Gesellschaft

„Dribbeln allein zählt“: Die Arbeit der NGO „Futebol de Rua“

Pressefoto NGO Futebol de Rua
Pressefoto NGO Futebol de Rua
„Hut“, „Kuli“, „Lambretta“ – für viele sind das lediglich ein Accessoire, ein Schreibgerät oder eben ein Zweirad. Nicht so für Fans des kunstvollen Fußballs in Brasilien. Für sie sind das nur einige Variationen des Dribbelns; ganz zu schweigen vom so genannten „Pedalieren“ oder dem „Kuh-Dribbling“.

Das Dribbeln. Dieses Tänzeln, diese Wiegeschritte, mit denen man sich des Gegners entledigt, während zugleich der Ball von den Füßen kontrolliert wird. Dribbeln ist ein wahres Kunststück, erfordert Technik und Talent. Für viele ist es sogar wichtiger als das Tor selbst. Wie etwa für den 39-jährigen Rechtsanwalt Alceu Natal Neto aus Curitiba. Er ist Vorsitzender der Federação Brasileira de Futebol Freestyle (brasilianischer Freestyle-Fußballbund) und Initiator der Nichtregierungsorganisation (NGO) Futebol de Rua (wortwörtlich Straßenfußball), einer Organisation, deren Ziel die soziale Integration durch Sport, insbesondere durch den Fußball, ist.

2006 in São Paulo gegründet, verbreitet Futebol de Rua den Fußball-Freestyle, auch bekannt als Fußball-Artistik oder einfach Straßenfußball. Die NGO arbeitet u.a. zusammen mit der Stadtverwaltung Curitiba und dem Ministério brasileiro do Esporte (basilianisches Sportministerium). Die Organisation ist auch Partner im Projekt Futebol para o Desenvolvimento (Fußball für Entwicklung) der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Im Interview spricht Alceu Natal Neto über die NGO Futebol de Rua, erläutert die sozio-kulturellen Werte, die dieser Sport an künftige Generationen vermittelt wie auch die Zusammenarbeit mit der deutschen Organisation.

Was sind die Aufgaben der NGO „Futebol de Rua“?

Futebol de Rua bietet Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts zwischen acht und 17 Jahren, die sich in einer prekären sozialen Lage befinden, die Möglichkeit, Straßenfußball kennen zu lernen. Dieses Spiel beinhaltet zwei grundlegende Regeln: erstens „fair play“, das heißt faires Spielen, ohne Fouls. Man darf nicht mit dem Gegner zusammenstoßen, ihn nicht beleidigen oder irgendeinen gefährlichen Spielzug ausüben. Zweitens fördern wir absolut das Dribbeln. Im Straßenfußball zählt einzig und allein das Dribbeln. Charakteristisch für den Fußball-Freestyle sind auch die kleineren Mannschaften und die Abwesenheit eines Torwarts. Jede Mannschaft hat nur drei Spieler.

Welche Voraussetzungen für Kinder gibt es, um an Projekten der „Futebol de Rua“ teilzunehmen?

Die einzige Voraussetzung ist, dass ein Kind in einer staatlichen Schule eingeschrieben ist. Und niemand darf den Unterricht schwänzen, um Ball zu spielen! Wir erwarten gute schulische Leistungen, das ist enorm wichtig.

Projekt Cidade de Sao Paulo. Gemeinde Heliópolis. Pressefoto NGO Futebol de RuaIn welchen Regionen Brasiliens ist die Organisation tätig?

Derzeit arbeitet Futebol de Rua mit 500 Kindern in 14 Einheiten in Curitiba, aber ebenso in São Paulo, Guarulhos, Taubaté, Jacareí und Guararema im Bundesstaat São Paulo. Um diese Aktivitäten anbieten zu können, verfügen wir über ein Netz von 30 Fachleuten, darunter Sportlehrer, Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Verwaltungskräfte und Rechtsanwälte.

„Futebol de Rua“ glaubt an die soziale Integration durch Sport und Kultur. Welche kulturellen Aktivitäten bietet die NGO an?

Jeden Samstag gibt es bei Futebol de Rua kulturelle Aktivitäten. Wir schlagen Museums- oder Kindertheaterbesuche vor, Ausflüge in Parks etc. und organisieren sie auch. Das Interesse an einem größeren kulturellen Angebot ist groß. Das Instituto Bola pra Frente („Institut vorwärts mit dem Ball“, in freier Übersetzung) zum Beispiel veranstaltete 2010 eine Lesewoche. Wir hoffen, kurz- bis mittelfristig solche Aktivitäten anbieten zu können, denn wir spüren den „Durst“ der Kinder nach solchen Informationen und Angeboten.

Welche Werte möchten Sie durch den Straßenfußball vermitteln?

Wir betonen den Respekt gegenüber dem Andersartigen und auch die Sozialisierung, die Integration, die Bedeutung von Erziehung und die Wertschätzung der örtlichen Kultur wie auch der eigenen Wurzeln. All dies kann spielerisch durch Straßenfußball vermittelt werden.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)?

Wir haben 2001 Kontakt aufgenommen, als die deutsche Football World und ein deutsches Komitee eines unserer Projekte in Curitiba besucht hat. Diese Partnerschaft zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass wir gute Arbeit leisten und dies anerkannt wird. Mit der finanziellen und methodischen Unterstützung der GIZ organisierten wir von Juni bis Dezember 2013 die Copa Curitiba de Futebol de Rua e Freestyle (Curitiba-Cup für Straßenfußball und Fußball-Freestyle) – die auch Bestandteil der Veranstaltungen der Temporada Alemanha + Brasil 2013/2014 (Initiative Deutschland + Brasilien 2013/2014) ist.

Welche Pläne schmiedet „Futebol de Rua“ für 2014?

Wir möchten unsere Aktivitäten in andere brasilianische Bundesstaaten ausdehnen. Wir würden gerne einzelne Einheiten für Straßenfußball und Fußball-Freestyle ins Ausland bringen, das Hauptaugenmerk in 2014 aber liegt auf der Weltmeisterschaft. Und wir werden viel Arbeit haben: Drei neue Projekte der Futebol de Rua wurden vom Sportministerium für 2014 genehmigt. Jetzt müssen wir die Mittel beschaffen, damit das Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden kann.

Was für Projekte sind das?

Wir haben uns vorgenommen, Straßenkunst-Veranstaltungen in allen Städten anzubieten, in denen Spiele der Weltmeisterschaft stattfinden. Das sind Projekte, die durch Steuererleichterungen finanziert werden, das heißt Unternehmen investieren in die Futebol de Rua und können diesen Betrag vollständig von ihrer Steuerschuld abziehen. Die Projekte umfassen Tanz, Musik, Graffiti, Hip Hop, Rap, Zirkus und, selbstverständlich, ungeheuer viel Dribbeln.

Manoella Barbosa
ist freiberufliche Journalistin mit einem Master der Universität Hamburg, wo sie auch lebt und arbeitet.

Übersetzung: Alexandra Kalka

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Januar 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.