Gesellschaft

Unser täglich Fußballspiel

Der Fußball bestimmt den Alltag und die Vorstellungswelt aller Brasilianer, auch derer, die ihm nichts abgewinnen können und den Sport nicht weiter verfolgen.

Er schlägt sich sogar in der Umgangssprache nieder, in geflügelten Worten wie „das Mittelfeld durcheinanderwirbeln“, also ‚ein großes Durcheinander verursachen‘, oder „jemanden an die Eckfahne stellen“, was so viel heißt wie ‚von jemandem nichts mehr wissen wollen‘, oder „jemand steht am Elfmeterpunkt“, um auszudrücken, dass eine wichtige Entscheidung unmittelbar bevorsteht.

Wenn der Fußball in Brasilien wirklich allgegenwärtig ist, dann erscheint seine mangelnde Präsenz in gewissen Kulturbereichen, wie der Literatur oder dem Film, fast verwunderlich. Der Dramaturg und Kolumnist Nelson Rodrigues pflegte mit einem für ihn typischen Hang zur Übertreibung zu sagen, dass es „in der gesamten brasilianischen Literatur nicht eine einzige Figur gibt, die einen Eckstoß ausführen kann“. Das Erstaunliche daran ist, dass der Fußball in Nelsons eigenem literarischem Werk, von den Sportkolumnen einmal abgesehen, wenn überhaupt, nur am Rande behandelt wird.

In der fiktionalen brasilianischen Literatur existieren nur wenige relevante Bücher zu diesem Thema. Der Schriftsteller José Lins do Rêgo veröffentlichte 1941 den Roman Água-mãe, eine Geschichte über den Aufstieg und Fall eines Fußballstars. In den 1970er Jahren schrieb Renato Pompeu A saída do primeiro tempo, eine Mischung aus Roman und Essay rund um den Fußballverein Ponte Preta aus Campinas. Sonst taucht der Fußball aber nur hier und da in Erzählungen auf – einige davon unvergesslich – bei Autoren wie Alcântara Machado, Rubem Fonseca, Sérgio Sant’anna, João Ubaldo Ribeiro und Marcos Rey. In den meisten Fällen aber brilliert er durch Abwesenheit, als würden unsere Schriftsteller ihn als eine unwürdige Thematik ansehen.

Auf der Leinwand kaum vertreten

Auch im brasilianischen Film ist der Fußball vergleichsweise unterrepräsentiert. In seinem Buch „Ballhunger – Film und Fußball in Brasilien“ (Fome de bola – Cinema e futebol no Brasil) beleuchtet der Kritiker Luiz Zanin Oricchio eine Reihe von Filmen rund um den Ballsport im Land, angefangen von den historischen Aufzeichnungen der Spiele im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis hin zum Spielfilm Linha de passe von Walter Salles aus dem Jahr 2006.

Was gibt es aber unter den Arbeiten eines ganzen Jahrhunderts an wirklich Prägendem? Es sind eine Handvoll Dokumentarfilme: Garrincha, alegria do povo (Joaquim Pedro de Andrade, 1962), Futebol (Arthur Fontes e João Moreira Salles, 1998), Pelé eterno (Aníbal Massaini, 2004), Ginga (Hank Lavine, Tocha Alves, Marcelo Machado, 2005) – und eine noch geringere Anzahl an Spielfilmen: O craque (José Carlos Burle, 1953), Boleiros (Ugo Giorgetti, 1998) und der schon erwähnte Streifen Linha de passe. Das ist noch zu wenig, vor allem, wenn man beispielsweise an die große Rolle des Boxsports oder des Baseballs im nordamerikanischen Film denkt.

Musik und Fußball: eine Quasisymbiose

Dafür herrscht zwischen der brasilianischen Popmusik, der Música Popular Brasileira, und dem Fußball reger Austausch. Angefangen beim Musiker Noel Rosa bis hin zur Band Skank aus dem Bundesstaat Minas Gerais, über Jorge Ben, Chico Buarque, João Bosco und Gilberto Gil ist das Spiel mit dem Ball Leitmotiv und Inspirationsquelle eines reichen Liedguts. Es besteht fast eine Symbiose zwischen dem Rhythmus der Musik und dem Rhythmus des Fußballs. Im Ausland ist gar das Klischee, wonach ein Brasilianer so gut Fußball spielt wie er Samba tanzt, weit verbreitet. „Gut im Samba, gut am Leder“ lautet auch eine Textzeile des Marsches „Der Weltpokal gehört uns“ (A taça do mundo é nossa) von Wagner Maugeri, Lauro Müller, Maugeri Sobrinho und Victor Dagô.

Das Bild des Wiegeschritts, des raffinierten Hüftschwungs, also eine Umschreibung des Hindurchlavierens, welches dem Brasilianer besonders eigen sein soll, findet sich im Samba, in der Capoeira und im Fußball. Es ist eine der zentralen Fragestellungen in der Diskussion um die brasilianische kulturelle Identität, die sich seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat.

Der Soziologe Gilberto Freyre entwickelte, im Einklang mit den Forschungen über „die Schwarzen im brasilianischen Fußball“ des Journalisten Mário Filho (der Bruder von Nelson Rodrigues), die These, dass die Vermischung der Ethnien und Kulturen in Brasilien zu einer eigenen Art der Übernahme und Verarbeitung der aus Europa und Afrika stammenden Kulturen führte. Im spezifischen Fall des Fußballs hätten die Brasilianer das Spiel geschmeidiger gemacht und die ziemlich raue und martialische Spielweise der Europäer gegen einen sanfteren und verführerischeren Stil, der näher am Tanz als am Krieg war, eingetauscht.

Der brasilianische Fußball wurde so zu einem zentralen Element in Freyres Plädoyer für die ethnische Durchmischung als auszeichnendes – und positives – Merkmal unserer Identitätsbildung und unseres kulturellen Beitrags für die Welt. Dieser wertvolle Gedanke, der heute zwar umstritten ist und vielleicht gar als irreführend angesehen wird, kennzeichnete eine ganze Strömung innerhalb der brasilianischen Sozialforschung, angefangen von Gilberto Freyre über Darcy Ribeiro bis hin zu Antonio Risério.

Ein Katalysator von Potenzialen und Widersprüchen

Eine einzigartige und fesselnde kritische Durchsicht der Rolle des Fußballs in der Ideengeschichte und im intellektuellen Schaffen Brasiliens findet sich in José Miguel Wisniks Buch Gift Medizin – Der Fußball und Brasilien (Veneno remédio – O futebol e o Brasil, 2008). Obwohl er die Gefahren der Mythenbildung und der ufanistischen Ideologisierung kennt, betrachtet Wisnik den brasilianischen Fußball als Katalysator von Potenzialen und Widersprüchen des Landes und, in seinen besten Momenten, auch als einen einzigartigen Beitrag zur Weltkultur.

Wir haben bereits über die relativ kleine Rolle des Fußballs in der brasilianischen Literatur gesprochen, aber paradoxerweise war es ein Dichter – João Cabral de Melo Neto –, dem es gelang, in seinen Versen O futebol brasileiro evocado da Europa auf bewundernswerte und nachhaltige Art und Weise seinen tieferen Sinn für uns zusammenzufassen:

“Der Ball ist nicht der Gegner /
wie etwa der Stier in der Arena;

 /
und sei er auch nur ein Sportgerät, /
so ist er kein lebloser Gegenstand, /
immer zahm und leicht zu spielen: /


er ist ein Sportgerät mit Leben, /
zeigt eigene Reaktionen wie ein Tier /
und wie es nötig ist beim Tier /
(mehr noch bei einer Frau als beim Tier) /
es mit Köpfchen und Achtung zu behandeln /
dabei das Geschick der Hände in die Füße umzuwandeln“.



Es ist unmöglich, diesen Zeilen noch irgendetwas hinzuzufügen.

José Geraldo Couto
ist Journalist, Übersetzer und Kritiker. Er ist u. a. Autor des Buches „Der brasilianische Fußball heute“ (erschienen bei Publifolha, 2009).

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.