Gesellschaft

Mário Corso: die Liebe zum Fußball und die Frauen

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Obwohl der Fußball eine klare Männerdomäne ist, zieht er auch weibliche Fans an, die zusammen mit ihren männlichen Artgenossen die Tribünen bevölkern, um ihre Teams anzufeuern. Im Interview spricht der Psychoanalytiker und Anhänger des Sportclub International de Porto Alegre, Mário Corso, über die Rolle der Frauen im Fußball.

Die Vorstellung vom Fußball ist seit jeher geprägt vom Mann. Was hat die Frau da zu suchen?

Die ganze Welt ist vom Mann geprägt, erst im 20. Jahrhundert beginnt sich dies zu ändern. Der Fußball ist nur ein weiterer männlicher Aktionsraum. Einige Kollektivsportarten sind Kriegssimulationen und dies gilt auch für den Fußball: ein gutartiger Krieg, sublimiert, aber ein Kampf. Ein weiterer Grund für die Frauen außen vor zu bleiben, denn Krieger waren schließlich die Männer. Die Frauen kamen zum Fußball wie auch zu allen anderen Dingen. Wie soll sich die Frau nun verhalten, jetzt, wo sie die Freiheit hat, ihren eigenen Weg zu gehen? Sollte sie etwas Neues beginnen oder das Territorium der Männer besetzen? In Wahrheit schließt das eine das andere nicht aus, und zum Fußball sind sie gekommen, um festzustellen, was uns da verzaubert, wo unsere Leidenschaft liegt. Meiner Meinung nach sollten sie sich uns nicht anschließen. Nichts gegen sie, sie sind willkommen, aber ich halte es für keine gute Idee, denn es reicht schon aus, wenn wir Männer uns für eine unnütze Leidenschaft zum Affen machen.

Trotz vieler sozialer Veränderungen und einem Identitätswandel in den letzten Jahren bleibt der Fußball ein Männerthema. Wie gehen wir mit den „Ausgeschlossenen“ um – Frauen, die Fußball mögen und Männer, die ihn nicht leiden können?

Der Fußball bleibt ein Männerthema, weil die Frauen, die sich uns anschließen, sich der Leere bewusst werden und davonlaufen. Einige bleiben, schließlich birgt er Gesprächsstoff oder sie finden Gefallen an der jämmerlichen Show, die geboten wird. Der eigentliche Punkt ist, dass am Ende des Regenbogens kein Schatz liegt. Die Frauen verpassen also nichts, wenn sie dem Fußball fernbleiben. Deswegen macht es auch keinen Sinn von „Ausgeschlossenen“ zu sprechen. Ich glaube nicht, dass der Fußball und sein Drumherum jemanden kulturell bereichert. Fußball kann schön anzuschauen sein und einen begeistern, aber er hinterlässt beim Einzelnen keine tieferen Spuren. Er versucht, in einer öden Welt, etwas Episches zu konstruieren, schafft dies aber nur sehr schlecht, sehr kläglich.

Männer hingegen, die Fußball nicht mögen, werden diskriminiert. So als ob ihnen etwas fehlen würde. Es ist keine massive Diskriminierung, aber etwas, das einer Mischung aus Verachtung und Verunsicherung gleicht. Die Identität eines Fußballfans ist so tief verwurzelt, dass jemand, der sie besitzt, sich nicht vorstellen kann, dass andere sie nicht verspüren. Wir versuchen ständig, die anderen in unser Verhaltensmuster zu pressen. Wir projizieren uns in den anderen, und versuchen ihn davon ausgehend zu verstehen. Deswegen begreifen wir so wenig und so schlecht den Unterschied.

„Die Gruppe reguliert unsere Qualitäten gemäß dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen“

Mário Corso. Foto: Gustavo DiehlIn einem Ihrer Texte behaupten Sie, dass der fanatische Fußballfan „das Symbol für den Niedergang des traditionellen Machos“ sei. Wie funktioniert diese Dynamik?

Einer der Vorteile Fußballfan zu sein, ins Stadion und auf die Straßen feiern zu gehen, ist, sich als Teil von etwas Größerem zu fühlen. Zu einem Kollektiv dazuzugehören bricht mit der individualisierten Welt, in der wir leben. Was in diesem Moment zählt, ist etwas anderes, man ist nicht mehr nur ein Einzelner. Nun, wir selbst zu sein, ist anstrengend, weswegen der Fußball eine Auszeit von sich selbst bedeuten kann. Dies kann spielerisch geschehen oder aber zu Schlimmerem führen. Die Gruppe gibt uns zusätzliche Energie, reguliert aber unsere Qualitäten gemäß dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen, setzt uns also ethisch, moralisch, geistig – und letztlich auf allen möglichen Ebenen – herab.

In der Gruppe sind wir in der Lage Dinge zu tun, die wir allein sonst nie getan hätten. Ich spreche vom Niedergang des Machos, weil die Gewalt seit jeher den Mann definiert hat. Der Archetyp der Männlichkeit ist der Krieger, der Soldat. Heute sind die Möglichkeiten ein Mann zu sein weniger offensichtlich, mehr persönlich, ohne klare Rituale. Wer ein unklares Bild von Männlichkeit hat, kann sich in die Menge des Fußballs flüchten, um Ärger zu machen und Gewalt auszuüben, um sich somit in eine maskuline Rolle hineinzuversetzen, die er in seinem sonstigen Leben nicht verspürt. Ein fanatischer Fußballfan und ein Raufbold zu sein verfestigt in diesem Sinne die Einbildung von Männlichkeit und Mächtigkeit.

Gibt es auch weibliche fanatische Fußballfans mit diesen Eigenschaften?

Ich denke nicht, gerade weil eine Frau, auch wenn sie eine Mannschaft besonders liebt, sich nicht dazu berufen fühlt, auf die anderen einzudreschen, um irgendetwas zu beweisen. Jedenfalls sind mir keine Amazonen-Fans bekannt. Frauen sind entschieden sanftmütiger, was die Liebe zu einem Verein angeht.

Wird es mittlerweile von der Gesellschaft erlaubt oder sogar gern gesehen, wenn eine Frau dem Fußball verfallen ist?

Ja, niemand hält es mehr für ungewöhnlich, wenn eine Frau ein Fan von Fußball ist, sich ein Trikot überstreift und hoffnungslos herumgrölt. Ich halte sie nur für eine weitere verlorene Seele, die dem gesunden Menschenverstand abgeschworen hat.Aber ich kann nicht viel dazu sagen, ich bin ja selber Fußballfan. Vielleicht würde ich darauf hoffen, dass sie kämen, um unsere idiotische Leidenschaft anzuklagen und unsere Dummheit, sinnlose selbstherrliche Insignien auf der Brust zu tragen.

Was sagt die Fußballleidenschaft des Brasilianers über unsere Kultur aus?

Ehrlich gesagt, ziemlich wenig. Wir haben den Fußball weder erfunden, noch sind wir die einzigen, die von ihm fasziniert sind. Freilich haben wir eine Spielweise kreiert, die vielleicht etwas über uns aussagt. Wir spielen weniger diszipliniert und strebsam als andere, unser Fußball verfügt über weniger Berechnung und mehr Improvisation. Unser Fußball lebt von der Unordnung, überraschenden Spielzügen, spontanen Eingebungen, von geschmeidigen Bewegungen, von Finten. Wir gefallen uns in der Rolle eines Till Eulenspiegels, eines durchtriebenen Schelms. Ohne die nötigen Mittel und Anstrengungen aufbringen zu wollen, sind wir auf den Sieg durch Cleverness angewiesen: So ist unser Fußball nun einmal, oder zumindest will er sich so sehen.

Mário Corso ist Psychoanalytiker. Er hat an der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul Psychologie studiert und arbeitet mit Jugendlichen und Erwachsenen. Im Jahre 2002 veröffentlichte er das Buch Monstruário – Inventário de Entidades Imaginárias e de Mitos Brasileiros. Es folgten 2005 Fadas no Divã: psicanálise nas histórias infantis und 2010 Psicanálise na Terra do Nunca: ensaios sobre a fantasia. Beide Bücher schrieb er zusammen mit seiner Frau Diana Corso. Darüber hinaus veröffentlicht Mário Corso Artikel, Essays und Kolumnen in verschiedenen Medien.
Camila Gonzatto
ist Drehbuchautorin und Regisseurin für Film und Fernsehen. Sie verfasst zurzeit eine Doktorarbeit zur Literaturtheorie an der Universität PUC-RS in Porto Alegre.


Übersetzung: Matthias Nitsch


Copyright: Goethe-Institut Brasilien
April 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

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