Gesellschaft

Erneuerbare Energien ziehen in brasilianische Fußballstadien ein

Pituaçu, Salvador. Copyright: Coelba/Shirley Stolze
Pituaçu, Salvador. Copyright: Coelba/Shirley Stolze
Ein Projekt zur nachhaltigen Entwicklung trägt zu einer umweltverträglicheren Fußballweltmeisterschaft 2014 bei. Die eingesetzte Technik umfasst Photovoltaikanlagen, die in der Lage sind, gewöhnliche Stadien in wahre Solarkraftwerke zu verwandeln.

Der Einbau von Solaranlagen und die Regenwassernutzung in den Stadien sind Themen, die die Vorbereitungen der Weltmeisterschaft 2014 bestimmen und eine breite Diskussion über Nachhaltigkeit hervorgerufen haben. In Deutschland gibt es mit dem Bremer Weserstadion bereits ein funktionierendes „Solarstadion“. In Brasilien forscht der Ingenieur Mauro Passos, lateinamerikanisches Mitglied des Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE) und Präsident des Instituts für die Entwicklung alternativer Energien in Lateinamerika (IDEAL), zusammen mit Prof. Ricardo Rüther von der Bundesuniversität von Santa Catarina (UFSC), an Möglichkeiten, in allen Weltmeisterschaftsstadien Brasiliens Solaranlagen einzubauen.

„Für uns gehören die Sonne, der Fußball und Brasilien einfach zusammen. Und es hat sich gezeigt, dass neben dem Solar-Ausbau der Stadien diese Maßnahmen auch Energieüberschüsse produzieren, die sogar vermarktet werden können“, so Passos. Auf diese Weise könnte der Einbau von Solaranlagen die Stadien in wahre Kraftwerke verwandeln, die selbst Gewinne erzielten. Die Funktionsweise einer solchen Anlage wurde bereits vom Energieversorger Neoenergia im Stadion Governador Roberto Santos, genannt Pituaçu, in der Stadt Salvador, unter Beweis gestellt, sagt Passos. Und obwohl in diesem Stadion keine WM-Spiele ausgetragen werden, ist es in ganz Lateinamerika das Einzige, das mit Sonnenenergie betrieben wird.

Wasserverbrauch und -transport

Luiz Carlos Pôrto. Foto: PrivatarchivNach Meinung verschiedener Experten sind Photovoltaik und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit in Brasilien technisch „machbar und rentabel“. Und trotz einiger Schwierigkeiten wäre es möglich, viele Stadien bis 2014 auf Solarbetrieb umzustellen. Dessen ungeachtet betont der Umwelt- und Gesundheitsingenieur Luiz Carlos Pôrto die Notwendigkeit, nicht nur die Stadien, sondern alle mit der Fußballweltmeisterschaft in Verbindung stehenden Vorhaben, in Betracht zu ziehen.

„Es ist sinnlos, in saubere Energien zu investieren, ohne dabei die Energieeffizienz zu berücksichtigen, also die Verschwendung zu reduzieren. Und es gibt keinen Grund ein Solarstadion zu haben, bei dem der Fanzugang hauptsächlich über den Individualverkehr geregelt ist. Außerdem ist es absolut vorstellbar, das Abwasser der Stadien für die Bewässerung des Rasens wiederaufzubereiten und es sogar zur Reinigung der Tribünen einzusetzen. Beim Wasserverbrauch gilt das Gebot eines ganzheitlichen Ansatzes. Die gegenwärtigen Systeme sind äußerst ineffizient: Es bringt nichts, das Regenwasser aufzufangen, um es dann wie bisher zu verschwenden“, kritisiert Pôrto.

Internationale Kooperation

Johannes Kissel, der Koordinator für erneuerbare Energien der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), glaubt, dass der Einbau von Solaranlagen in die Stadien der WM-Austragungsorte zu einem globalen Marketingerfolg werden könnte.

Für das ungenutzte Potenzial konnten sich bereits brasilianische Energieunternehmen begeistern, wie der Stromversorger CEMIG aus dem Bundesstaat Minas Gerais oder Light aus Rio de Janeiro. Sie setzen schon seit Längerem auf das vielversprechende und gewinnbringende grüne Geschäft, haben sich deshalb zu einer Kooperation entschlossen und verfolgen die Projekte aus nächster Nähe: Neben der Erforschung, Aneignung und Beherrschung der Spitzentechnologie beabsichtigen sie in Zukunft auch die Bewirtschaftung der Anlagen zu übernehmen, eine Aufgabe, die eines hohen Maßes an technischer Verantwortung bedarf.

Unter den mit Solaranlagen auszurüstenden Stadien ist zum Beispiel das Mineirão in Belo Horizonte, gefolgt von den Stadien in Curitiba, São Paulo, Recife und Fortaleza. Sie alle werden schon bald ihre Photovoltaikpaneele bekommen und Energie produzieren. „Außerdem sind die brasilianischen Solarstadien an sich schon eine Sensation und die ganze Welt wird sehen: Was der WM zugutekommt, kommt auch der Umwelt zugute und schließlich uns allen“, fügt Kissel hinzu. Er erinnert auch daran, dass der Ausgangspunkt für diese Projekte von der GIZ organisierte Betriebsbesuche in Deutschland waren.

Verwandte Problembereiche

Foto: Instituto IdealLuiz Pôrto zufolge muss jedes System zur Energieerzeugung, ob es nun auf erneuerbaren Quellen basiert oder nicht, genau geplant, ausgeführt, betrieben und gewartet werden, sodass es nicht zu Stromausfällen kommt. Mauro Passos fügt noch ein Detail bezüglich der Wartung hinzu: „Die Weltmeisterschaft wird ein Mega-Event, bei dem nichts schiefgehen darf. Und was die Solarstadien betrifft, ist allerhöchste Sorgfalt geboten“. Daher findet Passos es wichtig, die Verantwortlichkeit den Energieunternehmen anzuvertrauen und nicht den Stadionbetreibern.

Dirson Antônio Garcia, Leiter der Firma Ecocasa – Ökologische Lösungen, sieht im Hinblick auf die wirtschaftliche und technische Durchführbarkeit im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft keine Schwierigkeiten, verweist jedoch auf indirekte Einwirkungen auf andere Bereiche. „Die ganze Welt setzt auf eine nachhaltige Energieversorgung, aber auf dem Gebiet des Wohnungsbaus fehlt diese Einstellung noch. Angesichts des hier herrschenden Wohnungsmangels wird klar, dass nur eine große Anzahl an Baugenehmigungen im Sinne der Nachhaltigkeit eine Verringerung des Wasser- und Energieverbrauchs sowie der Abfallentstehung einbrächten und dem öffentlichen Sektor, der Gesellschaft und schließlich auch der Umwelt sehr zugutekämen“, betont er.

Das große Dilemma

Das Nachhaltigkeitsdilemma beginnt mit einer einfachen Frage: investieren, um zu sparen, oder verschwenden, weil nicht investiert wird? „Brasilien hat die größten Umweltressourcen der Welt. Demgegenüber ist Deutschland zum Beispiel weltweit führend bei der Solarenergieerzeugung und das bei viel ungünstigeren Sonneneinstrahlungsverhältnissen. Was uns fehlt, ist eine klare politische Strategie, und sie genießt bei der Regierung keine Priorität. Beim Planen wird hier überhaupt nicht an die Nachhaltigkeit gedacht, in allen Bereichen haben wir Defizite“, hält Luiz Pôrto fest.

Diese Mängel betreffen selbst fortschrittlichere Projekte wie diejenigen, die von Mauro Passos vorangetrieben werden. „Bei einem Pionierprojekt ist immer Überzeugungsarbeit vonnöten. Die Installation von Solaranlagen war bei diesen Bauwerken ursprünglich nicht angedacht. Bei unserer Arbeit ist es auch stets erforderlich, die Energieunternehmen mit ins Projekt der Sonnenkraftwerke einzubinden, daher müssen stets neue Schwierigkeiten überwunden werden“, erläutert der Fachmann.

Das Licht am Ende des Tunnels: näher als wir denken?

Mauro Passos. Foto: PrivatarchivMan kann nur hoffen, dass die Nachhaltigkeit ihren Siegeszug fortsetzt. „Uns muss bewusst werden, dass wir das Land mit den größten Umweltressourcen der Welt sind. Im 21. Jahrhundert kommt es auf Investitionen in die Bildung eines Umweltbewusstseins an“, erklärt Pôrto. „Nachhaltigkeit praktizieren bedeutet neue Wege zu beschreiten, um zu leben und zu gedeihen sowie Gleichheit und die Unversehrtheit zukünftiger Generationen und des Planeten sicherzustellen“, fügt Dirson Antônio Garcia an.

Am Ende drückt Mauro Passos die Daumen, damit „die Solarenergie während der Fußballweltmeisterschaft noch an Bedeutung gewinnt und dass der Erfindergeist des Menschen Antworten auf die Herausforderungen eines neuen Entwicklungsmodells geben kann, bei dem die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt steht“. Und, auf dass gerade die nachhaltige Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014 als ein gutes Beispiel diene – sowohl dem Land als auch der Welt.

Raquel Fabricio
ist Journalistin. Sie lebt und arbeitet in Iguaba Grande, im Bundesstaat Rio de Janeiro.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.