Gesellschaft

Horst Bredekamp: „Die Mechanismen des Fußballs sind komplizierter als die Gesetze des Geldes“

Horst Bredekamp; Foto: Barbara Herrenkind

Der Kunsthistoriker spricht im Interview über körperlichen Einsatz und Präzision der Raumgestaltung, Peter Briegel, Leonardo da Vinci und sagenhafte Direktabnahmen.

Herr Bredekamp, was ist für Sie schöner Fußball?

Kampf, Leidenschaft und Geometrie, also körperlicher Einsatz, Rausch und zugleich absolute Präzision der Raumgestaltung: Dies sind für mich die durchaus widersprüchlichen Elemente, die zusammenspielen müssen, um die höchste Qualität des Fußballs entstehen zu lassen.

Sie sind ein renommierter Kunsthistoriker und großer Fußball-Fan. Auch in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit haben Sie sich immer wieder dem „profanen“ Fußball zugewendet – in einem Ihrer frühen Werke, „Florentiner Fußball. Die Renaissance der Spiele“, haben Sie anhand zeitgenössischer Bilder das mittelalterliche „Calcio“ untersucht. Was war dieser „Calcio“?

Der Fußball war und ist niemals „profan“. Er transzendiert die Tätigkeiten, die für gewöhnlich in gemeinschaftlichen Tätigkeiten wie dem Bergbau eingesetzt werden, in die Freiheit des Spiels. Jedes Spiel hat eine metaphysische Seite, und diese ist im Fußball stärker ausgeprägt als in anderen Sportarten. Auch der historische italienische Calcio zehrte hiervon. Er war eine Mischung aus Rugby und Fußball. Er war vom 15. bis zum 18. Jahrhundert Florentiner Nationalsport, weil der Ball, der zum Einsatz kam, mit dem Wappen der herrschenden Medici verbunden wurde, das aus sechs Kugeln bestand. Es war ein sehr harter Sport, bei dem der Ball über die gegnerische Linie geschossen oder gedrückt werden musste, also ähnlich dem amerikanischen Football. Er war ein Mikrokosmos der Gesellschaft, mit allen Formen der modernen Identifikation ganzer Stadtteile mit den zugehörigen Teams.

Und warum ist überhaupt eine Betätigung, bei dem ein Ball mit dem Fuß getreten wird, zum weltweit beliebtesten Sport geworden?

Das Spiel. Katalog des Deutschen Historischen Museums mit Beiträgen u.a. von Horst BredekampEs ist sehr schwer zu erklären, warum ausgerechnet die Verbindung des Balles mit dem Fuß einen solchen Erfolg gehabt hat. Ich vermute, dass es an etwas lag, was die Evolutionsbiologen das Handicap-Prinzip nennen. Die Hand hat es durch ihre vielfältige Übung leichter, mit einem Ball umzugehen, also ihn zu fangen, zu tragen und weiter zu werfen. Der Fuß dagegen kann den Ball nicht umklammern, und daher fällt es ihm schwerer, die Kugel zu stoppen, zu halten und präzise weiter zu spielen. Es ist gerade das Handicap des Fußes, das seine Leistung als umso überragender erscheinen lässt. Aus diesem Grund sind Annahmen eines scharf geschnittenen Flankenballes mit dem Innenrist oder gar direkt verwandelte Tore fast sagenhafte Ereignisse.

Sie haben auch die Ikonografie von Fußball- und Sportfotografien untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie oft klassischen Darstellungen in der bildenden Kunst ähneln, zum Beispiel Schlachtszenen. Inwiefern?

In der bildenden Kunst sind die Zustände höchster Erregung in eindringlichen Momentaufnahmen geformt worden, so etwa in Leonardo Da Vincis heute verlorenem Fresko des Kampfes um eine Fahne in der Schlacht von Anghiari. Die gegnerischen Kämpfer spielen alle Arten der Emotionen, die in einem solchen Kampf auf Leben und Tod entstehen, exemplarisch durch. Derartige Szenen sind in Fotografien von Fußballspielen ebenfalls bewahrt worden. Es sind Momentaufnahmen, in denen die Erregung wie auch die Schönheit des spielerischen Kampfes deutlich werden können.

Von Peter Briegel und Bruno Conti ist bei der Weltmeisterschaft 1982 eine Aufnahme entstanden, die wie eine Aktualisierung von Leonardos Fresko in einem Ausschnitt erscheint. Meines Erachtens wirken in diesen Aufnahmen dieselben entlastenden Mechanismen, die der Kunsthistoriker Aby Warburg mit dem Begriff der Pathosformel erklärt hat. Die Ausnahmesituation muss gezeigt werden, um ihren Schrecken zu verlieren. In diesem Sinn funktionieren Fußballspiele bis heute. Der Fußball erlaubt die höchste Erregung, aber er bleibt Spiel und wird nicht – dies erhofft die Welt auch von der WM in Brasilien – zum Krieg.

In Ihrem Essay „Fußball als letztes Gesamtkunstwerk“ von 1982 haben Sie schließlich die These formuliert, dass der Fußball aufgrund seines emotionalen Elements trotz aller Versuche, ihn seiner eigentlichen Natur zu berauben,das „Theater der Welt“ geblieben sei: „Kunst und Leben vereint; Fußball als… `soziale Plastik´ in ekstatischer Variante.“ Können Sie uns das genauer erläutern?

Kreis Kugel Kosmos. Ein Buch von Horst BredekampIch habe in diesem Aufsatz zu beschreiben versucht, warum die Kommerzialisierung diesem Sport im letzten Moment nichts anhaben könne, weil seine inneren Mechanismen komplizierter seien als die Gesetze des Geldes. Selbstverständlich bilden sich über das Geld Hierarchien heraus, aber wichtiger noch ist das Phänomen, dass in bestimmten Momenten des Zusammenspiels aller Kräfte und Möglichkeiten des Unterlegenen ein Sieg gelingen kann. Auch über längere Zeiträume kann die Geschlossenheit einer an sich unterlegenen Mannschaft die Technik und die Fähigkeit der aus Höchstbezahlten bestehenden Superteams überragen.

Gilt denn diese Deutung ihrer Meinung nach auch noch 30 Jahre später?

Atletico Madrid hat sowohl Barcelona wie auch Real Madrid in diesem Jahr besiegt. Kein Mensch hätte dies vorhersehen können, und nach den Gesetzen der Kommerzialisierung war dieser Vorgang an sich verboten. Natürlich macht die Kommerzialisierung den Fußball in groben Zügen berechenbar, aber ebenso sicher ist, dass es die Ausnahmen sind, die sich nicht minder zwangsläufig ereignen, und die etwa das Wettgeschäft am Leben erhalten. Aus dieser Unberechenbarkeit heraus zieht der Fußball seine Attraktion.

Horst Bredekamp, geboren 1947 in Kiel, studierte Kunstgeschichte, Archäologie, Philosophie und Soziologie in Kiel, München, Berlin und Marburg. 1982 erhielt er einen Ruf auf die Professur für Kunstgeschichte an die Universität Hamburg. 1993 wechselte er an die Humboldt Universität Berlin, wo er seither Professor für Kunstgeschichte ist und den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte innehat.
Ole Schulz
ist Historiker und Journalist. Er reist um die Welt und ist Strandfußballer alter Schule. Zurzeit spielt er beim „Trem de Alegria“ („Zug der Freude“) in Rio de Janeiro.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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