Gesellschaft

Weltmeister im Stadionbau

Deutsche Architekten und Ingenieure planen „grüne“ Stadien für die Fußball-WM in Brasilien.

Arena da Amazonia, Manaus, Brasilien. Foto: gmp, Rendering

Welt-, Europa- und Amerikameisterschaften im Fußball sind, ähnlich den Olympischen Spielen, für die ausrichtenden Länder ein großer Kraftakt. Genügt es doch nicht, in ohnehin vorhandenen Stadien ein paar Spiele zu organisieren. Es geht vielmehr darum, ein drei Wochen dauerndes internationales Fest und ein Medienereignis erster Kategorie mit vielen Tausend internationalen Gästen auszurichten. Und dazu braucht es Hotels, öffentlichen Nahverkehr, Autobahnen, Flughäfen – alles auf Premium-Niveau, wie es die mächtigen Fußballverbände FIFA und UEFA vorgeben. Der Aufwand ist so groß geworden, dass sich inzwischen Nachbarstaaten zusammentun, um ein solches Ereignis auszurichten: 2002 zur Fußball-Weltmeisterschaft Japan und Südkorea, 2008 zur Fußball-Europameisterschaft die Schweiz und Österreich, 2012 ebenfalls zur Europameisterschaft Polen und die Ukraine.

Deutsche Architektenteams international gefragt

Nationalstadion Warschau, Polen. Foto: Markus Bredt

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre genügte keines der vorhandenen Stadien auch nur annähernd den Anforderungen der Fußballverbände, und so kommt es, dass alle zwei Jahre ein Dutzend neuer oder umgebauter Großstadien in den ausrichtenden Ländern eröffnet werden. Entworfen wurden die Arenen größtenteils von Architekten aus den angelsächsischen Ländern. Seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland allerdings sind deutsche Architektenteams weltweit gefragt, Rhode Kellermann Wawrowsky (RKW) und Hentrich-Petschnigg & Partner (HPP) – beide aus Düsseldorf –, allen voran aber von Gerkan, Marg und Partner (gmp) mit dem Stammsitz in Hamburg, die inzwischen als Marktführer gelten. Weit über 60 Stadien haben sie entworfen, zwei Dutzend sind realisiert oder gerade im Bau, ob in Europa, Afrika, Nahost, China oder Südamerika.

Standards in der Tragwerktechnik

Nationalstadion Warschau, Polen. Foto: Markus BredtDrei Weltmeisterschaftsstadien in Südafrika sind 2010 nach ihren Plänen errichtet worden, für die EM 2012 bauten sie das Nationalstadion in Warschau und das Olympiastadion in Kiew. Und immer sind es die funktionalsten, die elegantesten, die schönsten Arenen. Fragt man nach den Gründen, so geraten die Tragwerke ins Blickfeld. Das Bild, das diese Großbauten abgeben, ist primär geprägt von konstruktiven Merkmalen. Große Dächer, große Spannweiten werden von mächtigen Ingenieurkonstruktionen getragen. Und die entstehen bei gmp meist in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner (sbp) aus Stuttgart. Als Tandemteam haben sie Standards gesetzt.

Herausragende Materialeffizienz

Nelson Mandela Bay Arena, Port Elisabeth, Südafrika. Foto: Markus Bredt

Ihre Seilnetztragwerke, mit denen sie die größeren Stadien überspannen, überzeugen durch ihre Fragilität und Leichtigkeit. Sie funktionieren wie ein Speichenrad, mit einem Druckring am Außenrand des Stadions und einem Zugring um das Auge über dem Spielfeld. Dazwischen sind wie Speichen die Radialseile gespannt und tragen die Dachhaut, meist eine transluzente Membran. Diese Konstruktionen, zum Beispiel beim Cape Town Stadium in Kapstadt und beim Nationalstadion in Bukarest, sind an Materialeffizienz kaum zu übertreffen. Zum Vergleich: Beim Tragwerk des Olympiastadions in Peking („Bird’s Nest“) beträgt das Verhältnis des Eigengewichts zur Nutzlast 85:15, in Kapstadt 42:58; das bedeutet eine Ersparnis an Baustahl von mehreren Zehntausend Tonnen. Die Seilnetztechnik erlaubt auch, die Stadien komplett abzudecken. In Warschau oder in Bukarest schwebt in der Mitte über dem Spielfeld eine „Garage“ für das Faltdach, das innerhalb weniger Minuten ausgefahren werden kann und vollständigen Wetterschutz bietet.

Vielgestaltige Konstruktionen

Olympiastadion Kiew, Ukraine. Foto: Markus Bredt

Immergleich bei gmp-Stadien sind die idealen Sichtverhältnisse, das kontinuierliche, elegante Stadionrund ohne Knicklinien, die effektiven, bequemen Erschließungswege und die perfekte architektonische Gestaltung und Durcharbeitung bis zum letzten Detail. Bei aller prinzipiellen und systematischen Gleichheit sind die Stadien in ihrer Erscheinung erstaunlich vielgestaltig und charakteristisch: wie ein traditioneller Weidenkorb in den Nationalfarben jenes in Warschau, ein Sternenhimmel in Kiew, ein modernes Kolosseum in Bukarest, ein Bambuswald und Kristall im chinesischen Shenzhen.

Neue Entwürfe für Brasilien

Estádio Nacional Brasília, Brasilien. Foto: gmp, Rendering

Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien entstehen ebenfalls drei Stadien nach Plänen von gmp und sbp. Während in der Hauptstadt Brasilia das Innere mit den Tribünen vom brasilianischen Architekten Castro Mello errichtet wird, entwarfen gmp und sbp unabhängig davon die umlaufende „Esplanade“ mit einem auf 288 Rundstützen stehenden ringförmigen Dach („Saturnring“) und das Seilnetz-Hängedach. Auch Manaus, eine Stadt am Rio Negro, mitten im tropischen Regenwald, bekommt einen neuen Stadionbau, dessen korbförmige Gestalt vom Blattwerk tropischer Pflanzen inspiriert ist. Er ist kleiner und deshalb anders konstruiert, nach dem Kragarmprinzip. Die Träger steifen sich gegenseitig aus und dienen gleichzeitig als breite Rinnen, die die Wassermassen der tropischen Regengüsse abführen sollen.

Nachhaltige Fußballweltmeisterschaft

Estádio Mineirão, Belo Horizonte, Brasilien, Foto: gmp, Rendering

Brasilien hat sich vorgenommen, eine umweltschonende Weltmeisterschaft zu veranstalten. Nach den Forderungen des lokalen Organisationskomitees müssen die Stadien deshalb nach den Kriterien des US Green Building Councils mit dem LEED-Zertifikat (Leadership in Energy and Environmental Design) versehen werden. Nach einem Punktesystem werden Standortwahl, Verkehrserschließung, Primärenergiegehalt der Baumaterialien, Energie- und Wassermanagement, Fotovoltaikdächer, Abfallentsorgung sowie das Monitoring des Betriebs und eine Vielzahl weiterer Kriterien bewertet. Den Architekten von gmp, die ohnehin nach den in Deutschland üblichen Umweltstandards zu arbeiten gewohnt sind, hilft das LEED-Verfahren, diese Qualitäten auch im Baubetrieb vor Ort durchzusetzen. Zwar sind die LEED-Standards für den Bürobau entwickelt worden und nicht passgenau auf Stadien anwendbar. Dennoch verdient Brasiliens Anspruch, die erste umweltgerechte und nachhaltige Fußballweltmeisterschaft auszurichten, große Anerkennung.
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2012

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Links zum Thema

Beilage der taz zur WM in Brasilien

Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

Dribles Literários

Broschüre (PDF, 3,1 MB)
Flyer (PDF, 1,5 MB)

Grüsse an die Fans in Brasilien

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.