden Kinder und Jugendliche von 8 bis 18 Jahren nebst ihren Familien befragt. Außerdem Leiter der öffentlichen Verwaltung, Trainer und Chefs von Sportvereinen und -verbänden, Ex-Sportler und Vertreter verschiedener Einrichtungen der öffentlichen Gerichtsbarkeit. Ziel war es, mit besonderer Berücksichtigung des Fußballs, die Bedingungen kennenzulernen, unter denen Kinder und Jugendliche Sport treiben, und zu bewerten, ob und wie diese sportliche Betätigung im Einklang steht mit den Grundrechten der Jungen und Mädchen auf Gesundheit, Bildung sowie körperliche und psychische Unversehrtheit.

Grundrechtsverletzungen

Die gesammelten Daten und Aussagen zeigen, dass das Fußballspielen vom schulischen Leben abgekoppelt ist, was oft zu Verletzungen von Grundrechten führte, die durch das Kinder- und Jugendstatut eigentlich garantiert sind. Dies fängt schon beim Spielplan des Brasilianischen Fußballverbandes (CBF) an, der in völliger Disharmonie zum Schulkalender steht und so große negative Auswirkungen auf die Ausbildung junger Athleten hat, deren schulische Leistungen beeinträchtigt sind. Hinzu kommt, dass sich die großen Vereine zu wahren Einrichtungen der Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen gewandelt haben, obwohl sie als solche gar nicht eingetragen sind und auch nicht überwacht werden können.

„Wir wollen damit den Fußball nicht dämonisieren. Aber für die Kinder und Jugendlichen, die über Jahre erfolglos in ihre Karriere als Fußballer investiert haben, ist es furchtbar, ohne eine vernünftige Ausbildung wieder ins Leben zurückkehren zu müssen. Auf diesem Weg wird der Fußball in Brasilien nur zur Schaffung von weiteren Heerscharen von Ausgeschlossenen beitragen“, klagt Cida de Roussan.

Die Leiterin des Zentrums zum Schutz von Kindern und Jugendlichen glaubt, dass der Fußball gerade unter ihnen ein Mittel zur Förderung der Zivilgesellschaft sein kann. Jedoch immer unter der Voraussetzung, dass der Sport auf eine ethische, sichere und inklusive Art praktiziert wird. Mit der Absicht, das Netzwerk zum Schutz von Kindern und Jugendlichen noch zu verstärken, wird die Studie Risiken und Chancen für Kinder im Fußball im Jahr 2013 dem Publikum vorgestellt werden, zusammen mit einer Reihe von Empfehlungen.

„Besonders beunruhigt sind wir über die Fußballschulen, die die Jungen aus dem Hinterland des Staates holen, dann ein Haus in Salvador anmieten und mit den Kindern von Verein zu Verein ziehen, um sie Testspiele absolvieren zu lassen. Das Regionale Amt für Arbeitsaufsicht hat diese Gruppen bereits auf Kinderarbeit hin überprüft, dennoch müssen wir in dieses Überwachungsnetzwerk weitere Akteure einbinden, wie die Staatsanwaltschaft und die Vormundschaftsgerichte, denn diese Kinder leben in einem rechtsfreien Raum und sind unterschiedlichen Rechtsverletzungen ausgesetzt“, berichtet de Roussan.

Für die Gesellschaft von dauerhaftem Nutzen

Damit sich Kinder und Jugendliche im Bereich des Sports auf ein offizielles Sicherheitsgeflecht verlassen können, hat die UNICEF in Brasilien das Jugendnetzwerk für das Recht auf sicheren und inklusiven Sport (Rejupe - Rede de Adolescentes e Jovens pelo Direito ao Esporte Seguro e Inclusivo) eingerichtet. Es ist eine Initiative, die technisch und institutionell vom Internationalen Institut für die Entwicklung von Citizenship (IIDAC) unterstützt wird.

Die siebzehnjährige Aline Freitas, die dem Rejupe-Netzwerk des Bundesstaates Pernambuco angehört, glaubt, dass „das mit dem Fußball assoziierte kulturelle Markenzeichen Brasiliens dazu dienen kann, Kinder und Jugendliche für die Schule zu begeistern. Schon allein der Anreiz Sport zu treiben, kann die Schulabbrecherquote verringern, beim Kampf gegen Übergewicht bei Kindern helfen und junge Drogenabhängige retten“. Die Jugendliche denkt, dass die Fußballweltmeisterschaft 2014 eine gute Chance für das Land wäre, Investitionen zu tätigen, die der Gesellschaft von dauerhafterem Nutzen wären.

Victor Barau, Projektbeirat der in São Paulo ansässigen Nichtregierungsorganisation Atletas pela Cidadania stimmt in den Chor der Teilnehmer des Rejupe-Netzwerks mit ein. „Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 bieten die einzigartige Möglichkeit, den Sport als ein Grundrecht aller anzuerkennen. Wir hoffen darauf, dass eines der großen Resultate der Anstieg der körperlichen Aktivität und sportlichen Betätigung der gesamten brasilianischen Bevölkerung sein wird. Die Hauptanstrengungen sollten sich nicht auf die Ausbildung von Hochleistungssportlern beschränken, sondern die Ausübung körperlicher und sportlicher Aktivitäten insgesamt im Land fördern“, schlussfolgert Barau.

Christiane Sampaio
ist Journalistin und Projektkoordinatorin in den Bereichen öffentliche Politik, Bildung und Menschenrechte.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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