Gesellschaft

Bené, eine Geschichte aus Opas Zeiten

© Eymard de Toledo


Im Sommer waren die Bolzplätze immer überschwemmt. Allmählich wurden sie trockener, aber die Pfützen, besonders die vor dem Tor, verschwanden nie.

„Diese Kinder, immer haben sie schlammige Füße!“ beschwerten sich die Mamas.



Ob Stürmer, Verteidiger oder Torwart – Benedito da Silva, auch bekannt als Bené, spielte in jeder Position und war ohne Zweifel der beste Spieler des Dorfes.



Fußbälle waren das Wichtigste in Benés Leben. Sie begleiteten ihn den ganzen Tag. Er spielte damit, er träumte davon und seine Familie lebte von der Herstellung von Bällen. Er trennte sich nie von seinem Ball.



Und, wie fast alle brasilianischen Jungen, wollte Bené eines Tages berühmt werden. Wie sein Idol Pelé. An schwülen Nachmittagen, nach dem Mittagessen, wenn er mit seinen Hausaufgaben fertig war, nahm er seinen Ball und ging zum Hof: „... deckt den Gegner, dribbelt, greift von rechts an und Toooor!“ Die Nachbarn hörten häufig wie Bené sich selbst kommentierte.



Wenn der frechste unter den Affen, die in den Bäumen des Hofes lebten, Bené mit seinem Ball spielen sah, sprang er sofort vom nächstgelegenen Ast und preschte einfach in das Spiel hinein. Er war der Einzige aus seiner Bande, der keine Angst vor Menschen hatte. Niemand außer Bené konnte ihn von den anderen Affen unterscheiden.
„Sie sehen sich alle so ähnlich“, sagte Benés Papa.
„Nein Papa, er hat eine besondere Art zu gehen, die die anderen nicht haben“, sagte Bené.
„Das stimmt, er läuft genauso wie Garrincha“, sagte der Papa

Bené nannte ihn Gibi und mit der Zeit fing Gibi an, Bené überall hinterher zu laufen. Gibi war am liebsten Torwart.



Dort in dem Dorf im Landesinneren Brasiliens, in dem Bené wohnte, hat man damals immer barfuß gekickt – wenn überhaupt zog man Flip-Flops an.
Diese Kunst, mit Flip-Flops Fußball zu spielen, beherrschen nur die brasilianischen Kinder. Im Hof seines Hauses spielte Bené immer barfuß, aber auf dem Bolzplatz oder auf der Straße mit den Nachbarjungen zog er sich lieber seine Flip-Flops an. Es war sicherer, weil die Leute häufig alte Sachen, wie Bretter mit Nägeln, Dosen und sogar Flaschen wegwarfen. Manchmal wenn Bené kickte, vor allem wenn es regnete, rutschte ihm sein Flip-Flop von den Füßen und Gibi wusste nicht, was er fangen sollte: den Ball oder Benés Sandale.




Damals wurden die Fußbälle immer aus echtem Leder angefertigt und von Hand genäht. Benés Familie stellte Bälle her. Der Papa bereitete das Leder vor und gerbte es, die Mama färbte es und hängte die Lederstücke zum Trocknen auf, und auch Bené hatte in dieser kleinen Fabrik eine sehr wichtige Aufgabe: Er war für das Nähen der Bälle zuständig. Das konnte niemand besser als er.



Sein Haus war wie eine kleine Fabrik. Nicht nur eine Ballfabrik, sondern auch eine Traumfabrik: der Traum vieler brasilianischer Kinder, die zu dieser Zeit Fußball mit selbstgemachten und aus Socken bestehenden Bällen spielten. Einen echten Lederball konnten sich damals nur sehr wenige Kinder leisten. In der Gegend besaßen nur die echten Spieler, die mit Trikots und in Vereinen spielten, einen Lederball.



Benés Familie arbeitete hart für die Fußballvereine in der Gegend. Die Anfragen nach Bällen füllten manchmal lange Listen. Deshalb hatte Bené kaum Zeit, um mit Gibi Fußball oder mit Freunden Murmeln zu spielen und um Hausaufgaben zu machen. Andererseits konnte Bené sich nicht beklagen, denn in der gesamten Nachbarschaft war seine Familie die Einzige, die einen Fernseher besaß. Den konnten sie sich nur durch den Verkauf der Bälle leisten.

„Nun kann ich Pelé bei der nächsten Weltmeisterschaft beim Spielen zuschauen“, sagte Bené zum Verkäufer, als sie den neuen Fernseher im Laden abholten. Bisher konnte Bené die Spiele nur im Radio hören. Von da an verbrachten Bené und sein Papa den Samstagabend immer vor dem Fernseher, um die Sportnachrichten anzuschauen. Und wenn es am Wochenende ein wichtiges Spiel gab, kam die ganze Nachbarschaft zu Bené nach Hause. Es konnte passieren, dass sich bei wichtigen Spielen mehr als 40 Leute im Wohnzimmer zum Fernsehen versammelten. An sehr heißen Tagen war es fast unerträglich.



Aber Benés größter Traum war es, eines Tages ein Paar richtige Fußballschuhe zu besitzen. „Aber Stollenschuhe für Kinder gibt es nirgends zu kaufen“, sagte sein Vater. „Nicht mal in São Paulo findet man so was“. „Doch, die gibt es“, beharrte Bené. Und zu jedem Geburtstag, wenn ihn seine Mutter, Oma oder Tante fragten, was er sich wünsche, sagte Bené Jahr für Jahr: „Ein Paar Fußballschuhe.“



Eines Morgens, als der Postbote, der einmal in der Woche vorbeikam, dem Vater die Auftragslisten für die Bälle überreichte, war die Überraschung groß. Bené öffnete einen Brief mit einer besonderen Bestellung:

Sehr geehrter Herr Sebastião,

wir haben hier in São Paulo gehört, dass Ihre Bälle die besten in ganz Brasilien sind. Darum möchten wir im Auftrag von Pelé einen besonderes guten Ball für unsere Mannschaft Santos bei Ihnen bestellen. In der ersten Woche des kommenden Monats wird jemand vorbeikommen, um die Bestellung abzuholen. Bitte teilen Sie uns den Preis mit, damit wir Sie bald bezahlen können.

Vielen Dank und freundliche Grüße,

João, Trainer

Da hatte Benés Vater eine Idee und antwortete auf den Brief wie folgt:

Sehr geehrter Herr João,

mit großer Freude haben wir Ihre Bestellung erhalten. Wir werden versuchen, Ihren Wunsch so schnell wie möglich zu erfüllen, damit unser König Pelé den besten Ball bekommt, den seine Füße je berührt haben. Anstelle einer Zahlung schicken Sie bitte für meinen Sohn Bené ein paar Fußballschuhe, Größe 34.

Für immer dankbar,
Sebastião

Benés Bestellung lies lange auf sich warten. Monate vergingen, und er hielt es kaum noch aus. Endlich, nach drei Monaten Wartezeit, kam ein Paket mit Benés heiß ersehnten Schuhen, zusammen mit einem Brief Pelés:

Lieber Bené,

wir wollen Dich um Verzeihung bitten, dass es so lange gedauert hat, bis wir Deine Fußballschuhe liefern konnten. Wir mussten die Anfrage nach Rio de Janeiro schicken, da es bis heute hier in São Paulo keinen Hersteller gibt, der Fußballschuhe für Kinder anfertigt.

Ich möchte mich bei Dir und Deiner Familie ganz herzlich für den tollen Ball, den Ihr mir geschickt habt, bedanken.

Es ist, genauso wie Dein Vater sagte: Das ist zweifellos der beste Ball, den meine Füße jemals berührt haben.

Viele liebe Grüße,
Dein Pelé

Dieser Brief von Pelé an Bené wurde in der ganzen Umgebung bekannt und später sogar im Museum seines Heimatdorfes ausgestellt.

Benés Fußballschuhe wurden ebenso die Berühmtesten in der ganzen Gegend. Nicht nur, weil sie vom König Pelé persönlich geschickt worden waren, sondern auch, weil sie die ersten Kinderstollen waren, die je in Brasilien hergestellt wurden.

Und die Ballfabrik der Familie wurde in ganz Brasilien und sogar im Ausland bekannt. Das ganze Dorf stieg in die Ballproduktion ein. Die Fabrik wuchs und wurde “Bolas do Rei” (Königsbälle) genannt. Alle brasilianischen Vereine begannen nach und nach, ihre Bestellungen zu schicken.

Jeden Morgen, wenn Bené aufwachte, schaute er über sein Bett und da hingen sie an der Wand und lächelten ihn an: die berühmten Fußballschuhe, welche ihm und seiner Familie so viel Glück gebracht haben.

Eymard de Toledo
ist Grafikdesignerin und Illustratorin. Sie studierte Kunst an der Fakultät der Bildenden Künste der Universität von Minas Gerais und Grafik Design an der Universität der Künste in Berlin.

    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.