Gesellschaft

Frauenfußball in Brasilien: das Paradox der Doxa

Es ist kaum bekannt, aber erst 1979, im Jahr der politischen Amnestie in Brasilien, wurde den Frauen erlaubt, die brasilianischste aller Sportarten auszuüben: den Fußball. Bis dato waren sie durch ein Gesetz der Vargas-Diktatur vom Platz ferngehalten worden.

Die Frauen besaßen bereits das Recht Universitäten zu besuchen und an ihnen zu lehren, sie durften typisch männliche Berufe ausüben, wie Ingenieur oder Chemiker, sie waren schon auf die Straße gegangen, um gegen das Militärregime zu protestieren und hatten sogar schon feministische Gruppen gegründet, blieben jedoch ohne die Erlaubnis Fußball spielen zu dürfen. Der Zugang zum Rasen erfolgte und erfolgt nur langsam und war von vielen Hürden und Vorurteilen begleitet, denn in den Medien wird Frauenfußball noch heute wenig Platz eingeräumt. Und der weibliche Zuschaueranteil auf der Tribüne und vor den Fernsehgeräten liegt trotz eines Zuwachses immer noch bei nur ca. 30 Prozent.

„Weibliche Fans und zerknüllte Tücher“

Warum wird Brasiliens Frauenfußball kaum wahrgenommen? Diese Nichtbeachtung hat eine Geschichte, und die ist keineswegs eine Geschichte fortschreitender Errungenschaften seitens der Frauen, wie eine naive „evolutionistische“ Sichtweise vermuten ließe. Denn als der Fußball Mitte des 19. Jahrhunderts aus England nach Brasilien kam, schließt er die Anwesenheit von Frauen nicht völlig aus. Übrigens kommt das Wort, welches die Fans in Brasilien bezeichnet, nicht von ungefähr und verweist auf eine weibliche Präsenz. Denn „torcedor“ geht etymologisch auf die Angewohnheit der Frauen zurück, weiße Tücher bei sich zu haben und diese auf dem Höhepunkt ihrer Leidenschaftsbekundung für die wettstreitenden Teams in ihren Händen zu wringen und zu zerknüllen ( „torcer“).

Und tatsächlich schauten sich die jungen Fräulein die Spiele von Rios Club Fluminense an, so wie es wahrscheinlich auch in anderen Regionen Südbrasiliens geschah. Denn ihre Anwesenheit wurde schon sehr früh im 20. Jahrhundert bei den Sportfesten des Clubs Annita Garibaldi im Bundesstaat Santa Catarina von Forschern belegt. Anlass für den Andrang von Frauen am Rande des Spielfeldes war eine Art der Geschlechterzusammenkunft, die darin bestand einen weiteren Ort zu haben, um „eine gute Partie“ ausfindig zu machen, sprich: einen weißen Ehemann der Oberschicht, da von den Spielen ebenfalls Schwarze, „Mischlinge“ und andere subalterne Bevölkerungsschichten ausgeschlossen waren. Die Anwesenheit von Frauen an diesen Orten wurde lediglich als „schmückendes Beiwerk“ empfunden. Und sie selbst waren nicht gekommen, um etwa die neue Sportart zu erlernen.

Aber ähnlich wie die Rolle der Arbeiter veränderte sich auch die Rolle der Frauen und sie wurden von Fans zu Spielerinnen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts belegen Aufzeichnungen Spiele von Frauenmannschaften in São Paulo und Rio de Janeiro zu nicht offiziellen Anlässen, denn wie allgemein bekannt ist, unterhielt der Fußball im Land enge Verbindungen zu den rein maskulin geprägten Institutionen des Militärs, die in den Leibesübungen ein Instrument zur Schaffung eines kriegstauglichen Körpers sahen.

Körper, um Kinder zu gebären

Aber warum verbot man den Frauenfußball in Brasilien? So wie das Spielverbot für Schwarze die Ideologie der „Aufhellung der Nation“, die durch einflussreiche Rassentheoretiker seit dem 18. Jahrhundert im Land vorangetrieben wurde, entlarvte, diente auch das Spielverbot für weiße Frauen eugenischen Ideologiezwecken. Die Herrschenden hatten sich die Gesundheit des weiblichen Körpers auf die Fahnen geschrieben, der gesunde Nachkommen zur Welt bringen sollte, um so die „weiße brasilianische Rasse“ zu kultivieren.

Der Brief des „ehrwürdigen Herren“ José Fuzeira an den Präsidenten Getúlio Vargas stand am Anfang der Verkündigung des gesetzlichen Verbots. Herr Fuzeira bat in besagtem Brief um „die vorausschauende Wachsamkeit seiner Exzellenz, um drohendes Unheil abzuwenden, das im Begriff ist, über die weibliche Jugend Brasiliens hereinzubrechen“. Und erklärte in einem Text voller Ausdrücke eines unmissverständlichen Männlichkeitswahns, warum „die Frau diesen brutalen Sport nicht ausüben kann, ohne ernsthaft das physiologische Gleichgewicht ihrer organischen Funktionen zu gefährden, deren natürliche Bestimmung nun mal die Mutterschaft ist“.

„Depressionen, Exhibitionismus und Verrohung“

Der Brief mahnte also den Erhalt der Fortpflanzungsfunktion der Frauen an, aber nicht nur das. Es war zusätzlich eine mögliche Wesensveränderung der Frauen, die den Verfasser ängstigte. Ihm zufolge könnten diese nämlich einer „depressiven Geisteshaltung“ anheim fallen – man lese hier „nachdenklich hinterfragenden Geisteshaltung“, denn die „Depression“ wie wir sie heute kennen existierte in den 1940 Jahren als Krankheit überhaupt nicht.

Sie könnten auch „zum Exhibitionismus neigen“ und „im Stande sein, sich zu artikulieren, sich zur Schau zu stellen und sich zu zeigen“, ergänzt Fuzeira. Und noch schlimmer, der Schreiber warnt, dass diese exhibitionistischen Verhaltensweisen „hart“ erscheinen könnten – und hier haben wir wieder ein Adjektiv, welches das männliche Verhalten positiv und das weibliche negativ bewertet. Und dies mittels einer unhaltbaren Geschlechterunterscheidung. Denn wie in vielen anderen Fällen auch, repliziert sie in der sozial vorgeschriebenen Geschlechterperformance einfach nur den anatomischen Binarismus.

Neben einer Statistik, die über den damaligen Frauenanteil im Fußball Auskunft gibt und seinen Anstieg berechnet („200 die Gesundheit von 2.200 zukünftigen Müttern zerstörende Zentren“), verknüpft der Brief klug die Praxis des Fußballspielens mit möglichen Veränderungen im Verhalten der Frauen, das, so lesen wir zwischen den Zeilen, auch Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen impliziere. Der Verfasser beschreibt nicht nur treffend den Ursprung der Teilhabe von Frauen am Fußball als eine „feminine Bewegung“ (könnten wir hier nicht gar feministisch lesen?), sondern prognostiziert auch die Ausweitung dieser Teilhabe auf andere Sportarten, einschließlich der des Boxens, des männlichsten Sports schlechthin. Seine Unterweisung in Sachen Zukunftsforschung ist auch in Bezug auf die Vorhersage zutreffend, dass andere Minderheiten, wie zum Beispiel Menschen mit Sehbehinderung, Zugang zum Sport haben werden. Dies ist ein gutes Beispiel der machohaften Weltanschauung: Der Brief ist ein einmaliges Dokument, um auch die Ansichten der Psychologen und Hygieniker dieser Zeit verstehen zu können.

„Ein Sport, unvereinbar mit der weiblichen Natur“

Der Brief wurde ans Ministerium für Bildung und Gesundheit weitergeleitet, das wiederum die Thesen des Verfassers bestätigte und pseudomedizinisch-wissenschaftliche Argumente anführte, die dem Nationalen Sportrat als Grundlage zur Ausarbeitung eines Dekrets dienten. Dieses Dekret vom 14. April 1940, das ganz allgemein die Basis für die Organisation des Sports in Brasilien festlegte, beschließt im Artikel 54, dass „Frauen die Ausübung von Sportarten, die unvereinbar mit ihrer natürlichen Beschaffenheit sind, verboten wird“. Obwohl der Sport seit 1940 untersagt war, lebt der Frauenfußball in Form von sporadischen Gesetzesübertretungen einer maskulin dominierten Ordnung weiter. Die Gesetzgebung wurde solange herausgefordert, bis auch die regionalen Sporträte den Frauenfußball unterbanden.

Damals war der Frauensport par excellence das Schwimmen, bei dem die Körperbewegungen durch das Wasser abgemildert wurden. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu verweist treffend auf das, was er das „Paradox der Doxa“ nennt. Denn was bei der Hinnahme der gegebenen Ordnung (Doxa) verwundert, ist gerade die Seltenheit ihrer Übertretungen.

Die soziale Stellung: Passivität und Unterwerfung

Diese Ausgrenzung wurde in der Resolution Nr. 7 von 1965 weiter verdeutlicht. Hier spezifizierte die erst kürzlich an die Macht gekommene Militärdiktatur die für Frauen verbotenen Sportarten, wie zum Beispiel Kämpfe, Sprünge und Fußball, und regelte die Intensität und den Zweck anderer. Man strebte an, die Fortpflanzungsfähigkeit der Frauen, die angeblich durch das Sporttreiben gefährdet sei, zu bewahren. Dabei handelt es sich um eines der hinfälligsten biologistischen Argumente überhaupt, denn – einfach gesagt – die Frau besitzt innere Fortpflanzungsorgane. Im Gegensatz zu den Männern, deren äußere Organe beim Fußballspielen offenkundig einem größeren Risiko ausgesetzt sind.

Hinter diesem vermeintlichen Schutzgedanken stand eigentlich die soziale Stellung der Frau als Mutter auf dem Spiel. Diese war angepasst an eine Idealvorstellung des weiblichen Körpers: rundlich, ohne Muskeln und unbeweglich. Genauer gesagt, ein Muster, das dem sozial vorgeschriebenen Frauenbild entsprach: passiv und unterwürfig, ohne Agens.

Von der Allgemeinheit ausgeschlossen

Mitten in den 1960er Jahren, also zu einer Zeit der großen Transformationen in den Geschlechterbeziehungen in der westlichen Welt, des Zurückweichens der männlichen Dominanz und der Ausweitung des Möglichkeitsraumes der Frauen, wurde erneut ihr Ausschluss von dem Sport bekräftigt, der einen zentralen Platz in der Vorstellungswelt der Brasilianer einnahm (und immer noch einnimmt). Die Frauen vom Fußball auszuschließen bedeutete symbolisch ihnen die volle Teilhabe an der Nation zu verweigern. Denn der Fußball diente mehr als alle anderen gesellschaftlichen Praktiken der Konstruktion eines Nationalgefühls. Er war eines der Instrumente des brasilianischen Nationalismus und der soziopolitischen Modernisierung des Landes.

Die Körper der Frauen wurden gegenüber denen der Männer als minderwertig abgestempelt. Sie galten als unfähig dieselben Heldentaten vollbringen zu können, auch wenn dies unter dem ideologischen Deckmantel einer Heiligsprechung durch die der Mutterschaft geschah. Aber sie vom Fußball auszuschließen bedeutete mehr als nur eine körperliche Ertüchtigung zu verbieten und ihren Zustand als Unterdrückte zu bekräftigen. Der Fußball, der im Stande war die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht und einer Nation auszudrücken, schloss die Frauen von einem größeren Kollektiv und einem breiten Spektrum von sozialen Praktiken aus. Dadurch waren Sie unfähig symbolisch die Nation bei solchen Begegnungen zu repräsentieren, die derlei Gefühle auslöste. So waren sie nicht nur passiv und unterwürfig, sondern auch noch Bürgerinnen zweiter Ordnung.

Carmen Rial
ist Professorin für Anthropologie an der Bundesuniversität von Santa Catarina und Mitglied des Instituts für Genderforschung (IEG).

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.