Gesellschaft

Fußball und Rassismus: der Mythos der ethnischen Gleichberechtigung auf dem Spielfeld

Copyright: WikicommonsDie fast 100-jährige Geschichte des brasilianischen Fußballs ist gekennzeichnet von rassistisch geprägten Episoden. Das Paradoxe daran: Einerseits wurde der Sport in den Augen der „feinen Gesellschaft“ als Beschäftigung der Armen, Schwarzen und Randgruppen verachtet, andererseits sah er sich mit der Macht ausgestattet, die Nation im globalen Maßstab zu repräsentieren und ihr Ansehen zu verschaffen.

Die historische Entwicklung des Fußballs in São Paulo war ein facettenreicher Prozess, der diverse Spielräume durchschritt, unzählige soziale Akteure mit einbezog und mit einer Dynamik voranschritt, die nicht frei war von Widersprüchen. Von den Mannschaften der religiösen Schulen über die Werksteams bis hin zu den Eliteclubs, begann der Ball schon früh zu rollen – etwa auf dem ersten Fußballplatz, der Várzea do Carmo, und dem ersten Stadion, dem Velodrom von São Paulo.

Überall kurbelte der rollende Ball die Gründung von Mannschaften an, erregte die Aufmerksamkeit der Zuschauer und fand seinen Weg durch alle sozialen Klassen und ethnischen Gruppen. Man könnte meinen, er folgte dem rasanten Ausbau des Eisenbahnnetzes wie beim Team Ponte Preta, benannt nach einer schwarzen Eisenbahnbrücke in der Stadt Campinas, bei dem im Jahre 1900 der junge Eisenbahner und afrobrasilianische Spieler Miguel do Carmo auf dem Platz stand, wie der Historiker José Moraes Neto erzählt.

Schwarze und Weiße finden enger zusammen

Der Fußballexpress ratterte weiter und eröffnete vielversprechende Perspektiven auf dem Gebiet der sozialen Beziehungen. Doch obwohl er Arme und Reiche, Schwarze und Weiße beförderte, wurden den verschiedenen Gruppen getrennte Waggons zugewiesen. So verknüpfte man die Kriterien der sozialen Abgrenzung mit denen der Rassendiskriminierung, um der privilegierten weißen Jugend das exklusive Recht auf die 1. Klasse vorzubehalten. Während diese alles dafür tat, die Trennung der Abteile aufrechtzuerhalten, versuchten die schwarzen Jungs aus den Vorstädten eine Freigabe ihres Tickets zu erreichen, um etwas zur gemeinsamen Reiseerfahrung beizutragen.

In diesem Sinne müssen die Spieler besonders hervorgehoben werden, die es schafften, zwischen den Abteilen hin- und herzuwechseln. Dies waren kulturelle Mediatoren, die sich sowohl in den offiziellen Kreisen der Eliteclubs bewegten, als auch innerhalb der volkstümlichen Amateurmannschaften auf den Bolzplätzen. Dem Historiker René Duarte Júnior zufolge war Arthur Friedenreich ein solcher Spieler: Bevor er sich beim aristokratischen Club Athletico Paulistano hervortat, hatte er beim bescheidenen Verein aus dem Stadtteil Bexiga gespielt.

Friedenreich: ein Spieler beider Welten

Der Torschütze des 1:0 Siegtreffers gegen Uruguay im dramatischen Finale der Südamerikameisterschaft von 1919 pflegte auch zu den Jubiläumsspielen anlässlich der Abschaffung der Sklaverei aufzulaufen, die jeden 13. Mai zwischen „Schwarzen und Weißen“ ausgetragen wurden. Der Sohn eines deutschen Einwanderers und einer Nachkommin afrikanischer Sklaven kickte als Stürmer entweder in den Reihen der einen oder der anderen und offenbarte so nicht nur die Komplexität der ethnischen Beziehungen und den Handlungsspielraum der Akteure, sondern auch das stets offene und unbestimmte Zusammenspiel kollektiver Identitäten.

Die festlichen Begegnungen auf dem Platz endeten jedoch mit der Ächtung durch die Diktatur des Estado Novo, der jegliche Manifestationsform, die die ethnischen Gegensätze der Gesellschaft hätten begreiflich machen können, unterband. Außerdem sollte sich der Fußball zu Beginn der 1930er Jahre Erschütterungen ausgesetzt sehen, die durch die Auseinandersetzungen der Anhänger des Amateursports mit den Verteidigern des Profisports hervorgerufen wurden.

Leônidas da Silva: die gespaltene Identität des Athleten

Inmitten dieser widrigen Umstände sprang Leônidas da Silva an der Haltestelle Bonsucesso in Rio de Janeiro auf den Zug der Geschichte auf. Die Symbolfigur, die seine herausragenden Fähigkeiten eher als Straßenfußballer denn als feiner Sportsmann erworben hatte, verkörperte einen Wandel, der zum Ziel hatte, die letzten Spuren des edlen, versnobten und ausgrenzenden Fußballs zu tilgen, welche die privilegierte Jugend mit der englischen Sportart zu verbinden suchte. Stattdessen sollte die Art Fußball zu spielen allmählich ersetzt werden durch eine volkstümlichere und nationalbewusstere Form, was, wie uns die Bemerkung des „Schwarzen Diamanten“ genannten Spielers folgern lässt, auch zu einer gespaltenen Identität des Athleten führte, denn „damals wurde ein [schwarzer] Fußballspieler wie ein Aussätziger behandelt“.

Hier liegt auch das Paradox, denn einerseits wurde der Sport in den Augen der „feinen Gesellschaft“ als Beschäftigung der Armen, Schwarzen und Randgruppen verachtet, andererseits sah er sich mit der Macht ausgestattet, die Nation im globalen Maßstab zu repräsentieren und ihr Ansehen zu verschaffen.

Symbolische Risiken

In diesem Sinne sollte sich auch die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien als einzigartige Gelegenheit erweisen. Ganz vorschriftsmäßig hatte sich, schon lange vor dem Beginn des Wettbewerbs, ein optimistisches Klima eingestellt. Doch trotz allem kam am Tag der Entscheidung gegen Uruguay der völlig unerwartete Rückschlag. Erst jetzt wurden sich die Fans der symbolischen Risiken gewahr, die darin bestanden, eine Nation innerhalb der vier Linien des Platzes neu zu entwerfen.

Die Sportkolumnen hatten den Torwart Barbosa und den Verteidiger Bigode als Sündenböcke auserkoren und drückten damit das Verlangen aus, die durch die Niederlage erlittene Schmach auf dem Rücken afrobrasilianischer Spieler auszutragen. Eine moralische Bestrafung mit der Sklavenhalterpeitsche, das war der Urteilsspruch eines weißen Tribunals.

Die Revolte der Unterdrückten

In den 1970er Jahren wurde Paulo Cézar Lima als „Problemspieler“ abgestempelt, weil er nicht die normativen Erwartungen erfüllte, die normalerweise an das Stereotyp eines „guten Schwarzen“ geknüpft waren. Er beharrte auf das Recht, wieder das grün-gelbe Trikot der Nationalmannschaft tragen zu dürfen, obwohl er für das schlechte Abschneiden Brasiliens bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland verantwortlich gemacht wurde. Das Gerücht, wonach seine Verbannung aus der Seleção auch durch einen Regierungsbeamten unterstützt wurde, überraschte ihn nicht: „Wenn dies wirklich so sein sollte, dann habe ich einmal mehr die Gewissheit, dass ich als Schwarzer vielen Menschen ein Dorn im Auge bin“. Und dem fügte er noch hinzu: „Ich werde kein eingeschüchterter Schwarzer sein, der sich still wegduckt aus Angst vor den Leuten“.

Mit diesen Worten deutete Paulo Cézar auf den Seiten der Zeitung O Estado de S. Paulo die Revolte der Unterdrückten im brasilianischen Fußball an. Während die Spieler Barbosa und Bigode damals keine andere Wahl hatten, als die moralische Lynchjustiz, die nach der Niederlage von 1950 über sie hereinbrach, mit Würde zu ertragen, setzte sich Paulo Cézar gegen diejenigen zur Wehr, die ihn für den Misserfolg von 1974 brandmarken wollten und dabei mit den selben Anschuldigungen aufwarteten, die in der Vergangenheit schon an Leônidas gerichtet worden waren – „Feigling“ und „Söldner“. Im Gegensatz zu Friedenreich stand Paulo Cézar eindeutig hinter den Farben und der Sache, die von den afrobrasilianischen Spielern in allen Bereichen des sozialen Lebens verteidigt wurden.

„Ich spüre am eigenen Leib diesen unterschwelligen Rassismus“, verriet er einmal der französischen Presse. Und weiter: „Das heißt, niemand wagt auch nur, das Wort ‚Rassismus‘ in den Mund zu nehmen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass er existiert, auch in der brasilianischen Nationalmannschaft“. Paulo Cézars Mut bestand darin, das „verbotene Wort“ in einem symbolischen Kontext auszusprechen, der vom offiziellen Diskurs dazu benutzt wurde den Mythos der ethnischen Gleichberechtigung (democracia racial) zu beschwören.

José Paulo Florenzano
ist Professor für Anthropologie an der Universität PUC–SP und Autor des Buches “A Democracia Corinthiana” (2009).

Übersetzung: Matthias Nitsch

Dezember 2012

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