Kunst

„Mal ist man Rädchen, mal Fußballgott“ – Martin Gessmann im Gespräch

Der Philosoph Martin Gessmann. Foto: Martin Gessmann

Der Philosoph Martin Gessmann hat 2011 das Buch „Philosophie des Fußballs“ veröffentlicht. Im Interview erzählt er, warum der Fußball ein unzeitgemäßes Phänomen ist und die Gesellschaft vom FC Barcelona einiges lernen kann.

Herr Professor Gessmann, die Philosophie hat den Fußball lange als ein Ersatzphänomen verstanden. Ersatz wofür?

Dafür, ein erfülltes Leben zu führen. Die Philosophen der 1960er- und 1970er-Jahre haben das Spiel für ein Ventil gehalten, durch das die überschüssigen Kräfte, die man eigentlich ins Leben investieren müsste, zu einer freien Verpuffung kommen.

Diese Unkenrufe sind längst verstummt. Warum darf der Fußball heute Fußball sein?

Der Fußball ist bürgerlicher geworden, er ist vom Rande der Gesellschaft in die Mitte gerückt. Aber vor allem ist das Spiel selbst anspruchsvoller und ästhetisch ansehnlicher geworden. Wir gehen heute zum Fußball, als würden wir ins Theater oder ins Kino gehen.

Fußball als Kulturphänomen

Diese Aufwertung des Spiels spiegelt sich in Ihrem Buch wider, wenn Sie entlang der Geschichte des Fußballs die Entwicklung der Philosophie und der Gesellschaft erklären. Bislang lautete die gängige Meinung hingegen, der Fußball bilde die Gesellschaft lediglich ab.

Das stimmt. Man hat bislang immer versucht, das Selbstverständnis einer Gesellschaft nur an Kultur festzumachen. Je anspruchsvoller jedoch der Fußball als Kulturphänomen wird, desto mehr Deutung verträgt er. Und je mehr Deutung er verträgt, desto mehr steckt von der Gesellschaft auch im Fußball. Deshalb halte ich es für legitim zu fragen, wie wir uns im Fußball wiedererkennen. Meine These ist, dass Fußball heute auf der Höhe der Zeit erscheint, er das früher jedoch nicht sein konnte.

Wie ist diese Unzeitgemäßheit des Fußballs, die Sie bereits 1863 bei seiner Abspaltung vom Rugby attestieren, genau zu verstehen?

Die adeligen Gentlemen-Fußballer, deren Vorfahren in der Gesellschaft noch den Ton angegeben hatten, lernten schon in den Colleges, dass sie im besten Falle noch auf dem Bolzplatz tonangebend sein konnten. Der Grundgedanke war, in einem erstaunlichen Alleingang, dem „dribbling game“, ein letztes Mal heroische Statur anzunehmen. Für die Arbeiterschaft galt paradoxerweise dasselbe. Bei ihnen war es die Vorstellung, mit Fleiß und Können auf dem Feld Erfolg haben zu können, während die Gesellschaft, die jenes Feld umgab, in Sachen Aufstieg schon längst Stoppschilder aufgestellt hatte. Die Heroen aus der Entstehungszeit des Fußballs hatten somit eines gemeinsam: Sie waren beide Moderne-Verlierer. Und der Fußball schien in seiner Anlage tief melancholisch.

Ihr philosophischer Pate für die Frühzeit des Fußballs ist der Ökonom John Stuart Mill, der die Freiheit des Menschen betont.

Es geht nicht nur um die Freiheit – es geht darum, dass der Mensch auch noch einmal glänzen darf. Deshalb ist es bis heute falsch, grandiose Alleingänge im Fußball als Egoismus misszuverstehen. Nur in ihnen zeigt sich noch einmal mythische Größe in einer Zeit, die vollkommen nüchtern geworden ist.

Beckenbauer und Existenzialismus

Als nächsten Entwicklungsschritt beschreiben Sie die Erfindung des Liberos in der Gestalt von Franz Beckenbauer. Warum bringen Sie den Libero in Ihrem Buch mit dem Existenzialismus des deutschen Philosophen Martin Heidegger in Verbindung?

Die Existenzialisten antworteten auf die Herausforderung, wie wir uns aus den technischen Zwängen lösen können, in denen wir heillos gefangen sind – wie in Charlie Chaplins Modern Times. Heideggers Idee war, dass mit dem Umlegen eines Hebels womöglich alles noch einmal gut werden könnte. Übertragen auf den Fußball bedeutet das: Wo ein routiniertes, aber sinnloses Hin- und Hergeschiebe des Balls herrscht, muß dem Spiel mit einem entscheidenden Pass eine geniale Wendung gegeben werden. Beckenbauer war für Heidegger ein solcher Passgeber, ein Libero, der den technischen Zwängen des Spiels enthoben schien.

Der Technikfeind Heidegger hat sich sogar die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen angeschaut!

Manche Philosophen haben nie mehr in seine Bücher reingeschaut, als sie davon erfahren haben. Die Geschichte hatte ‚Nein’ zu Heidegger gesagt. Doch als er Beckenbauer im Fernsehen sah, hat er womöglich in sich hineingeraunt: Ich hatte doch recht.

Wasserträger oder Fußballgott

Den Fußball auf der Höhe der Zeit spielt der FC Barcelona. Warum steht er für eine Gesellschaft, in der wir, wie Sie schreiben, gerne leben würden?

Schaut man Barcelona zu, kann man lernen, wie sich auch die größten Stars nicht zu schade sind, zuweilen Wasserträger zu sein. Mal ist man Rädchen, mal Fußballgott. Wenn man das in der Philosophie gegenliest, fällt einem dazu natürlich Aristoteles ein. Seine erste Lektion war: Der Bürger muss verstehen, dass er einmal regiert und einmal regiert wird. Bekommt man eine solche Einsicht auf dem Platz vorzelebriert, kann das in der Wirkung auf Gesellschaft und Unternehmen nicht überschätzt werden.

Und wie ist es, wenn Sie selbst zum Fußball gehen? Wird dann wird der Philosoph zum Fan und schreit: „Das war kein Abseits!“?

Das ist die Lizenz, die man sich herausnehmen muss: Dass man aus sich rausgehen kann und auch einmal laut wird. Auch ohne Fußball gleich für Opium fürs Volk zu halten.

Malte Oberschelp
lebt als freier Journalist und Autor in Berlin. 2010 hat er das Buch „Der Fußball-Lehrer“ über den deutschen Fußballpionier Konrad Koch verfasst. 2013 erscheint von ihm eine Kulturgeschichte der Fußballhymne „You’ll never walk alone“.

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Dezember 2012

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