Kunst

Die Buchmesse von Frankfuß

Copyright: Colourbox
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Mir ist bewusst, dass ich im Namen der Eitelkeit oder gar im Namen ihres hübscheren Schwesterbegriffes, der Bescheidenheit, solche Dinge nicht sagen sollte, aber dennoch bilde ich mir oft ein, am Internationalen Literaturfestival von Paraty (Flip) teilzunehmen. Dabei ist es nicht einmal der Saal voller Zuhörer, den ich in meinen narzisstischen Träumereien vor mir sehe, noch die Schlange der Autogrammjäger oder das Blitzlichtgewitter der Fotografen: das Bild, welches mir in den Sinn kommt, ist stets das des Fußballs.

Vielleicht ist es dem Leser noch unbekannt, aber auf jedem Literaturfestival von Paraty wird ein Fußballmatch von den Schriftstellern ausgetragen – oder zumindest von denjenigen, deren Gesundheit eine Partie auf dem Rasen erlaubt, ohne dass sie gleich ins Gras beißen müssen. In meinen sportlich-literarischen Hirngespinsten dribble ich Kritiker aus, überlaufe Romanciers, umspiele Erzähler und bringe den Ball per Hackentrick, Fallrückzieher oder Bananenflanke gekonnt im Netz unter. Am Ende des Spiels nehme ich die Glückwünsche meines berühmten Schriftstellerkollegen Roberto Schwarz entgegen, ein anderer, José Miguel Wisnik, möchte mit mir Trikots tauschen und dann gebe ich dem Kultur- und Literaturmagazin “Serrote” noch ein Interview, in dem ich meiner Frau, Gott und – wer weiß? – vielleicht meiner Grundschullehrerin Lucilene den Sieg widme, denn ohne sie...

Natürlich ist es keineswegs mein fußballerisches Talent, das in mir ein solches Delirium heraufbeschwört, sondern das völlige Gegenteil: aus einer absoluten Leere, da wo eigentlich mein Ballgeschick hätte sitzen müssen, weht eine Brise, die meine Wahnvorstellungen anfacht. Im Sportunterricht in der Schule war ich stets der Unglücksrabe, der zuletzt ausgewählt wurde. In meinem Gedächtnis trage ich noch immer die Narben von dem bekümmerten Blick des Jungen, der die Mannschaft aufstellte und sich zwischen mir und dem Mädchen mit dem Klettergerüst im Mund entscheiden musste – was er dann schließlich zugunsten letzterer auch tat.

Der Kummer über den Analphabetismus meiner Beine hielt bis ins Jahr 2004 an, als ich an der ersten Ausgabe des Literaturfestivals von Paraty teilnahm, das Spiel der Gelehrten auf dem Rasen betrachtete und bemerkte, dass sich die fußballerische Leistung der Schriftsteller umgekehrt proportional zu ihrem literarischen Können verhielt. Nun begann ich, Hoffnung zu schöpfen. Zwischen den großen Geistern der Literatur könnte ich es wenigstens zu einem Meister am Ball bringen. Seitdem werden meine Erwartungen jedes Jahr von der Flamme der Hoffnung befeuert, wenn sich der Zeitpunkt für die Aufstellung eines neuen Teams für das Literaturfestival nähert. Aber zu meinem Verdruss finde ich meinen Namen nie auf der Liste.

Aber dann erreichte mich letzte Woche doch eine der besten Nachrichten in der Geschichte meiner müden Beine. Charles Miller, der Begründer des brasilianischen Fußballs, hätte sich wohl in seinem Grabe umgedreht. Das Goethe-Institut hatte mich ausgewählt, um das Team brasilianischer Schriftsteller zu verstärken, die im Oktober anlässlich der Frankfurter Buchmesse auf die deutsche Autorennationalmannschaft – oder für eingeweihte, die Autonama – treffen wird.

An diesem (hoffentlich) sonnigen Sonntagmorgen, während Sie in aller Ruhe Ihren Kaffee trinken, schwitzen ich und 15 weitere brasilianische Schriftsteller beim ersten Mannschaftstraining der Schreiberlingsauswahl unsere Trikots nass. Wir sind uns der großen Verantwortung durchaus bewusst: wir verkörpern gleichzeitig die Zunft der Ballspieler und der Schriftsteller unseres Landes, uns wird zur Vorbereitung weniger als zwei Monate gegeben und, nimmt man mich selbst als Beispiel, dann befürchte ich, dass der Weg steinig wird. Trotzdem gibt es auch Grund zur Freude, denn auf der anderen Seite des Spielfeldes werden ebenfalls Schriftsteller stehen, und unser Trainer wird niemand geringeres sein als Pepe, “die Kanone aus der Siedlung”.

Man wird sehen, ob ich in diesen acht Wochen unter der Anleitung eines der größten Linksaußen-Stürmer der Geschichte meine unbeholfen linkische Art ablegen kann und nur noch als Linksfuß weiter mache. So kann ich zeigen, dass es möglich ist, nur mit Vertrauen auf Gott und durch das Befolgen der Anweisungen des Lehrers, trotz zweier linker Hände im Leben, auch mit links auf dem Rasen der Alten Welt etwas zustande zu bringen.

Möge der schlechtere gewinnen!

Antonio Prata
ist Schriftsteller und veröffentlichte mehrere Bücher mit Kurzgeschichten, unter anderen "Meio Intelectual, Meio de Esquerda" (Halb Intellektueller, halb Linker") - Verlag editora 34. Er schreibt regelmäßig für die Tageszeitung Folha de São Paulo.

Übersetzung:Matthias Nitsch

Copyright: Folha de São Paulo
August 2013

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

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    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.