Kunst

Das Runde muss ins Eckige – deutschsprachige Fußballliteratur

Cover von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“; © Süddeutsche ZeitungCover von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“; © Süddeutsche ZeitungSobald der Ball ruht, rollen die Erzählungen. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz” (Otto Rehagel), aber der Myhos beginnt in den Spieler-Interviews, Expertenanalysen und Medienberichten direkt nach dem Abpfiff. Zur Fußballkunst gehört immer auch die Literarisierung. Aber versenken deutschsprachige Autoren das Runde (den Ball) im Eckigen (dem Buch) auch richtig?

Die neuere deutsche Fußballliteraturgeschichte beginnt mit einer krassen Fehlentscheidung. Sie besagt, dass Peter Handkes Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970) ihr den Anstoß gegeben habe. Dabei nutzt Handke die Ratlosigkeit seines Keepers bei der Standardsituation nur als Steilvorlage zu abstrakter Erkenntniskritik. Für Handke ist der Fußball erzählerisch „wie alles, was rund ist, ein Sinnbild für das Ungewisse“. Die Wirklichkeit des Spiels kommt im Buch nirgendwo zur Sprache.

Belesene Torwartlegenden haben dies früher erkannt als die Literaturkritik. „Eigentlich ist es nur die Angst des Tormanns vor dem Elfmeterpfiff“, präzisierte etwa Uli Stein vom Hamburger SV. Und Sepp Maier vom FC Bayern München konterte: „Die Angst des Schützen vorm Elfmeter, das wäre einen Roman wert“.

Die konkrete Poesie des Spiels

Peter Handkes Gedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“; © P. Handke/Suhrkamp VerlagDabei ist Handke derjenige Autor, der die konkrete Poesie des Fußballspiels in seiner simpelsten Form vielleicht am eindrucksvollsten herausgearbeitet hat. Sein Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 (1969) setzt das Gefüge der Spieler als Plakat-Ankündigung visuell in Szene – und verlässt sich dabei ganz auf die Textur der klangvollen Namen.

An dieser lyrischen Präzision ändert auch der Umstand nichts, dass Fußballfans dem Dichter Fehler nachgewiesen haben: In dem Erstrundenspiel Nürnbergs gegen Bayer 04 Leverkusen verteidigte neben Popp nicht Leupold, sondern Hilpert (Leupold wurde erst in der 76. Minute für Blankenburg eingewechselt).

Bomber Bum

Bum Kun Cha (rechts) beim Pokalsieg 1981; © Eintracht Frankfurt ArchivPoetisch ähnlich gelungen ist auch Eckhard Henscheids Hymne auf Bum Kun Cha (1979), die die Fangesänge auf den südkoreanischen Stürmerstar von Eintracht Frankfurt in der Art der hymnischer Olympionikendichtung des antiken Dichters Pindar überhöht („Herzschöner Mann! Flutlichtumschwärmt auf den / Flügeln der Flanke“). Während sich Handke ganz auf den „schönsten Augenblick“ vor dem Anpfiff im Mittelkreis konzentriert, „bevor die Spieler sich bewegen und bevor der Ball von den Spielern bewegt wird“, rückt hier nicht zuletzt die konkrete Spielsituation ins Zentrum, namentlich Chas Zweikämpfe gegen Karl-Heinz Förster (den „Holzer“) und Bernd Martin (den „Rammler“) sowie sein 2:0 beim Bundesligadebüt gegen den VfB Stuttgart.

Henscheids Hymne steckt die Eckfahnen auf dem literarischen Spielfeld ab: Wie im Gedicht, so schwankt auch die deutschsprachige Fußballliteratur immer wieder zwischen stürmischer Bewunderung und abwehrender Satire.

„Gleich hat der Sport das Wort“

Cover von Ror Wolfs „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“; © Schöffling VerlagDas gilt auch für den wohl bedeutendsten Fußballdichter: Ror Wolf aus Mainz. Mit den WM-Moritaten und Endspiel-Stanzen, vor allem aber in den durch Foulfoto-Serien verfeinerten Textcollagen aus Originalzitaten von Spielern, Trainern und Reportern in Die heiße Luft der Spiele (1980) und Das nächste Spiel ist immer das schwerste (1990) ist das Gesamtkunstwerk des Stadions als „nie zu Ende gehendes Total-Theater“ des runden Leders begriffen, das tragisch ist und komisch zugleich.

Das teils absurde Drama des Fußballkosmos zeigt Wolf vor allem in seinen Hörspielcollagen: Im rasanten Zusammenschnitt der WM 1974 in Deutschland (Rückblick auf große Tage, 1978) sowie in Cordoba Juni 13 Uhr 45 (1979).

Ror Wolf begutachtet die Fußballschuhe von Rainer Grabowski; © Ror WolfIn Cordoba wird die „schmachvolle“ 3:2-Niederlage Deutschlands gegen Österreich bei der WM 1978 in Argentinien mit einem gehörigen Schuss Ironie zu einer Tragikomödie von Halbzeitlänge zusammengstutzt – und dabei der legendäre Redezweikampf zwischen einem überheblich aufspielenden deutschen Rundfunkgoliath Armin Hauffe („Schussstärke ist nicht der Österreicher Sache“) und dem quirlig konternden Reporterdavid Edi Finger („Sieg Sieg Sieg Sieg Sieg!“) zum Hörduell zusammen gemischt. Origineller hat bis heute niemand die Wahrheit auf dem Platz in die Wirklichkeit der Literatur zu überführen gewusst.

„Wir sind Weltmeister!”

Tatsächlich geht die deutschsprachige Fußballliteratur nach Ror Wolf in ihre nunmehr fast zwanzigjährige Verlängerung: Krämpfe sind häufig, entscheidende Treffer gelingen selten. Vor allem in den neunziger Jahren ist Fußballliteratur ohnehin fast ausschließlich Erinnerungsliteratur – interessanterweise vorrangig von Autoren der älteren Schriftstellergeneration.

Cover von „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde”; © Rowohlt VerlagSo berichtet F. C. Delius’ Roman Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994) ein halbes Jahrhundert nach dem deutschen WM-Sieg in Bern gegen Ungarn, wie der Radiobericht von den Heldentaten des „Teufelskerls“ und „Fußballgotts“ Toni Turek den elfjährigen Ich-Erzähler aus der Enge seines protestantischen Elternhauses in die quasireligiöse Gegenwelt des heidnischen Fußballspiels entführt: Die befreiende, auch national identitätsstiftende Wirkung des live verklärten 3:2 ist hier das eigentliche „Wunder von Bern“.

„Wir sind Weltmeister, haben es der Welt gezeigt, sind wieder da, sind nicht mehr Besiegte, singen unter Regenschirmen im Stadion von Bern“, heißt es euphorisch politisierend auch im epischen Bilderbogen Mein Jahrhundert (1999) von Günter Grass. Und im Kapitel zur WM 1974 wird das legendäre Tor des DDR-Stürmers Jürgen Sparwasser gegen die BRD-Auswahl zur ideologischen Zerreißprobe für den Ich-Erzähler: „1:0 für Deutschland. Für welches? Für meines oder für meines?“

Cover von „Weil Samstag ist“, © Eichborn VerlagDie Banalität des Balls

Ist die Distanz zur Banalität des Balls bei Delius und Grass trotz aller Heroisierung noch spürbar, so geht sie bei der jüngsten Literatengeneration endgültig verloren. Autoren wie Frank Goosen, sind mit interesselosem Wohlgefallen Fußballfans: Sein Erzählband Weil Samstag ist (2008) trägt die Selbstverständlichkeit wöchentlicher Stadionbesuche schon im Titel.

Autorennationalmannschaft nach ihrem EM-Sieg 2010; © Suhrkamp VerlagAndere streifen sich statt des Vereinsschals gleich das Spielertrikot über: In der deutschen Autorennationalmannschaft (Autonama), die Anfang Mai 2010 mit 5:2 im Elfmeterschießen gegen die Türkei in Dortmund Europameister wurde, spielten und spielen Autoren wie Albert Ostermaier (Torwart) Klaus Cäsar Zehrer (rechtes Mittelfeld) und Ralf Bönt (Rückennummer 7).

Cover von „Leben bis Männer“; © S. Fischer VerlagOrganisiert wurde die Autonama von Thomas Brussig, dessen Dramenmonolog eines vom Leder ziehenden Ex-DDR-Trainers Leben bis Männer (2006) mit seinen Reflexionen über das Wesen des Spiels zu den besseren Beispielen der neuesten deutschen Fußballliteratur gehört.

Nicht von ungefähr ist Ror Wolf Ehrenspielführer der Autonama – auch wenn die kickenden Autoren literarisch nicht ganz in seine Stollenschuhe passen. Selbst Albert Ostermaier reicht mit seinen Oden an Oliver Kahn (2006) über die Odyssee des Torwarts im Strafraum („seine arme sind wie skylla & / charybdis & wer könnte diese / enge passieren ohne um sein / leben zu fürchten“) an Eckhard Henscheid nicht ganz heran.

Die Hand Gottes

Hörbuch-Cover von „Gibt es einen Fußballgott?“; © HörverlagDies gilt auch für einen der letzten populären Versuche, Jan Weilers negative Teufelspaktgeschichte Gibt es einen Fußballgott? (2006), deren absurder Held sich, talentlos und fettleibig, dank eines Schiedsspruchs von oben zum gefeierten Torschützenkönig bolzt.

Es hilft alles nichts: Die große Zeit der deutschsprachigen Fußballliteratur waren die Siebziger- und Achtzigerjahre. Und die Frauenfußballliteratur ist noch nicht einmal angerollt.

Fußballliteraturanthologien

Früher waren mehr Tore. Hinterhältige Fußballgeschichten. Diogenes Verlag 2008, 302 Seiten, ISBN 3257237480, 9,90 Euro

Titelkampf. Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft. Suhrkamp Verlag 2008, 284 Seiten, ISBN 3518459694, 8,90 Euro

Doppelpass und Abseitsfalle. Ein Fußball-Lesebuch. Reclam Verlag 1995, 276 Seiten, ISBN 315009349X, 6,80 Euro

Thomas Köster
ist Literaturwissenschaftler und spielte über zehn Jahre lang aktiv Fußball (Kreisligajugendniveau). Heute ist er einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Beilage der taz zur WM in Brasilien

Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

Dribles Literários

Broschüre (PDF, 3,1 MB)
Flyer (PDF, 1,5 MB)

Grüsse an die Fans in Brasilien

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.