Gesellschaft

„Verflachung im Ausdruck“ – Jürgen Roth über Fußball-Deutsch

Reden über Fußball | © Africa Studio - Fotolia.com

Stoßstürmer, falscher Neuner, Staubsauger: Fußball-Deutsch ist eine ganz eigene Sprache. Für den Sprachwissenschaftler und Autor Jürgen Roth ist sie schon seit Jahren ein faszinierendes Studienobjekt. In der Art und Weise, wie wir über Fußball reden, so Roth, bildet sich der Zustand unserer Gesellschaft ab.

Herr Roth, was sagen Sie als promovierter Sprachwissenschaftler zu folgendem Satz: „Die ganze Stadt ist schwarz voller Menschen in Orange“.

Wunderbar! Eine Äußerung mit geradezu sentenzartiger Prägnanz und genial paradoxer Struktur. Den kannte ich noch gar nicht, von wem ist der denn?

Man spricht ihn dem Fußballkommentator Dieter Kürten zu, der so eine große Menge niederländischer Fans umschrieb. Ich dachte eigentlich, Sie würden den Satz kennen. Schließlich beschäftigen Sie sich schon seit langem mit der deutschen Fußballsprache.

Das stimmt. Dafür kann ich mit einem auch sehr schönen Satz von Andreas Brehme kontern: „Das Unmögliche möglich zu machen, wird ein Ding der Unmöglichkeit.“

Ein wunderbarer Satz! Das könnten wir jetzt wahrscheinlich stundenlang fortführen. Doch wie entstehen solche Sprachbilder eigentlich und warum scheint das Sprechen über Fußball dafür besonders geeignet zu sein?

Das Sprechen über Fußball war schon immer geprägt von einem starken Drang zur Analogiebildung. Es ist beispielsweise interessant zu sehen, wie bis in die 1970er-Jahre Kriegsmetaphorik unglaublich präsent war. Man sprach vom „Bomber der Nation“ oder einem „Kampf auf Biegen und Brechen“. Dann hat man auch im Zuge gesellschaftlicher Veränderung gemerkt, hoppla, wir müssen uns von diesen Metaphern lösen, wir müssen eine neutralere Sprache finden.

Video: Fußballfloskeln wörtlich genommen (WDR)

Der Charme des Reduktionistischen

Sie meinen, die Kommentare wurden sachlicher, weniger emotional?

Genau. Plötzlich wurde es möglich, sich darauf zu beschränken, Namen zu nennen und von Zeit zu Zeit ganz behutsam mal den einen oder anderen Hintergrund zu beleuchten. Man entdeckte den Charme des Reduktionistischen. Vergegenwärtigen Sie sich nur, wie das WM-Finale von 1974 kommentiert wurde: „Bonhof, Müller … und Tor“. Hinzu kommt, dass man damals auch noch keine Probleme hatte, Sätze zu sagen wie: „Was ist das eigentlich für ein Fußballspiel? Das ist ja widerlich, das ist ja nicht mit anzusehen!“ Das wäre heute undenkbar.

Sie haben Recht, das kann man sich nur noch schwer vorstellen. Warum eigentlich?

Das ist der Tatsache geschuldet, dass jedes Spiel ein Ereignis zu sein hat. Dass 80 Prozent aller Fußballspiele stinklangweilig sind, darf nicht mehr gesagt werden und wird daher in der Berichterstattung nicht mehr zum Ausdruck gebracht. Denn dann würde man ja sein eigenes Produkt abwerten, für das man viel Geld bezahlt hat. Die Sender geben mittlerweile gigantische Summen für Übertragungsrechte aus. Was wir erleben, ist eine beispiellose mediale Aufrüstung, die mit einem völligen Verlust von Scham und Selbstdistanz einhergeht. Dezenz ist abgelöst worden durch Penetranz.

Die Sportifizierung der Gesellschaft

Hat also das Geld das Sprechen über Fußball korrumpiert?

Das ist natürlich keine Verschwörung im handfesten Sinne gegen die Sprache durch die ökonomischen Imperative unserer Zeit. Aber wenn man sich mit Sprachentwicklung und Sprachhistorie beschäftigt, dann weiß man, dass in der Verwendung der Sprache die Grundzüge gesellschaftlicher Organisation zum Ausdruck kommen. Ich glaube, dass der Fußball als medial mittlerweile meistbeachtete Sportart die alte These Adornos von der Sportifizierung der Welt bestätigt.

Inwiefern? Autor und Sprachwissenschaftler Jürgen Roth | © Jürgen Roth

Adornos Prognose war: Alles Leben, aller Alltag, alle sogenannte Kultur wird zunehmend nach den Imperativen des Wettbewerbs organisiert – des Fitmachens, des Wegbeißens der Konkurrenz. Das kapitalistische Prinzip des Wettbewerbs dringt bis in die Alltagsverrichtungen ein, bis in die sogenannte Freizeit, alles organisiert sich nach diesem Schema. Genau in dieser Situation sind wir heute. Und das bildet sich auch in der Sprache ab.

Welche konkreten Effekte hat diese Sportifizierung auf die Fußball-Sprache?

Was wir beobachten, ist eine zunehmende Professionalisierung und gleichzeitige Verflachung im Ausdruck. Nehmen Sie die berüchtigten sogenannten Field-Interviews unmittelbar nach dem Spiel. Wir haben es da immer häufiger mit Spielern zu tun, die zwar wunderbar reden können, aber trotzdem erschreckend wenig zum Ausdruck bringen. Oder nehmen Sie die sogenannte journalistische Berichterstattung, die sich meiner Meinung nach nur noch marginal von einer PR-Kampagne unterscheidet. Die Interessen-Verquickung ist mittlerweile so enorm, dass es sich von vornherein verbietet, das Produkt Fußball objektiv zu kritisieren.

Analogiebildungen

Neben einer sprachlichen Verflachung haben wir es beim Sprechen über Fußball oft mit einer starken Intellektualisierung in den Feuilletons zu tun. Was halten Sie davon?

Das ist ein Trend, der zum Glück schon wieder etwas abflaut. Ich glaube, seine Hochzeit war in den frühen 1990er-Jahren und hat sicher etwas mit dem Mauerfall und dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 1990 zu tun. Damals erschienen Bücher wie Gott ist rund, es gab eine regelrechte Sucht nach Analogiebildungen. Das führte dann zu absurden Thesen, etwa, dass der Titelgewinn der deutschen Mannschaft 1974 direkt mit dem Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler zu tun habe. Ich halte das für selbstreferenziellen Feuilletonisten-Unsinn. Das hat mit der Fußballrealität nichts zu tun.

Was meinen Sie mit „Fußballrealität“?

Die Tatsache, dass der Fußball in seiner Schlichtheit eigentlich völlig erklärungsresistent ist. Zumindest, solange es nicht grundsätzlich darum geht, zu beschreiben, was in diesen Mannschaften vorgeht, wie sie sich als sozialdynamisches System organisieren. Darum geht es doch eigentlich, hierfür brauchen wir sprachliche Originalität und situative Spontanität. Und ich finde es schade, dass genau dies immer öfter wegsanktioniert wird.

Klaus Lüber
führte das Gespräch. Er ist Kultur- und Medienwissenschaftler und arbeitet als freier Autor für die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“ und „Die Welt“.

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Juli 2014

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