Kunst

Rogério Pereira: Die Literatur als Akt des Widerstands

Rogério Pereira. © Guilherme Pupo.
Rogério Pereira. © Guilherme Pupo.
Fußball, Bücher und Kindheitserinnerungen im Licht der Fiktion sind einige der Obsessionen des Journalisten und Schriftstellers Rogério Pereira, der sein Versprechen, bis zum 40. Geburtstag ein erstes Buch zu veröffentlichen, mit dem Roman „na escuridão, amanhã“ („Morgen, in der Dunkelheit“) gehalten hat.

Rogério Pereira ist ein guter Name für einen Fußballspieler. Sein Aufstieg auf den Fußballplätzen war kometenhaft. Er war ein armer Junge aus Galvão, im Landesinneren von Santa Catarina, wo er den Eltern half, Schweine zu schlachten, Würste herzustellen, Weizen und Bohnen zu ernten und den Acker zu pflügen. Im Alter von sechs Jahren zog er mit der Familie nach Curitiba. In der Großstadt verkaufte er Blumen auf dem Friedhof und zahnärztliche Geräte, er arbeitete in Möbelfabriken und als Aushilfe in der Zeitung. Und er fing an, Fußball zu spielen. Zuerst in der Schule, dann in den Jungendabteilungen der örtlichen Vereine, bis er im Alter von 17 Jahren von einem Talentscout eingeladen wurde, bei dem Fußballverein Coritiba Futebol Clube einen Test zu absolvieren.

Rogério Pereira ist aber kein Fußballspieler. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit und trotz seines Namens wurde er Schriftsteller, Cronista (Verfasser von Crônicas) und Herausgeber einer Zeitschrift für Literaturkritik, die 14 Jahre alt wird. Es hätte aus ihm gut einer der talentiertesten Verteidiger werden können, hätte ihn nicht ein verrenktes Knie daran gehindert, sich dem Test zu stellen. Doch schon lange, bevor sich das ereignete, hatte er sich dafür entschieden, einen anderen Weg als seine Cousins und Freunde einzuschlagen. „Ich habe nie alles in den Fußball investiert, ich setzte aufs Lernen. Ich dachte, dass es wichtig sei, weil meine Eltern Analphabeten waren, dass es mir irgendwie helfen würde. Und da ich mich, obwohl ich gut spielte, nicht für ein großes Genie hielt, gab ich der Schule Vorrang“, erzählt er.

Trotz dieser Entscheidung musste er seine Position als Abwehrspieler auf den Spielfeldern der Suburbana, wie die Amateurliga von Curitiba heißt, nicht aufgeben. Als Student der Publizistik an der Päpstlichen Katholischen Universität von Paraná (PUCPR) verdiente er sich mit 23 Jahren sogar ein Gehalt als Spieler des Fußballclubs Trieste und heute noch dribbelt er um literarische Verpflichtungen, um ein Mal pro Woche mit den Freunden zu kicken. „Wir leben den Fußball auf eine fast professionelle Weise“, erzählt er. Deswegen habe er, als er dieses Jahres auf Einladung des Goethe-Instituts während der Frankfurter Buchmesse im Oktober auf dem Platz stand, um an der Seite von anderen brasilianischen Schreibern gegen die deutsche Autorenmannschaft anzutreten, nicht die Illusion gehabt zu gewinnen. Er sah sogar die hohe Niederlage – von 1 zu 9 – voraus. Gut mit dem Füller, aber nicht am Ball? Rogério ist anderer Meinung. „Der technische Unterschied war groß, unsere Mannschaft war physisch unterlegen und die Gegenseite war sehr ausgeglichen, alle spielen schon seit zehn Jahren zusammen. Aber sie haben keine Cracks. Mein Fußballteam zu Hause würde gegen die deutsche Auswahl leicht, sehr leicht gewinnen“, frotzelt er.

Potenzierung des Lesens

Auch wenn der in Curitiba lebende Autor gerne einen Sieg davon getragen hätte, hält er die Freundschaftspartie dennoch für einen Teil von etwas weitaus Bedeutenderen. An einer Veranstaltungen wie der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen – wo er seine Erzählung „À espera do pai“ („In Erwartung des Balls“) über den Kummer, den er für seinen Vater verspürte, als er seinen ersten eigenen Ball bekam, vorlas –, gehören zu den Diensten, die der Schriftsteller der Igreja do Livro Transformador (Kirche des verändernden Buches) leistet. Bei Letzterer handele es sich um einen „ernsten Spaß“, den er mit Luiz Ruffato, dem Autor, der die umstrittene Rede zur Eröffnung der Buchmesse in Deutschland hielt, ins Leben gerufen habe. „Wir beide teilen die Überzeugung, dass die Literatur die Kraft zur Veränderung hat, und unsere Arbeit zielt gewissermaßen darauf, diese zu potenzieren“, sagt er.

Pereira, der Sohn armer Eltern, die kaum lesen konnten, hatte seinem Schicksal auf sehr ähnliche Weise wie Ruffato, der Sohn eines Popcornverkäufers und einer Wäscherin, durch den Kontakt mit Büchern einen anderen Lauf gegeben. Daher rührt es auch, dass er an mehreren Fronten für die Verbreitung des Lesens und der Literatur kämpft: Seit 2011 leitet er die Öffentliche Bibliothek in Paraná; er hält Vorträge über die Ausbildung von Lesern und ist Kurator von Literaturbiennalen; außerdem gibt er die Zeitschrift Rascunho heraus, die er vor 14 Jahren gegründet hat; er organisiert den Paiol Literário, ein regelmäßiges Publikumsgespräch mit einem brasilianischen Autor; und ist (uff!) seit 2009 Mitherausgeber von Vida Breve, einer Webseite mit Crônicas.

Schriftsteller ohne Werk

Ein derartiges Engagement hat unweigerlich dazu geführt, dass Pereira der Ruf vorauseilt, er sei ein „Schriftsteller ohne Werk“. „Die Leute konnten schon seit Langem meine Texte lesen und waren deswegen sogar überzeugt, sie hätten Bücher von mir“, erzählt er. Er entschloss sich deshalb, im Bett liegen zu bleiben und einen Roman zu schreiben, bevor er vier Lebensjahrzehnte vollendet hätte – ein Versprechen, das er dieses Jahr mit der Veröffentlichung von na escuridão, amanhã (Morgens, in der Dunkelheit) im Verlag Cosac Naify eingelöst hat. Der Roman, in den Worten des Kritikers José Castello „geschrieben mit Poesie und Agonie“, erzählt von einer Familie, die von der Unmöglichkeit des Verzeihens gezeichnet ist.

Das Werk offenbart einen Autor, der eine Obsession entwickelt, in der eigenen Erinnerung und Kindheit zu wühlen. „Ich mache gerne den Scherz und sage, meine Literatur reiche von sechs bis 15 Jahren, und ich wisse selbst noch nicht, wann ich die 18 erreichen werde“, erzählt der Autor, der mithilfe der Fiktion die Welt zu lesen lernte. Derart, dass er an dem Tag, an dem seine Mutter im Juli dieses Jahres an Krebs starb, die Chronik Um bom dia para lavar roupas (Ein guter Tag, um Wäsche zu waschen) schrieb, in der er ankündigt, er müsse von nun an lernen, die Waschmaschine selbst zu bedienen. „Es ist eine ironische Form, um von Sehnsucht und von Zuneigung zu sprechen“, sagt er und erinnert uns ein Mal mehr daran, dass die Literatur die Form ist, die er für sich fand, um dem Leben zu begegnen und standzuhalten.

Rascunho und Esganifado

Die acht Jahre, die er praktisch Tag und Nacht in der lokalen Niederlassung der Zeitung Gazeta Mercantil in Curitiba verbrachte, haben Pereira in die Lage versetzt, nun schon seit 14 Jahren ohne Unterbrechung eine Literaturzeitschrift, den Rascunho, herauszugeben. „Ich war Bürogehilfe, Abonnementverkäufer, ich arbeitete in allen Abteilungen. Ich kann in einer Zeitung alles selbst machen: Ich setze, vertreibe, verkaufe Abonnements, erstelle Zeitpläne, spreche mit den Abonnenten, ich beherrsche das Geschäft“, erzählt der Herausgeber der 36-seitigen monatlichen Publikation mit Essays, Interviews, Rezensionen und fiktionalen Texten von rund 50 freien Mitarbeitern – darunter Kolumnisten wie Affonso Romano de Sant’Anna, José Castello und Luiz Ruffato.

An einer Zeitschrift, die von 50.000 Lesern gelesen wird, festzuhalten, mag ein Akt des Widerstands sein – genauso wie seine Liebe zu den Büchern eine pragmatische Art und Weise ist, seinem Leben einen anderen Kurs zu geben, und auch der Fußball, den er in 20 Jahren nie aufgegeben hat. Unter unzähligen Projekten, die Pereira angefangen hat, ist noch das Verfassen eines Kinder- und Jugendbuchs und seines nächsten Romans, Esganifado, in dem er den Faden der Erinnerung wieder aufnimmt, indem er von einem Mann erzählt, der seine krebskranke Mutter pflegt. Der Titel ist eine Wortneuschöpfung, von Rogério Pereiras Mutter selbst geschaffen. Sie wollte eigentlich esganado (gierig) sagen. „In dem Buch ist Esganifado ( das „Gierifige") der Krebs und auch die Zeit“, nimmt der Autor vorweg, der sich erneut der autobiografischen Fiktion widmet.

Annalice Del Vecchio
hat Kommunikationswissenschatft, Journalismus und Literaturwissenschaften (Portugiesisch) studiert und hat sich auf Filmkunst spezialisiert. Sie arbeitet als freie Journalistin im Kulturbereich und schreibt hauptsächlich über Filme und bildende Kunst.

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Januar 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.