Gesellschaft

Eltern und Kinder – Aufbau einer Beziehung durch den Fußball

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Fußball kann eine starke Bindung zwischen Eltern und Kindern erzeugen, besonders in Ländern wie Brasilien, wo er Nationalsport ist.Um aber zu vermeiden, dass sich dieser beliebte Sport zu einem Auslöser für Traumata und Gewalt wandelt und familiäre Bindungen auflöst, ist emotionale Intelligenz vonnöten, um mit Siegen und Niederlagen richtig umzugehen.

Während der 90 Minuten eines Fußballspiels empfinden die Fans Frustration und Trauer, sie singen und feiern, so als ob sich in diesem kurzen Zeitraum eine Art Schnelldurchlauf des ganzen Lebens abspielte. „Diese Gefühle, die man nicht nur im Fußball sondern im Sport allgemein erleben kann, erzielen bei Kindern den Effekt eines emotionalen Trainings, das ihnen die notwendige Flexibilität verleiht, um später die verschiedensten Konflikte im Leben zu bestehen“, erklärt der Sportpsychologe Marco Antônio Ferreira vom Forschungszentrum für Sportpsychologie CEPPE aus Curitiba.

In seiner Praxis behandelt er Athleten, Trainer und Familienangehörige von Sportlern, mit dem Ziel, ihre Verhaltensweisen zu ändern, sodass sie bessere Leistungen erbringen. Nicht selten kann er beobachten, dass die Schwierigkeiten, mit denen die Patienten konfrontiert sind, das Resultat familiärer Bindungen sind, die einst rund um den Sport in der Kindheit entstanden. „Ich sage immer: Es gibt keine Spitzensportler ohne eine Spitzenfamilie“, so Ferreira.

Bindung durch Fußball

Ferreira erklärt, dass es eine Phase in der Kindheit gibt, in der eine Bindung zwischen Eltern und Kindern oft durch den Fußball entsteht. „Das Zusammenleben der Familie wird durch die Energie des Sports gehaltvoller. Die Eltern hören auf, immer nur diejenigen zu sein, die die Hausaufgaben kontrollieren oder danach fragen, ob das Zimmer aufgeräumt wurde. Es entsteht eine starke freundschaftliche Beziehung", erklärt der Psychologe.

Ein Elternteil, der nach einem langen Arbeitstag die Energie aufbringt, um, wenn er nach Hause kommt, noch mit dem Kind Ball zu spielen, zeigt: „Du bist mir wichtig“. Dies schafft eine positive Erinnerung an den Sport, die das Kind behält, bis es erwachsen ist. „Auch wenn es nur fünf oder zehn Minuten sind, es ist die Botschaft, die zählt. Die Stärke der Bindung hängt von dem Willen und der Bereitschaft des Elternteils ab“, fügt Ferreira hinzu. Geschieht dies nicht, wird das Kind mit einem unsichtbaren Freund, einem Nachbarn, einem Videospiel oder dem Computer spielen.

Buchcover Cristóvão Tezza.Durch den gemeinsamen Umgang etwa beim Spiel aufs Tor zu Haus, auf dem Bolzplatz oder auf den Tribünen entstehen Beispielsituationen, aus denen die jungen Sportler fürs Leben lernen. Sollten die Eltern nicht die nötige Reife aufbringen, Niederlagen einzugestehen und überhöhte Erwartungen an das sportliche Leistungsvermögen ihres Kindes stellen, kann dies zu großem emotionalen Leid führen. Ferreira berichtet, einmal dabei gewesen zu sein, als nach einer Meisterschaftsniederlage der Lieblingsmannschaft der Sohn den Vater trösten musste, und nicht umgekehrt. „Für das Kind ist dies sehr schlecht. Unabhängig vom Ergebnis sollte es die Funktion der Eltern sein, zu fördern und zu unterstützen“, sagt Ferreira. Selbst bei den Turnieren der G-Jugend (der sog. Pampersklasse) kommt es laut dem Psychologen häufig vor, dass die Eltern die Kinder anschreien „schieß den Ball höher!“, damit ihn der kleine Torwart nicht zu fassen bekommt. „Da wird nicht aus Spaß an der Freude, sondern ums Ergebnis gespielt“, erläutert Ferreira.

In vielen Fällen handelt es sich dabei um eine narzisstische Identifikation. Die Eltern wollen, dass das Kind der Athlet wird, der sie nie waren. „Dies wird zu zweierlei Frustration führen, denn wenn das Kind den Sport, den es betreibt, nicht abgöttisch liebt, wird es irgendwann enttäuscht sein, was wiederum die Eltern enttäuschen wird“, erklärt Ferreira. Damit der Sport tatsächlich einmal zu glücklicheren Erwachsenen führt, muss dem Kind erlaubt werden, zwischen verschiedenen Sportarten zu wählen. Und selbst fußballverrückte Eltern müssen es akzeptieren, wenn ihr Kind diesen Sport nicht betreiben will. „Kinder, die einer gut angeleiteten sportlichen Aktivität nachgehen, entwickeln sich nicht nur physisch und motorisch besser, sondern auch emotional und intellektuell“, erklärt der Sportpsychologe.

Das Jetzt und das Danach

In dem autobiografischen Roman „Der ewige Sohn“ (O Filho Eterno) des aus Curitiba stammenden Schriftstellers Cristovão Tezza findet der Fußball übrigens als „Anhaltspunkt für eine mögliche Reife“ Erwähnung. Tezza erzählt in seinem Buch von den unzähligen Schwierigkeiten und kleinen Erfolgen bei der Erziehung seines Kindes, das das Downsyndrom hat. Aufgrund seiner Leidenschaft für den Fußballclub Atlético Paranaense hat der Junge, der Felipe heißt, gelernt, mit Frustration umzugehen. Der Erzähler erinnert sich, dass „noch in den ersten Jahren der Faszination für das Team eine Niederlage den sofortigen Mannschaftswechsel bedeutete und Schubladen auf der Suche nach einem besseren Trikot durchwühlt wurden; nach und nach begann der Junge (durch soziale Nachahmung) die geheime Bedeutung von Treue zu verstehen. Seitdem hat sich seine Beziehung zum Fußball verändert“.

Auch der Vater spürt durch die Fußballleidenschaft des jungen Mannes – der zum Zeitpunkt als das Buch geschrieben wurde 26 Jahre alt war – einen starken Ansporn, Neues in das gewohnte Universum des Sohnes einzuführen. Im Gegensatz zum Computerspiel der Fifa, das tausendfach dieselben Spielzüge wiederholt, ist ein echtes Fußballspiel fast immer unvorhersehbar. „Dies fügt dem Konzept von ‚Zukunft‘ eine weitere wunderbare Dimension hinzu und bleibt nicht nur eine Sache, die er schon kannte und danach bis in alle Ewigkeit wiederholen wird. Die millimetergenaue Abstraktion zwischen dem Jetzt und dem Danach ist schließlich zu einem Teil seines Lebens geworden“, berichtet Tezza.

Annalice Del Vecchio
hat Kommunikationswissenschaft, Journalismus und Literaturwissenschaften (Portugiesisch) studiert und hat sich auf Filmkunst spezialisiert. Sie arbeitet als freie Journalistin im Kulturbereich und schreibt hauptsächlich über Filme und bildende Kunst.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
April 2014

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