Kunst

Die Deutsche Autorennationalmannschaft – kickende Botschafter

Die „Autonoma“ gewinnt die Autoren-Europameisterschaft. Foto: autonama.de Die Deutsche Autorennationalmannschaft belebt mit Hilfe des Fußballs den internationalen Kulturaustausch und hat sich von einer Hobby-Truppe zum offiziellen Botschafter des DFB entwickelt.

Irgendwann brüllt dann doch mal einer, fordert, als ein Pass misslingt: „Klare Bälle“. Und als ein Ball gegen den Pfosten kracht, ist ein leiser Fluch fällig: „Scheiße“. Doch dafür, dass hier Männer des Wortes Fußball spielen, geht es erstaunlich ruhig zu.

Wie jeden Montagabend trainiert der Berliner Kern der Deutschen Autorennationalmannschaft auf einem Kunstrasenplatz in der Hauptstadt-Mitte. Das Aufwärmen verläuft eher zögerlich und endet entsprechend schnell. Nach wenigen Minuten werden die gelben Trainingsleibchen verteilt, dann geht es Acht gegen Acht auf kleine Tore. Anfangs dominieren die Abwehrreihen, sind gelungene Ballstafetten die Ausnahme. Aber mit zunehmender Spieldauer fallen doch noch ein paar Tore.

Nach anderthalb Stunden geht es unter die Dusche. Allzu deutlich war nicht zu erkennen, dass hier der amtierende Europameister der Autorennationalmannschaften trainierte. So darf sich die Mannschaft seit 2010 nennen, als man in Unna und Dortmund die erste und bis heute einzige Autoren-Europameisterschaft gewann. Das Niveau des Teams sei seither nicht dramatisch gesunken, versichert Moritz Rinke, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Theaterautoren des Landes und Rekordtorschütze der Autorenauswahl, beim anschließenden Bier im Sportlerheim: „Wenn die Spieler aus den anderen Städten dazukommen, dann sieht das, was wir spielen, auch nach Fußball aus.“

Fußball als Krampflöser

Vor allem sieht es nach Spaß aus. Denn wenn die Autorennationalmannschaft antritt, dann ist der Fußball tatsächlich wieder das, was er heutzutage allzu oft nicht mehr sein darf: die schönste Nebensache der Welt. Bei den Spielen der „Autonama“, wie sich das Team abgekürzt nennt, gegen die Schriftsteller-Auswahlmannschaften anderer Länder geht es zwar auch um den Sieg, vor allem aber um einen kulturellen Austausch. Der kann, versichert Rinke, mit Hilfe des Fußballs „sehr viel unverkrampfter stattfinden als bei normalen Kultur-Veranstaltungen“. Denn wenn die Schriftsteller auf internationaler Ebene aufeinandertreffen, dann spielen sie nicht nur Fußball, sondern lesen am Abend traditionell aus ihren Büchern vor.

So war es auch im Mai 2012 im Vorfeld der Europameisterschaft der Profi-Kicker. Da spielte die Autonama in Berlin, Krakau und Lemberg gegen die Autorennationalmannschaften der beiden Ausrichterländer Polen und Ukraine. So soll es nach Möglichkeit auch im Jahr 2013 in Brasilien sein: Die Planungen für eine Autoren-Weltmeisterschaft, die vor der großen WM stattfinden soll, laufen momentan auf Hochtouren.

Botschafter des deutschen Fußballs

Es wäre ein weiteres Highlight für die 2005 gegründete Mannschaft, bei der Drehbuchautoren im Mittelfeld das Spiel lenken, Kurzgeschichtenschreiber in der Abwehr ackern und Romanciers vorne die Pille versenken sollen. Vom selbstorganisierten Hobby-Team hat man sich mittlerweile entwickelt zu einem offiziellen Botschafter des deutschen Fußballs, der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dem Auswärtigen Amt unterstützt wird. „So, wie sich der Fußball seit 2006 allen gesellschaftlichen Bereichen geöffnet hat“, sagt Rinke, „so haben wir einen größeren Stellenwert bekommen.“

Der DFB organisiert und finanziert über die verbandseigene Kulturstiftung nicht nur die Spiele der Autonama, erzählt Rinke, sondern „regt auch an, dass sich in anderen Ländern solche Mannschaften gründen“. Auch dank des DFB existieren nun in über 20 Ländern Autorennationalmannschaften. Eine erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass erst vor sieben Jahren zu einem Turnier in der Toskana, das heute als Geburtsstunde des internationalen Schriftsteller-Kicks gilt, und längst etwas großspurig zur ersten Weltmeisterschaft erhoben worden ist, gerade mal vier Teams antraten: neben den Deutschen noch Ungarn, Schweden und Gastgeber Italien.

Die Konkurrenz wird besser

Die deutsche Mannschaft hatte sich erst anlässlich dieser Reise auf Initiative des Schriftstellers Thomas Brussig gegründet. Prominenter als viele Spieler war der Trainer der Mannschaft: Hans Meyer, Bundesliga-Coach in Mönchengladbach, Nürnberg und Berlin. Ihm sollten Jörg Berger, Uwe Rapolder und Dettmar Cramer auf dem Übungsleiter-Posten der Autonama folgen.

Dieses hochqualifizierte Fachpersonal hat für eine stetige Verbesserung des Spielniveaus gesorgt. Und das ist auch nötig, denn mittlerweile verstärkt sich manche Konkurrenz-Auswahl schon einmal mit einem ehemaligen Fußballprofi, der sich nach der aktiven Karriere am Schreiben versucht hat. So kickt bei den ewigen Rivalen aus Schweden ein Niclas Kindvall, der immerhin Torschützenkönig der schwedischen Liga und kurzzeitig beim Hamburger SV unter Vertrag war.

Doch Kindvall, mittlerweile als Journalist und Kinderbuchautor tätig, erfüllt alle Eingangsvoraussetzungen. Zwei Bücher muss veröffentlicht haben, wer mitspielen will in einer Schriftsteller-Auswahl. Eine Regelung, die allerdings, berichtet Rinke, in der internationalen Praxis selten bis gar nicht überprüft wird. Dann wirft er einen kritischen Blick über den Stammtisch des Sportlerheims. Erdnüsse werden geknabbert, die eine oder andere Zigarette qualmt. Vor allem aber werden die entscheidenden Szenen des vergangenen Trainingsspiels diskutiert. Und dabei geht es entschieden lauter zu als zuvor auf dem Platz.

Thomas Winkler
schreibt über Sport, Musik und Film für „taz“, „Die Zeit“, „zitty“ und andere Medien.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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