Kunst

Short Plays: drei Minuten Fußball auf der Leinwand

Short Plays: Film der japanischen Regisseurin Kiki Sugino
Short Plays: Film der japanischen Regisseurin Kiki Sugino
Angesehene Regisseure aus der ganzen Welt haben stumme Kurzfilme zum Thema Fußball gedreht. Das Ergebnis ist die Filmreihe „Short Plays“, die vom mexikanischen Regisseur Daniel Gruener für das Fernsehen entwickelt wurde.

Die Kurzfilme sollen während der Weltmeisterschaft täglich auf verschiedenen Kanälen in mehreren Ländern ausgestrahlt werden. „Ich hatte mir gedacht, mal eine andere Art von Inhalten zur Weltmeisterschaft anzubieten“, erklärt Gruener. Der Regisseur des Spielfilms Sobrenatural (1996) und mehrerer international ausgezeichneter Filme wollte ein Projekt kreieren, das auch bei einem nicht fußballbegeisterten Publikum Anklang fände.

Apichatpong Weerasethakul und Karim Aïnouz

Neben dem Mexikaner, der abgesehen von seiner Tätigkeit als Projektinitiator bei einem der Kurzfilme Regie führte, wurden etwa 30 Regisseure zu dem Vorhaben eingeladen. Es handelt sich um namhafte Filmemacher, die unter anderem auf dem Sundance Film Festival, den Festspielen in Cannes, Berlin oder Venedig ausgezeichnet wurden. „Es hat mich viel Mühe gekostet, diese große Anzahl an Regisseuren zu kontaktieren, die alle vielbeschäftigt sind. Letztendlich haben aber 25 Persönlichkeiten aus WM-Teilnehmerländern zugesagt“, betont Gruener. Unter den Teilnehmern finden sich Regisseure wie die beiden Brasilianer Karim Aïnouz und Marcelo Gomes, der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, der Kolumbianer Carlos Moreno, der Marokkaner Faouzi Bensaidi, der Italiener Luca Lucini und der Portugiese Pedro Amorim.

Short Plays: Gentilândia Park, von Karim Aïnouz und Marcelo Gomes. Foto: Juliane Peixoto e Felipe Acácio

„Eigentlich interessiert mich Fußball nicht“, gesteht der Brasilianer Karim Aïnouz, der unter anderem bei Praia do Futuro Regie führte, einem Spielfilm, der auf der letzten Berlinale uraufgeführt wurde und zurzeit in den brasilianischen Kinos läuft. „Ich mag es zu schwimmen. Allein als Jugendlicher habe ich einige Fußballspiele in unserem Garten veranstaltet. Der Druck war groß, jedermann musste Fußball spielen. Aber schon nach drei Partien hatte ich verstanden, dass es nicht mein Ding war, und habe seitdem nie wieder gespielt.“ Trotzdem hat ihn das Projekt von Daniel Gruener überzeugt.

Ausschnitt des zeitgenössischen Brasilien

„Carlos [Reygardas, Regisseur aus Mexiko] hat mich angerufen und mir von der Sache erzählt und mich gefragt, ob ich Interesse hätte. Fußball ist ein Thema, das mich nicht sehr reizt, sagte ich zu Daniel. Zu meiner Erleichterung fand er das gut“, erinnert sich Aïnouz. Der erste Kontakt mit Daniel Gruener fand im Februar dieses Jahres während der Berlinale statt: „Daniel rief mich an und im Laufe unseres Gesprächs begriff ich, dass der Kurzfilm nicht unbedingt von Fußball an sich handeln müsse, aber von der Möglichkeit, während der WM einen Ausschnitt des zeitgenössischen Brasilien zu zeigen. Das ließ mich aufhorchen“, berichtet Aïnouz.

Für das Projekt Short Plays zog der brasilianische Regisseur seinen Freund und Filmemacher Marcelo Gomes aus Pernambuco hinzu, mit dem er schon den Spielfilm Viajo porque preciso, volto porque te amo (2009) gedreht hatte. Zusammen schufen sie einen Kurzfilm, der die Geschichte eines „Kabinenwarts“ – ein ausgestorbener Beruf –  erzählt und den Organisationsaufwand und die Logistik vor und nach einem Fußballspiel in der Umkleide beschreibt.

Short Plays: Film des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas.

„Der Kabinenwart war derjenige, der die Umkleide sauber hielt, die Trikots zusammenlegte, die Bälle einsammelte. Er war der Knecht des Fußballs, dieser Unsichtbare, der stets hinter den Kulissen agierte“, erzählt Aïnouz. „Marcelo und ich fanden es schön, die Geschichte dieser Figur zu erzählen und nicht notwendigerweise das Spiel selbst oder die offensichtlichen Dinge einer Fußballpartie zu beschreiben, mit all ihren Toren und Siegen“, fügt er hinzu. Außerdem, so der Regisseur weiter, war es eine Herausforderung, etwas zu einem für Brasilianer so wichtigen Thema zu machen: „Fußball ist ein Katalysator von Begegnungen und Aktionen. Der Kurzfilm, den wir für die Reihe Short Plays entwickelt haben, ist nichts weiter als ein zärtlicher Blick auf diesen Sport, für den ich mich bis dato kaum interessiert hatte“.

Wenn die Wirklichkeit das Digitale überlagert

Daniel Gruener, der Initiator, ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Es wäre unmöglich über Fußball zu sprechen, ohne einen großen brasilianischen Regisseur dabei zu haben. Und ich hatte das große Glück, gleich zwei zu bekommen“, freut sich der mexikanische Filmemacher. Unter den europäischen Regisseuren, die Gruener einlud, finden sich der Norweger Rune Denstad Langlo und die Deutsche Doris Dörrie. Die Schriftstellerin, Produzentin und Filmemacherin Dörrie nahm die Einladung an, obwohl sie „kein genuines Interesse am Fußball“ hat. „Am Sport an sich finde ich keinen Gefallen.“, erklärt sie.

„Fußball ist das letzte größte Live-Erlebnis, das nicht digital verschiebbar ist. Es passiert nicht digital, und das gefällt mir“, analysiert Dörrie und gibt sich von der Art und Weise beeindruckt, wie die Sportart der Auslöser für großen Spaß und Freude und gleichzeitig aber auch Anlass für tiefe Trauer sein kann: „Ich hatte mal einen Cutter, ich konnte mit ihm eine Woche lange kein Wort wechseln, wenn seine Mannschaft verloren hatte. Das fand ich schon immer irgendwie übertrieben. Ich konnte das nicht verstehen“, gesteht die Regisseurin.

„Proteste sind wichtig“

Short Plays: Film des norwegischen Regisseurs Denstad Langlo.

Vielleicht liegt darin auch der Grund für ihre Herangehensweise beim Projekt Short Plays: „Es ist ein animated film namens A Bola, der Ball. Es ist ein dreiminütiger Film, ein zärtlicher Film über die Qual des Balls während eines Fußballspiels. Und erzählt wird aus der Perspektive dieses Balles“, verrät Dörrie.

Die Filmemacherin lässt eine gewisse Skepsis durchblicken, wenn sie nach ihren Erwartungen an die WM in Brasilien gefragt wird: „Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee von der FIFA ist, die Art, wie sie diese Veranstaltung organisieren. Für mich gibt es wichtige Fragen, die noch nicht beantwortet sind. Wer profitiert davon? Für wen machen sie das?“, fragt sich die Regisseurin. „Ich denke schon, dass die Proteste in Brasilien wichtig, gar notwendig sind. Sie geben Denkanstöße. Ich finde sie gut“, fügt sie hinzu.

Manoella Barbosa
lebt und arbeitet in Hamburg. Sie ist freiberufliche Journalistin mit einem Masterabschluss der Universität Hamburg.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Juni 2014

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.