Gesellschaft

Neue Fankultur in Brasilien – für die Demokratisierung der Vereine und Tribünen

Foto: Irlan Simões

Mit Regelmäßigkeit wird von den Sportkommentatoren in den verschiedensten Medien das Mantra vom “Fußball als Geschäft” wiederholt. Doch für manche Fans ist dies nur ein Teil ihrer Realität.

Die Zeit vor der Weltmeisterschaft 2014 war geprägt durch das Entstehen unterschiedlicher Fanorganisationen, die nicht nur am Rand stehen wollten. Entgegen der Kommerzialisierung des Fußballs glauben diese Initiativen an die Notwendigkeit, den kulturellen Charakter des „beautiful game“ zu erhalten und stellen sich damit gegen Sportfunktionäre und Unternehmer. Zwei große Stoßrichtungen sind dabei zu beobachten: die Ausweitung der Beteiligung von Fans auf politischer Ebene durch die Demokratisierung von Klubs, sowie der Kampf gegen hohe Eintrittspreise, um allen Bevölkerungsschichten den Stadionbesuch zu ermöglichen.

Echte politische Mitwirkung

Im Bundesstaat Rio Grande do Sul stellt sich die Gruppe „Povo do Clube“ (dt. etwa: Klubvolk) seit 2012 deutlich gegen die Elitisierung des eigenen Stadions „Beira-Rio“, das für die Weltmeisterschaft zur Arena umfunktioniert wurde. Bei der Wahl zum beratenden Gremium des Vereins gelang es der Gruppe unter Ausnutzung des politischen Spielraums der Institution, 16 Mitglieder durchzusetzen, die sich für die Öffnung des Stadions für ärmere Fans sowie die Ausweitung der demokratischen Strukturen des Vereins Internacional einsetzen.

„Die Bewegung ist offen für die Beteiligung aller, die glauben, dass Internacional ein aus dem Volk entstandener Verein ist und daher seine Wurzeln nicht einfach beiseiteschieben darf. Die Identität verteidigen und die Beteiligung der Basis an allen Entscheidungen ausbauen: Das ist der Charakter unserer Initiative, die unter den ‘Colorados’ (den Anhängern von Internacional) täglich neue Anhänger gewinnt“, erzählt Rechtsanwalt Cesar Schunemann, Mitstreiter der Gruppe und seit 2012 gewähltes Mitglied des Rates. Für Schunemann ist Fußball ein für Spieler wie Zuschauer sogar in der Verfassung verbrieftes Recht. „Der Besuch von Sportveranstaltungen steht nicht nur Menschen zu, die 80 oder gar 100 Reais (umgerechnet ca. 25 bis 30 Euro) aufbringen können, sondern der Allgemeinheit“, sagt er.

Gegen die Konsortien

Allerdings sind es nicht viele brasilianische Klubs, die eine politische Beteiligung ihrer Fans akzeptieren. Internacional befindet sich damit in einer erlesenen Gruppe von weniger als fünf, die politisch orientierte Gruppierungen mit Stimmrecht, Stimme und Wählbarkeit zulassen.

In Belo Horizonte führt die Initiative „Resistência Azul Popular“ (dt. etwa Blauer Volkswiderstand) des Vereins Cruzeiro einen Kampf gegen die Verwaltung des „Mineirão“, das früher ein öffentliches Stadion war und ebenfalls für die Weltmeisterschaft zur Arena gemacht wurde. Die Gruppe richtet sich gegen die private Konzessionierung des Stadions sowie überhöhte Eintrittspreise. „Für uns ist der Betreiber ‚Minas Arena‛ der Hauptgegner im Kampf der Fans gegen die Elitisierung. Zudem ist es bei der Vergabe zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Daher sind wir dagegen und werden keine Ruhe geben, solange dieses Konsortium das Mineirão verwaltet und sich des Fußballs bedient, um ihn profitorientiert zu gentrifizieren“, betont die Gruppe, die sich dem Interview nur als Kollektiv stellt, um ihre Mitglieder nicht einzeln zu exponieren. Für „Resistência Azul Popular“ ist auch der Vereinsvorstand Teil des Problems, denn auch er betreibe eine Politik der Selektion der Fußballzuschauer.

Zwischen Stolz und Widerspruch

In São Paulo stellt sich die Gruppe „Dissidenti“ gegen die Preispolitik des Vereinsvorstands von Palmeiras, einem Klub, der sein Stadion zur Freude der Fans ebenfalls renoviert hat. Auch das neue Zuhause des Klubs folgt, wenn auch nicht im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft, dem Konzept einer multifunktionalen Arena. „Dissidenti“ unterscheidet sich von den beiden vorher genannten Initiativen insofern, als sie sich nicht als „politisch“ versteht und vom Charakter her eher heterogen ist. Doch auch ihr Konsens ist die Verteidigung der Demokratisierung von Palmeiras, sowie die Kritik an hohen Eintrittspreisen für das neue Stadion.

„Der Eintrittspreis darf kein Hinderungsgrund für einen Fan sein, seine Leidenschaft für den Verein in der Gemeinschaft mit anderen zu leben. Zurzeit werden absurd hohe Eintrittspreise verlangt, und die Karten sind an eine ebenfalls bezahlte Klubmitgliedschaft gekoppelt“, erklärt Felipe Giocondo. Er war selbst Mitglied der derzeitigen Vereinsführung, gibt er zu, trat aber aufgrund von abweichenden Positionen zurück. „In dieser Philosophie ist kein Platz für jemanden, der nicht als potenzieller Konsument gilt, selbst wenn dies leere Ränge bedeutet“, fügt Giocondo hinzu.   

„Fanbindung“

Für Ronaldo Helal, Kommunikationswissenschaftler an der Staatlichen Universität Rio de Janeiro (UERJ) und Kenner des brasilianischen Fußballs, verdient die neue Entwicklung eine wohlwollende Betrachtung. „Es ist extrem positiv, wenn sie [die Fangruppen] die Masse der Fans repräsentieren, die ein Stadion besuchen. Wenn man beginnt, Stadien im Sinne einer Elite aufzuwerten, schließt man das Publikum aus, das die Stadien traditionell mit Leben füllt und den Fußball zu dem gemacht hat, was er ist“, betont er. Für ihn muss das Konzept der Arenen, wenngleich inzwischen unumkehrbare Realität, neu bedacht werden, und zwar im Einklang mit der Fankultur in Brasilien, anstatt es Verhaltensvorgaben europäischer Stadien anzupassen.

Bernardo Buarque de Holanda, Sportsoziologe und Dozent der Getúlio Vargas-Stiftung, schätzt die Initiativen wie folgt ein: „Es handelt sich um punktuelle Initiativen, die jedoch einen anhaltenden Effekt haben können durch die Tendenz zu einer dauerhaften Bindung und die Anhängerschaft von Fans, die nicht selbst Mitglied eines Vereins sind.“

Landesweite Organisierung der Fans

Mitglieder der Initiativen verweisen auf die Notwendigkeit einer landesweiten Vernetzung, um ihren Einsatz zu potenzieren. „In der Diskussion über neue Gesetze sitzen am Verhandlungstisch stets die Repräsentanten des Geschäfts (der nationale Fußballverband CBF), sowie Sportler. Die Fans werden nicht einmal zum Gespräch eingeladen“, sagt Cesar Schunemann von „Povo do Clube“. Felipe Giocondo hält fehlende Vernetzung für den Hauptgrund dafür. Seiner Meinung nach sollten die Fans in diesen Gesprächen als Repräsentanten der Zivilgesellschaft vertreten sein. „Bis heute werden wir in allen Diskussionen über die Zukunft des Fußballs ignoriert.“

Obwohl „Business“ im Fußball eine weltweite Realität ist, regt sich weiterhin Widerstand gegen den Versuch, aus Fans bloße Konsumenten zu machen. Faninitiativen zeigen, dass Fußballkultur noch immer ein Feld der Auseinandersetzungen ist, selbst wenn sie zunehmend dem Markt unterworfen wird. 

Irlan Simões
ist freier Autor, Fußballspezialist und Leiter der Zeitschrift Rever.

Übersetzung: Michael Kegler
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
August 2015

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.