Kunst

Tore und Texte – aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge

Brasilianische Autorenfußballmannschaft. Reihe oben von links nach rechts: Flávio Carneiro, Rogério Pereira, Vladir Lemos, Júlio Ludemir, Eduardo Spohr, Celso Campos Jr., Luiz Tahan, Rodrigo Simonsen, Ricardo Costa. Reihe unten von links nach rechts: Gustavo  Krause, Antonio Prata, Marcelo Moutinho, Fernando Galuppo, Marcos Alvito, Márcio Vassallo. Foto: Dietmar Kastner.
Brasilianische Autorenfußballmannschaft. Reihe oben von links nach rechts: Flávio Carneiro, Rogério Pereira, Vladir Lemos, Júlio Ludemir, Eduardo Spohr, Celso Campos Jr., Luiz Tahan, Rodrigo Simonsen, Ricardo Costa. Reihe unten von links nach rechts: Gustavo  Krause, Antonio Prata, Marcelo Moutinho, Fernando Galuppo, Marcos Alvito, Márcio Vassallo. Foto: Dietmar Kastner.
Die brasilianische Fußballnationalmannschaft der Schriftsteller fordert bei ihrem Debüt auf dem Rasen mitten auf der Frankfurter Buchmesse die Deutschen heraus.

„Unsere Literatur ignoriert den Fußball – ich wiederhole: Unsere Schriftsteller können nicht einmal einen simplen Einwurf ausführen“, schimpfte der Journalist und Dramaturg Nelson Rodrigues (1912–1980), als er sich über die geringe oder fast gar nicht vorhandene Aufmerksamkeit beklagte, die die brasilianische Literatur dem Sport noch vor vier oder fünf Jahrzehnten schenkte. Seitdem, das ist sicher, hat sich viel getan.

Durch unzählige Veröffentlichungen im Bereich der fiktionalen und nicht-fiktionalen Literatur, durch Autoren, die sich ausführlich dem Thema widmen und selbst durch Verlage, die auf dieses Gebiet spezialisiert sind, hat der Fußball nun ein für alle Mal die Welt der Bücher erobert – heute eine Binsenweisheit, die sogar die hartnäckigsten Verweigerer der Realität begreifen können. Auch wenn die Geschichte den ersten, vom Altmeister der Fußballkolumne vorgetragenen Fehler wieder gut machen konnte, so bleibt der zweite immer noch unaufgeklärt: Beherrschen die Schriftsteller nun endlich die Kunst des Einwurfs und andere grundlegende Fertigkeiten des Fußballspiels?

Der Anstoß

Diese beunruhigende Frage steht nun kurz davor, beantwortet zu werden. Auf Anregung des Goethe-Instituts São Paulo hat sich nämlich eine Gruppe brasilianischer Schreiberlinge zu einer Fußballmannschaft nach Maß zusammengerauft – sie ist übrigens nicht irgendeine Elf, sondern gleich die Autorennationalmannschaft, die zum Jubel von Nelson Rodrigues ohne den kleinsten Minderwertigkeitskomplex antritt. Furchtlos oder einfach nur inkonsequent werden die Literatur-Cracks sogleich bei ihrem offiziellen Debüt einen Klassiker der Fußballwelt austragen. Dafür machen sie sich im Oktober nach Deutschland auf, um die dortige Autorennationalmannschaft herauszufordern, die unter dem Namen Autonama bereits die Europameisterschaft der Schriftsteller gewann. Laut vertraulichen Informationen soll es sich dabei um ein absolut unschlagbares Team handeln – besonders was die Frage der Trinkfestigkeit angeht.

Das Duell wird auf der Frankfurter Buchmesse stattfinden, also beim Weltmeister der Buchmessen. Es handelt sich folglich um eine Bühne auf der Höhe der fußballerischen und literarischen Traditionen beider Länder. Sie wird dem Publikum auch dazu dienen, andere – oder gar die einzigen – Begabungen der brasilianischen Autoren kennenzulernen, die an der Seite ihrer deutschen Kollegen an Diskussionen, runden Tischen und Lesungen teilnehmen werden. Dies alles geschieht im Rahmen des Programms des Messestandes „Stadion der Kultur, das brasilianische Fußballfest auf der Buchmesse 2013“. Wie bei jedem guten sportlichen Wettkampf wird es natürlich auch ein Rückspiel geben: Im nächsten Jahr werden es die Brasilianer sein, die die Deutschen zu einem Fußballspiel und literarischen Aktivitäten empfangen, und zwar am Vorabend der Fußball-Weltmeisterschaft.

FC Pindorama

Copyright: Pindorama FCFolgt man den Geschichtsbüchern, so war es Charles Miller, ein junger Mann britischer Abstammung aus São Paulo, der im Jahre 1894 den Fußball nach Brasilien holte. Dagegen ist die brasilianische Autorennationalmannschaft, in Anlehnung an die indianische Bezeichnung für „Land der Palmen“ als FC Pindorama bekannt, die Erfüllung des Traumes einer Deutschen. Stefanie Kastner, die Leiterin der Informations- und Bibliotheksarbeit des Goethe-Instituts São Paulo, ist ein begeisterter Fußballfan – und noch dazu Fan aller Gegner Bayern Münchens. Sie liebäugelte schon seit einiger Zeit mit dem Plan, ein Team brasilianischer Autoren nach dem Muster der Autonama aufzustellen. Die Gelegenheit dazu bot sich mit dem Beginn des Jahres „Deutschland + Brasilien 2013–2014“: Da man bei diesem Projekt die großen Leidenschaften beider Länder auf eine hervorragende Weise verbunden sah, entschied sich die Theo-Zwanziger-Stiftung, die Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes, das literarisch-fußballerische Ereignis gemeinsam mit dem Goethe-Institut zu finanzieren.

Nachdem die Institutionen grünes Licht gegeben hatten, spielten sich Stefanie Kastner und Ricardo Costa gemeinsam die Bälle zu. Costa ist bei der Frankfurter Buchmesse Regionalleiter für Brasilien und Südamerika, ein Funktionär alter Schule, unverkennbar an seinem Panamahut. Und beide übertrugen fast ohne Vorwarnung auf den Mittelstürmer, der Ihnen hier gerade schreibt, die Verantwortung, die Mannschaft vom Papier auf den Platz zu bringen – ein Unsinn, der seine Umsetzung schließlich im August dieses Jahres fand, als sich die Anfangsformation der Nationalmannschaft mit 16 Schriftstellern aus den unterschiedlichsten Teilen des Landes erstmals in São Paulo zusammenfand. Die Arbeit begann mit einem lockeren Gespräch, bei dem sich nach einigen literarischen Spielereien herausstellte, dass das Aufgebot über mehr Torhüter verfügte als Mittelfeldspieler und Stürmer. Gleich, nachdem die nötigen Improvisationen vorgenommen waren, betrat nun endlich die Endauswahl –bestehend aus Romanciers, Kolumnisten, Novellisten und Biografen – das Spielfeld. Das Ergebnis war, na ja sagen wir, überraschend. Zieht euch warm an, ihr Deutschen!

In Frankfurt wird die Nationalmannschaft einen Trainer haben, der über jeden Zweifel erhaben ist: den Linksaußen Pepe, der mit der brasilianischen Nationalmannschaft in den Jahren 1958 und 1962 zweimal Weltmeister wurde und beim FC Santos nach Pelé mit 405 Toren in 750 Spielen erfolgreichster Torschütze ist. Wie man weiß, hält der Fußball immer Überraschungen bereit: Nichts garantiert also, dass die Erfahrung des Trainers den FC Pindorama bei den kommenden Schlachten retten wird. Aber die Mission der tapferen und teuren Schriftsteller wird erfüllt sein, wenn Nelson Rodrigues von seinem himmlischen Tribünenplatz aus erkennt, dass wir immerhin gelernt haben, einen Einwurf mit Herz und Hand auszuführen.

Celso de Campos Jr.,
wurde 1978 in São Paulo geboren. Er ist Autor, Journalist und Mannschaftskapitän des FC Pindorama. Er schrieb unter anderem die Bücher „1942 – O Palestra vai à guerra“ und „Adoniran – uma biografia“. Noch in diesem Jahr erscheint „As joias do Rei Pelé“.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
September 2013

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.