Gesellschaft

Fußball ist meine Leidenschaft – eine multikulturelle Frauenfußballmannschaft in Berlin

Anspannung vor einem Spiel, das wichtige Punkte bringen soll  Copyright: Regina Friedrich

Selbstbewusst und fußballbegeistert: Mittelfeldspielerin Buci, Torhüterin Paros und Rechtsaußenspielerin Charmin (v.l.n.r.)  Copyright: Regina FriedrichDie Spielerinnen des BSV Al Dersimspor in Berlin kommen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Die Leidenschaft für Fußball hat sie zusammengebracht. Selbstbewusst kämpfen sie für ihr großes Ziel: der 1. Platz in der Verbandsliga.

„Fünf Runden und dann machen wir Balltraining.“ Die Trainerinnen Mehtap und Safiye laufen los, die Fußballerinnen der ersten Frauenmannschaft des BSV Al Dersimspor hinterher. Zweimal in der Woche trainieren sie hart, denn in diesem Jahr wollen sie an die Spitze der Berliner Verbandsliga. Dazu fehlen ihnen nur noch wenige Punkte. Frauen im Fußballtrikot sind in Stadien nicht mehr nur auf den Rängen zu finden, sie haben den Rasen erobert. Allein in Berlin gibt es 61 Vereine mit 87 Frauen-Mannschaften. Noch bis 1970 war Frauenfußball in der Bundesrepublik verboten, galt als ungesund und unästhetisch.

Anspannung vor einem Spiel, das wichtige Punkte bringen soll  Copyright: Regina FriedrichDarüber können die jungen Frauen heute nur den Kopf schütteln. „Fußball ist meine Leidenschaft“, schwärmt Paraskevi, die alle nur Paros nennen. Die 30-jährige Torhüterin mit griechischen Wurzeln spielt seit ihrem zwölften Lebensjahr Fußball, immer unterstützt von ihren ebenfalls fußballbegeisterten Eltern und dem Bruder. Nur heute schaut sie zu, sie ist verletzt. „Ich kann mir ein Leben ohne Fußball gar nicht vorstellen.“ Sie schätzt den Teamgeist und den Zusammenhalt in der Mannschaft. „Wir verstehen uns super, machen auch sonst viel zusammen“, sagt sie. Wir – das sind Frauen zwischen 17 und 37 Jahren, geboren in der Türkei, im Iran, in Tunesien, Deutschland, Bulgarien, Albanien, Südkorea und Australien.

Fußball kennt nur eine Sprache

„Diese Vielfalt der Nationalitäten und Kulturen macht die Einzigartigkeit unseres Vereins aus“, betont Battal Akdağ, stellvertretender Vorsitzender des BSV Al Dersimspor. Mit Freunden gründete er 1982 einen Freizeitsportklub, der 2003 mit einem anderen Verein fusionierte. Weil immer mehr Mädchen mitspielen wollten, baute er mit einer ehemaligen türkischen Nationalspielerin eine Frauenmannschaft auf. „Sie bringen Superleistungen, das erkennen auch die Männer an, da gibt es keine Probleme“, erklärt er stolz. Dreimal sind sie bis in die Verbandsliga aufgestiegen, die höchste Liga für Frauen in Berlin. Besonders für die jüngeren Spielerinnen eine Bestätigung. „Denn wenn die Jungs sehen, dass du Fußball spielen kannst, haben sie auch mehr Respekt vor dir“, so die einhellige Meinung.

Natürlich geht es in erster Linie um Sport. Genauso wichtig in der Vereinsarbeit ist aber auch die Integration junger Menschen verschiedener Herkunft. Der Sport bringt sie zusammen, gibt ihnen ein Ziel und fördert das Verständnis untereinander. „Fußball hat nur eine Sprache und die Sprache kennt jeder“, davon ist Battal Akdağ überzeugt.

Kicken mit Kopftuch

Das können die Frauen bestätigen, weil sie es hautnah erlebten. Sie flogen 2006 nach Teheran, um gegen die iranische Frauen-Nationalmannschaft zu spielen. Daraus entstand der Dokumentarfilm Football Under Cover, der auf internationalen Festivals lief und ausgezeichnet wurde. Die Idee dazu hatte Marlene Assmann, selbst Spielerin und Filmstudentin. Die Berliner Fußballerinnen kamen in eine völlig andere Welt, nicht nur, weil sie mit Kopftuch und langen Trikots spielen mussten. „Es war für die iranischen Frauen die einzige Möglichkeit, gegen eine ausländische Mannschaft zu spielen“, erinnert sich Paros. „Die waren richtig mit dem Herzen dabei, genauso wie das begeisterte Publikum, übrigens nur Frauen. Da haben wir gemerkt, was man mit Fußball bewegen kann.“

Kicken mit Kopftuch  Copyright: Flying MoonValerie hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Als ich mit meiner Familie im Ausland lebte, war Fußball der Weg, mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, trotz Sprachbarrieren“, erzählt sie etwas außer Atem und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. „Fußball ist ein total ehrlicher Sport mit starkem Teamcharakter. So ein Spiel kann Hochgefühle bringen, wenn man bis an seine Grenzen geht. Und das muss man, sonst macht es keinen Spaß.“ Schnell läuft sie wieder auf das Spielfeld.

„Diese Mannschaft hat mich inspiriert“

Es fängt an zu nieseln, die Frauen ziehen die Kapuzen hoch und üben Kopfbälle. Aylin holt sich eine Mütze. Jetzt aufhören? Nein. Es war ja gerade der Mannschaftsgeist, der sie beeindruckte. Die 19-Jährige war in verschiedenen Vereinen. „Aber da fühlte ich mich nicht wohl. Die Mannschaft hier hat mich inspiriert, wie sie spielt, wie sich alle hier geben, das hat mir gefallen“, sagt sie. Ihr Traum ist es, einmal in der türkischen Nationalmannschaft zu spielen und sie ist überzeugt, dass sie es kann. Eine von ihnen hat es schließlich schon geschafft.

Begeistertes Publikum  Copyright: Flying MoonEs regnet inzwischen in Strömen. Trainerin Mehtap geht ins Tor. Eine nach der anderen läuft an und schießt. Co-Trainerin Safiye schaut aufmerksam zu, zeigt, wie es besser geht. Noch eine halbe Stunde dauert das Training, Ballvorlage, abspielen, dribbeln. Alle sind völlig durchnässt, aber in der Umkleidekabine gibt es dann noch eine kurze Auswertung. Schließlich steht am Wochenende ein wichtiges Punktspiel an, das sie ihrem großen Ziel näher bringen soll.

Regina Friedrich
ist freiberufliche Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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