Kunst

„Meine Mannschaft ist die beste“: Rivalität im Fußball

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Vier Schriftsteller – ein Brasilianer, ein Argentinier, ein Deutscher und ein Holländer – sprechen über die Bedeutung von Rivalität im Fußball und versuchen zu erklären, warum es lohnt, sich auch literarisch mit diesem Thema zu beschäftigen.

Eduardo Sacheri, Argentinien: „Rivalität ist die Sublimierung von Gewalt im richtigen Maß“

Foto: Patricia Asses Eduardo Sacheri ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der argentinischen Literatur. 1967 in Buenos Aires geboren und Anhänger von Independiente de Avellaneda, bezieht er sich in seinen Texten regelmäßig auf den Fußball und auf die immer wiederkehrenden kleinen und großen Dramen dieses Sports: „Der Fußball ist eine Art Eingangstor zu viel tiefgründigeren und wichtigeren Dingen als der Sport selbst“, erzählt er. In diesem Zusammenhang sind die Rivalitäten zwischen gegnerischen Mannschaften und Nationen von allergrößter Bedeutung: „Der sportliche Wettstreit ist ein Symbol, eine Metapher. Er ist die Sublimierung von Gewalt im richtigen Maß“, beteuert Sacheri. Der Argentinier geht sogar noch einen Schritt weiter: „Folglich handelt es sich gar um eine viel gesündere Gewalt als die primitive und direkte, die von den Menschen leider so oft angewendet wird“.

Diese Behauptung gilt jedoch nur mit Einschränkungen, und der Schriftsteller fügt hinzu: „Die Interpretation von Symbolen und Metaphern läuft Gefahr, in konkrete Gewalt auszuarten. Beim Gebrauch dieser Symbole sollten wir Schriftsteller stets sehr wachsam sein, um mögliche Fehltritte zu vermeiden“. Für den Autor von La pregunta de sus ojos (In ihren Augen) „demaskiert uns der Fußball. Er macht uns nicht besser oder schlechter, offenbart unser Wesen aber mit einer brutalen Ehrlichkeit“.

Sacheri, Autor der Bücher La vida que pensamos, cuentos de fútbol und Papeles en el viento gibt sich vehement: „Er [der Fußball] verhindert, dass wir uns hinter einer Scheinheiligkeit verstecken, die bei erwachsenen Menschen sehr verbreitet ist. Durch ihn sind wir das, was wir sind, wir offenbaren nicht nur unsere besten Tugenden wie Solidarität, Tatkraft und Talent, sondern auch unsere tiefsten Abgründe voller Gewalt, Intoleranz, Wut und Egoismus. All dies zusammen“, ergänzt der Schriftsteller.

Flávio Carneiro, Brasilien: „Es gibt keine Leidenschaft ohne Rivalität“

Foto: Privatarchiv „Ich bin immer gegen Argentinien“, gesteht Flávio Carneiro. Der Brasilianer aus Goiás ist Schriftsteller, Literaturkritiker, Drehbuchautor und Professor für Literaturwissenschaft an der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro (UERJ). Wenn es um Fußball geht, dann holt er weit aus: „Das Wort Rivale stammt aus dem Latein und bedeutet ursprünglich ‚derjenige, der am anderen Flussufer wohnt‘. Der Rivale ist der Nachbar auf der anderen Seite; er teilt mit dir dasselbe Wasser, macht dir dabei das Besitzrecht aufs Wasser, das Objekt der Begierde beider Seiten, streitig“, erklärt er.

Carneiro, der bevor er Schriftsteller wurde, Fußballspieler war, hält Rivalität im Fußball für sehr wichtig: „Wir brauchen den Wettstreit. Fußball ist eine Leidenschaft und die kann ohne Rivalität nicht existieren. In jeder Geschichte, die von Leidenschaft handelt, sei es in der Literatur oder anderswo, gibt es Rivalitäten. Im Fußball ist das nicht anders“, erzählt er. Carneiro, ein glühender Anhänger des Clubs Botafogo („Ich feure Botafogo selbst bei Tischfußballturnieren an“), war Literaturkurator bei der Kultur-WM, ein im Jahre 2006 durchgeführtes Projekt anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Er veröffentlichte 2009 das Buch Passe de Letra – Futebol e Literatura (Geschriebener Pass – Literatur und Fußball). Für ihn lohnt es sich, über Fußball zu schreiben, vielleicht, weil „es sich auszahlt, über all das zu schreiben, woran man glaubt. Der Schriftsteller muss immer ehrlich zu sich selbst sein, und immer das schreiben, woran er wirklich glaubt. Wenn er das nicht tut, wird er sich selbst betrügen und auch seine Leser. Und ein betrogener Leser verzeiht nie“, urteilt der Brasilianer.

Auke Kok, Niederlande: „Fußball ist das perfekte Thema, um Hass zu schüren“

Foto: Privatarchiv Auke Kok liebt Fußball. Er tut dies so sehr, dass er neben Geschichte und Politik auch Zeit aufbringt, um über Fußball zu schreiben. Der Soziologe ist Schriftsteller und Fan von Ajax Amsterdam. Er sagt: „Ich nehme den Fußball sehr ernst, weil es ein Sport ist, der Vieles über die Gesellschaft aussagt“, und nennt ein Beispiel: „Der Totale Fußball [totaalvoetbal, eine von der niederländischen Nationalmannschaft 1974 berühmt gemachte Spielweise] spiegelte den Hippie-Geist von Freiheit, langen Haaren, Sex und Drogen wider, der ausgesprochen kennzeichnend war für die Niederlande dieser Zeit. Der Totale Fußball ist Thema eines Buches von Kok: 1974, wij waren de besten (1974, wir waren die Besten), eine Abrechnung mit Westdeutschland, das die 74er Weltmeisterschaft im eigenen Land mit einem Sieg über die Niederlande im Finale gewann.

„Es lag schon immer in der Natur des Fußballs, Rivalitäten zu schaffen, denn eher noch als ein Spiel der Freiheit, ist es ein Spiel des Krieges, bei dem es darum geht, Territorium zu gewinnen, und darum, den anderen zu bedrängen und auf Kosten des Gegners Zeit zu schinden. Nicht jede Sportart erlaubt dies. Die Niederlande waren immer schon darauf erpicht, die Deutschen zu schlagen, schon allein aus historischen Gründen, infolge der Besetzung während des Zweiten Weltkrieges. Dafür schonen die niederländischen Spieler keine Kräfte und Mühen. Und schon gar keine Erniedrigungen“, erläutert Kok. Für ihn bietet der Fußball das perfekte Motiv, um Rivalität, ja sogar Hass zu schüren. Und das ist für jeden Schriftsteller wunderbar“, fügt er hinzu.

Alexander Laux, Deutschland: „Neid und Missgunst erzeugen Rivalitäten“

Foto: Privatarchiv „Ja, auch ich habe schon während eines Deutschlandspiels geschrien“, bekennt Alexander Laux, Vize-Sportchef des Hamburger Abendblatts und Autor des Buches Die Nationalelf. Momente für die Ewigkeit, das von den Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft auf dem Rasen handelt. Lachend erinnert er sich: „Im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2010, während des Spiels Deutschland gegen England, bin ich richtig ausgeflippt. Und habe dabei beinahe vergessen, dass ich dort im Dienst war.“

Laux hat sich schon immer für den Sport interessiert und verfolgt die Entwicklung des europäischen Fußballs seit mehr als zehn Jahren: „Ich glaube, dass die lokalen Rivalitäten, wie zum Beispiel hier in Hamburg zwischen dem HSV und Sankt Pauli, noch sehr stark sind“, so der Experte. Fußball ist „ein Sport der Emotionen“. Und außerdem „erzeugen Neid und Missgunst Rivalitäten und den Wunsch, besser zu sein, als der Gegner“, ergänzt er.

Für Laux nehmen Rivalitäten in gleichem Maße zu wie andere Faktoren, etwa die wirtschaftliche oder sozio-kulturelle Entwicklung: „Je größer die Gemeinsamkeiten sind, desto härter ist auch der Wettstreit“, gibt der Schriftsteller und Journalist zu bedenken. Die „großen Feindschaften“ zwischen den Nationen lösen sich aber im selben Grade auf, wie der Fußball sich internationalisiert: „Die Regeln des Marktes tragen mehr denn je dazu bei. Aktuell spielen diverse niederländische Spieler um die deutsche Meisterschaft. Einer der beliebtesten Spieler Deutschlands ist heutzutage ein Niederländer“, sagt Laux und meint damit Rafael van der Vaart.

Manoella Barbosa
ist freiberufliche Journalistin mit einem Master der Universität Hamburg, wo sie auch lebt und arbeitet.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
April 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.