Kunst

Marcelo Moutinho: „Jede Analyse Brasiliens, die den Fußball nicht berücksichtigt, wird immer ungenügend bleiben.”

Marcelo Moutinho. © Privates Archiv
Marcelo Moutinho. © Privates Archiv
Der Schriftsteller aus Rio de Janeiro beklagt, dass der brasilianische Nationalsport in der Literatur des Landes so selten auftaucht, denkt darüber nach, wie die Magie des Fußballs im Namen einer angeblichen Moderne ausgemerzt wurde, und rekapituliert seinen Besuch der letzten Frankfurter Buchmesse.

„Meine ersten Erfahrungen mit dem Ball habe ich allein in meinem Karnevalsverein gemacht. Ich stellte im Radio den Sender ein, der das Spiel von Fluminense übertrug, schloss die Tür und kickte durch das Zimmer rennend einen virtuellen Ball, während der Sportreporter beschrieb, was sich im Stadion ereignete. Das war ein heimlicher und einsamer Tanz mit der eigenen Fantasie“, erzählt Marcelo Moutinho in seiner Crônica (Chronik) A bola e o tempo (Der Ball und die Zeit), die der Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse vortrug.

Moutinho, geboren 1972 in Rio de Janeiro, ist Spezialist für „Kommunikation und Bild“ durch ein Studium an der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro (PUC-Rio) und Autor der Bücher A palavra ausente, Somos todos iguais nesta noite und Memória dos barcos. 2010 moderierte er die Retrospektive Brasil, Futebol e Livros (Brasilien, Fußball und Bücher), eine Veranstaltung die Schriftsteller in Rio de Janeiro vereinte. Im folgenden Jahr gab er Bravo! – Literatura e Futebol, eine dem Fußball gewidmete Spezialnummer der Zeitschrift Bravo!, heraus.

„Dabei konnte ich mich eingehender mit Fußball als Gegenstand der literarischen Forschung und Interpretation befassen“, erklärt Moutinho über die Herausgabe der Spezialnummer. Über den Fußball als geeignetes Terrain für literarische Erkundungen sagt er: „Der Umstand, dass der Fußball in der brasilianischen Gedankenwelt derart präsent ist, in der Literatur jedoch wenig Widerhall findet, hat mich immer schon stutzig gemacht. Bis vor Kurzem fand sich das Thema nur sehr spärlich und zaghaft in unserer Literatur. Die Ausnahme stellt das Genre der Crônica dar, das sehr viele Texte darüber hervorbringt“, ergänzt er.

Sonntags im Maracanã

Marcelo Moutinho liest die Erzählung Der Ball und die Zeit, Casa de Histórias e Comunicação.

Warum das Thema in Romanen, Erzählungen und Gedichten nur äußerst selten aufgegriffen wird, erklärt Moutinho wie folgt: „Die Schwierigkeit, mit den Farben der Fiktion das was innerhalb von vier Linien passiert, neu zu erschaffen, ist groß.“ Trotzdem nahm der Schriftsteller die Herausforderung an, eine Fußballerzählung zu schreiben: Domingo no Maracanã (Sonntags im Maracanã) ist in der Anthologie Entre as Quatro Linhas – Contos Brasileiros Sobre Futebol (Titel auf Deutsch: Der Schwarze Sohn Gottes: 16 Fußballgeschichten aus Brasilien) enthalten, die im August 2013 als Teil der Vorbereitungen für den brasilianischen Ehrengastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse in Deutschland erschien und die Anfang 2014 auch in Brasilien veröffentlicht wird.

Domingo no Maracanã erzählt den ersten Besuch eines Jungens im Maracanã-Stadion“, erklärt Marcelo. „In der Geschichte ist das Stadion eine Baustelle, es wird für die Fußballweltmeisterschaft umgebaut. Ich spreche in der Erzählung über die Begeisterung, die ein erstes Mal auslöst, aber auch darüber, wie die Magie im Namen der Moderne ausgemerzt wird, über diesen so typisch brasilianischen Charakterzug, etwas in eine Ruine zu verwandeln, noch bevor der eigentliche Bau abgeschlossen ist“, sagt er in Analogie an eine Zeile aus einem Lied von Caetano Veloso.

Reise nach Frankfurt: sportlich-literarischer Dialog

Die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse empfand Moutinho als wertvoll. Der Schriftsteller hatte die Gelegenheit, während der Veranstaltung seine beiden großen Leidenschaften zusammenzubringen: den Fußball und die Schriftstellerei. Den Fußball, in dem er als Mittelfeldspieler für die brasilianische Autorennationalmannschaft, den FC Pindorama, antrat. Mit seinen Teamkollegen spielte Moutinho eine Partie gegen die deutsche Autorennationalmannschaft, die Autonama. Die Deutschen erzielten einen Kantersieg, 9 zu 1. Aber darüber verliert Moutinho nur wenige Worte.

Und das Schreiben, in dem er die schon erwähnten Werke A Bola e o Tempo und Domingo no Maracanã in Frankfurt vorstellte und ein Podiumsgespräch mit dem Titel Fla, Flu & Co: Os grandes clubes brasileiros (Fla, Flu & Co: die großen brasilianischen Fußballclubs) moderierte. „Jede Analyse Brasiliens, die nicht wenigstens zu einem geringen Maße das Thema Fußball streift, wird immer ungenügend bleiben“, ist Moutinho überzeugt. Zur Verbindung von Fußball und Literatur auf der Buchmesse stellt er klar: „Wir waren nicht nur dort, um mit dem FC Pindorama Fußball zu spielen. Das Interessanteste war der enge sportliche und literarische Dialog mit den deutschen Schriftstellern durch die Lesungen, das Verfassen von Texten und die Debatten über die Merkmale, die die Kultur jeden Landes unterscheiden“, fasst er zusammen.

Mannschaften mit einer tragischen Geschichte taugen besser für die Literatur

Zum Missfallen der Familie, in ihrer Mehrheit Fans von Botafogo, ist Moutinho durch und durch Anhänger von Fluminense: „Ich habe mich trotz der portugiesischen Herkunft meiner Familie nie mit dem Club de Regatas Vasco da Gama identifiziert. Und ich mag auch keine Teams, die die Mehrheit der Fans stellen, also habe ich nie darüber nachgedacht, Anhänger von Flamengo zu werden“, erzählt der Schriftsteller, dessen Freundin Juliana „schrecklicherweise“ Flamengo-Fan ist. Und warum dann nicht Botafogo? „Ich rückte von der schwarz-weißen Familientradition ab, denn in den 1970-Jahren, die Zeit, in der ich mir ein Team aussuchte, ging Botafogo gerade durch eine schlimme Phase“, erinnert er. Es blieb nur Fluminense übrig.

„Für die Literatur“, weist Moutinho hin, „ist Botafogo sehr viel interessanter als Fluminense“. Der Schriftsteller ist überzeugt, „für Fiktionen eignen sich viel besser Situationen und Personen, die einen Sinn für die Tragödie haben, was klassischerweise der Fall von Botafogo ist, mit seinem Aberglauben, dem paradoxen Streben nach Niederlagen, dem Flirt mit der immer drohenden Katastrophe“. Gefragt nach dem literarischen Genre, dem sein Team Fluminense am meisten ähnelt, zögert Moutinho nicht lange mit der Antwort: „Der Roman des 19. Jahrhunderts mit Sicherheit. Wegen seiner Identifikation mit dem Aufstieg des Bürgertums, wegen der raffinierten Sprache, wegen des besonderen Tons – und klar auch, wegen des hohen Anspruchs“.

Eine „gewisse Sympathie“ für Mannschaften anderer Länder hegt Moutinho dennoch. In Deutschland gefalle ihm Borussia Dortmund. Doch bevor ihn jemand missverstehen könnte, betont er ausdrücklich: „Ich bin Fan von Fluminense, immer und egal, wo ich auf der Welt bin“.

Manoella Barbosa
ist freie Journalistin mit einem Magister der Universität Hamburg, wo sie lebt und arbeitet.

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Januar 2014

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