Gesellschaft

Brasilien nach der WM: eine Kartierung des politischen Aktivismus im Land des Fußballs

Foto: Pressefoto Projekt Multitude
Foto: Pressefoto Projekt Multitude
Eines der bestimmenden Elemente der brasilianischen Kultur, der Fußball, hat sich von seinen Ursprüngen entfernt, indem er zum Spektakel und einträglichen Geschäft mutiert ist. Nach Meinung von Natacha Rena, Professorin an der Hochschule für Architektur der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG), weist ein Fußball, der dieser Logik folgt, auf das Vorrücken des Kapitals in großem Stil in den Entwicklungsländern hin. Bei den Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft in Brasilien kam das vor allem dadurch zum Ausdruck, dass ganze Gebiete ihres ursprünglichen Charakters beraubt wurden.

Die Welle der Aufstände, die die Weltmeisterschaft im ganzen Land hervorrief, stand auf der Tagesordnung des Workshops Die Kartierung des Gemeinsamen in São Paulo, der Teil des Programms des Projekts Multitude war, das bis zum 10. August im Sesc Pompeia in São Paulo durchgeführt wird. In dem Workshop, geleitet von Rena in Zusammenarbeit mit Pablo de Soto, Bernardo Gutierrez und Felipe Brait, wurden die bestehenden Orte und Räume des Gemeinsamen kartiert: autonome, von den Bürgern selbstverwaltete Räume, die zu Zentren des Widerstands gegen die ausgrenzende städtische Neuordnung geworden sind, die im Vorfeld der Weltmeisterschaft durchgesetzt wurde.

In welcher Form waren die sozialen Proteste, die Brasilien gerade erlebt hat, Teil der Diskussionen, die in dem Workshop „Die Kartierung des Gemeinsamen in São Paulo“ geführt wurden?

Der Workshop hat versucht, die Produktion des Gemeinsamen zu kartieren, also dessen, was sich in der Stadt der Logik des Marktes und/oder des Staates entzieht. Es ist ein Prozess der Kartierung der Orte und Räume, die von Menschen autonom selbstverwaltet werden. Dazu gehören Gemüsegärten, Zentren für die Produktion von Kunst und Kultur, aber auch vernetzte Räume und Räume für die Produktion von Information und Wissen. Es sind Orte oder Handlungsformen, die gegen den neoliberalen Kapitalismus Widerstand leisten oder gegen das, was wir das globale Empire nennen und von Nationalstaaten und dem Kapital gebildet wird. Die Demonstrationen auf der Straße sind ein Teil der Debatte über das Gemeinsame, denn sie sind eine Form, um dem neoliberalen Staat des Kapitals zu verstehen zu geben, dass die Menschen selbst darüber bestimmen wollen, wie die Stadt umgebaut wird und sich ihr Leben verändert. Sie wollen Autonomie, wollen eine eigene Stimme haben und teilhaben, aber vor allem wollen sie selbst Entscheidungen treffen.

Die ausländische Presse hat berichtet, dass die brasilianische Bevölkerung, die erste gewesen sei, die gezeigt habe, dass sie die Machenschaften der FIFA ablehnt. Bei den Weltmeisterschaften in Deutschland und in Südafrika habe es so etwas nicht gegeben. Auf welche Faktoren führen Sie diese Widerstände mitten im „Land des Fußballs“ zurück, wo man doch eine uneingeschränkte Unterstützung aller Maßnahmen, die zum Gelingen der WM dienen sollten, erwartet hätte?

Das ist nicht ganz richtig. In Südafrika haben viele Menschen protestiert. Die Art und Weise, wie der Staat in den Gebieten vorging, in denen Stadien gebaut werden sollten, ist vergleichbar. Viele Familien wurden umgesiedelt, um eine Sonderzone einzurichten, das sogenannte „FIFA-Territorium“. Es kam in der Tat zu Demonstrationen, über die aber nicht öffentlich berichtet wurde. In Brasilien hatten sich Vertreter der sozialen Bewegungen im Vorfeld getroffen, um das Thema zu diskutieren. Doch das Ausmaß der Vertreibungen und der Umgestaltung der Stadtgebiete war derart radikal, dass es unvermeidbar zu einem Aufstand kommen musste.

Foto: Pressefoto Projekt Multitude

Brasilien ist heute ein Land, das große Begierden beim Kapital weckt, nachdem dieses sich im Großteil Europas bereits erschöpft hat. Wenn wir auf Griechenland und auf Spanien blicken, wissen wir schon im Voraus, zu was so ein Prozess der Neuordnung des städtischen Territoriums in der Lage ist, um es auf Großveranstaltungen vorzubereiten. Der Staat, Bauunternehmen und Banken tun sich zusammen, um dem Kapital uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen. Um für Großereignisse geeignete Gebiete zu revitalisieren, aufzuwerten oder umzubauen, müssen hohe Schulden aufgenommen werden.

Die FIFA stellt eine ausgrenzende Beziehung zu den Ländern her, einschließlich ganzer Bündel von verfassungswidrigen Forderungen, und das schürt einen explosiven Hass – der in Entwicklungsländern wie Brasilien sogar noch größer ist. Aber wir dürfen nicht den Ursprung des Problems aus dem Blick verlieren: Der Finanzkapitalismus ist die neue Form des Kapitalismus. Um zu expandieren, benötigt er große Bauvorhaben und Maßnahmen auf städtischen Gebieten im Verbund mit der Aufnahme von Schulden. Der Industriekapitalismus ist in die Länder des Ostens wie China abgewandert. So muss der westliche Kapitalismus Reichtum und Mehrwert auf eine andere Art akkumulieren, nicht mehr allein durch die industrielle Produktion.

Darin liegt auch, um die Wahrheit zu sagen, die Niederlage der brasilianischen Seleção begründet: millionenschwere Spieler, Korruption in der Leitung des Brasilianischen Fußballverbands CBF und Hauptaugenmerk auf Werbung und Geschäft, auf den Austausch von Gefälligkeiten zwischen den Mafias, die den Fußball umgeben. All das versetzt den Sport, der zur Kultur der Brasilianer gehört, an einen anderen Ort, der mit ihrem Alltag kaum mehr etwas zu tun hat.

Die auf den Straßen erhobenen Forderungen sind uneinheitlich und auch die Meinung darüber, bis zu welchem Punkt die Demonstrationen legitim sind, ob sie von politischen Interessen manipuliert werden oder ob sie die Unzufriedenheit der „alten“ Mittelklasse des Landes ausdrücken, gehen weit auseinander. Was halten Sie von diesen Meinungsverschiedenheiten?

Zwanzig oder dreißig Prozent der Bevölkerung sind reich. Sie haben in ihrem Leben mehr Rechte als der Rest der brasilianischen Gesellschaft genossen und sie stören sich an den gesellschaftlichen Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben. Dieser Teil der Bevölkerung erlebt gerade, wie das Land wirtschaftlich wächst und die Bundesregierung, wenn auch zögerlich, versucht, das Einkommen des Landes gerechter zu verteilen. Es handelt sich um Personen, die ich für politisch rechts halte, die Schwarze oder ehemalige Arme ungern an staatlichen Universitäten sehen, die nicht mit Angehörigen der Unterschicht in einem Flugzeug fliegen wollen und die ihre Hausangestellten verloren haben, die vorher zu sklavenähnlichen Bedingungen für sie gearbeitet hatten.

Wir erleben in unserem Land einen versteckten Krieg zwischen Reichen und Armen. Im letzten Jahr ist die Rechte, die bisher verborgen und im Stillen existierte, hervorgekrochen. Auf den Straßen hat sich eine neue Linke gezeigt, die mit dem Staat des Kapitals auf ganzer Linie unzufrieden ist. Auf der ganzen Welt geschieht gerade Vergleichbares. Die Rechte reagiert darauf aber nur mit Entsetzen. Unsere Rechte hat keine Agenda. Sie kann nicht sagen, was genau ihr Anliegen ist. Was sie will, ist, dass 500 Jahre Ungerechtigkeit und soziale Ungleichheit fortbestehen. In Anbetracht dessen will ich lieber über die reale Agenda der Linken sprechen, die mehr Teilhabe der Gesellschaft an den Entscheidungsprozessen im Land fordern, das Recht auf Wohnen, einen öffentlichen Nahverkehr, den man gratis nutzen darf, eine politische Reform, eine Stadtreform und Maßnahmen, um die bestehende Demokratie zu erweitern.

Man sprach von einem Medienterror, der von der traditionellen Presse betrieben wurde, die ein Chaos bei der WM ankündigte. Während der Fußballspiele verbuchte sie die Veranstaltung jedoch als Erfolg. Was halten Sie von der WM-Berichterstattung der brasilianischen Presse?

Die großen nationalen und internationalen Medien sind die Säule des zeitgenössischen Kapitalismus, die Subjektivität hervorbringt. Die Medien produzieren Information und rufen dabei Wünsche hervor und formen eine unkritische Masse, die konsumieren will und glaubt, dass der mediale Diskurs neutral ist. Ich glaube aber, dass diese Ära an ein Ende gekommen ist – mit dem Internet, das die Vernetzung vergrößert und sicherstellt, dass die Menschen sich aus anderen Quellen informieren. Die voranschreitende Privatisierung des Lebens, des Territoriums, der Lebensräume, der Natur, sogar des Wassers, ist derart dreist, dass sich in der ganzen Welt Menschen dagegen auflehnen. Aber darüber wird in den großen Medien nicht berichtet. Das beweist die große Angst davor, dass sich eine große globale Rebellion ausbreiten könnte, die ihre Spitze im Arabischen Frühling hatte, mit den Indignados („Empörte“) Spanien und mit Occupy NY die USA erobert und weiterhin Netzwerke und Straßen einnimmt. Wir befinden uns in einem Krieg. Und dieser globale Krieg wird von den Bürgern geführt, die gegenüber dem neoliberalen Staat des Kapitals, der alles privatisieren will, Demokratie und Rechte verlangen. Und die großen Medien sind natürlich Teil dieses Spiels.

Welcher politische Aktivismus wird nach den jüngsten Protesten in Brasilien fortbestehen?

Der politische Aktivismus, den es schon zuvor gegeben hat, ist stärker geworden. Er hat das Land angesteckt, bringt neue soziale Bewegungen jenseits der Gewerkschaftslogik hervor. Soziale Bewegungen, die im starken Schulterschluss mit dem Staat des Kapitals stehen, verlieren an Legitimität. Ich glaube, jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem sich die neuen Bewegungen vervielfachen: Sie sind flexibler, freier, autonomer, hybrider und deswegen weniger anfällig dafür, vom Staat vereinnahmt zu werden. Es liegt trotzdem noch ein langer Weg vor uns.

Natacha Rena ist Architektin und Stadtplanerin, Professorin an der Hochschule für Architektur der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG) in Belo Horizonte. Sie hat einen Master in Architektur an der UFMG absolviert und im Fachbereich Kommunikation und Semiotik an der PUC-São Paulo promoviert. Sie leitet das Programm DESEJA.CA _Desenvolvimento Sustentável e Empreendedorismo Solidário no Jardim Canadá („Nachhaltige Entwicklung und solidarisches Unternehmertum in Jardim Canadá"), und ist Direktorin der Umweltsozialprojekte des Kunst- und Technologiezentrums JA.CA Centro de Arte e Tecnologia sowie Leiterin der Grupo de Pesquisa INDISCIPLINAR („Forschungsgruppe Indisciplinar“), die sich mit der zeitgenössischen Produktion des Stadtraums beschäftigt.
Annalice Del Vecchio
hat Kommunikationswissenschaft, Journalismus und Literaturwissenschaften (Portugiesisch) studiert und hat sich auf Filmkunst spezialisiert. Sie arbeitet als freie Journalistin im Kulturbereich und schreibt hauptsächlich über Filme und bildende Kunst.

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
August 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.