Kunst

Rio de Janeiro: der Fußball im Samba, im Choro und im Funk

Am 29. Mai 1919 hat Pixinguinha wohl vor Freude geweint. Auf dem Rasen des frisch gebauten Estádio das Laranjeiras, vom Fußballclub Fluminense, erzielt Arthur Friedenreich, der erste Torschützenkönig in der Geschichte des brasilianischen Fußballs, in der Verlängerung des Finales der Südamerikameisterschaft das Siegestor gegen Uruguay. Vor lauter Glück komponiert Pixinguinha daraufhin das Choro-Stück 1 zu 0 (1 a 0) in Zusammenarbeit mit Benedito Lacerda, das später einen Text von Nelson Ângelo erhält. 1 zu 0 ist das erste von unzähligen brasilianischen Liedern, das sich explizit dem Thema Fußball widmet.

Rio de Janeiro. Die Stadt des Fußballs, der Strandkultur, der Bars und des Sambas. Ursprünglich kam dieser Musikstil aus Bahia in die Bucht von Guanabara, als ein kulturelles Mitbringsel von Dona Hilária Batista de Almeida aus Salvador, auch bekannt als Tia Ciata. Noch zu Zeiten des Zweiten Brasilianischen Kaiserreichs floh die Anhängerin der afrobrasilianischen Religion Candomblé vor den polizeilichen Verfolgungen aus Bahia und ließ sich in der damaligen Hauptstadt im Gebiet der Cidade Nova nieder. Tia Ciata war Candomblé-Priesterin, begnadete Köchin mit festem Verkaufsstand in der eleganten Rua do Ouvidor und jemand, den wir heute als erste schwarze Kulturpromoterin Rio de Janeiros bezeichnen könnten. Da sie für ihre Gastfreundschaft bekannt war, wurde ihr Haus zur Bühne denkwürdiger und endloser Sambafeste, wo sich die „alternative“ musikalische Crème de la Crème Rios traf, um den Batuque, den Urahn des Sambas zu spielen. Die Leute wurden durch Ciatas feuriges Temperament angelockt und bei den Improvisationen ihrer Freunde zeigte sie sich ebenbürtig. In ihrem Haus wurde 1917 Pelo telefone komponiert, der erste auf Platte gepresste Samba der Musikgeschichte.

Der wahre Choro kommt aus Rio

Ungefähr zeitgleich zu den Migrationsströmen von Bahia nach Rio entstand der Choro. Er war in gewisser Weise das Resultat einer Assimilation und einer abweichenden Interpretation der volkstümlichen Modinhas, einer brasilianischen Liedform europäischen Ursprungs. Von Geburt an war der Choro also eine Mischform, ein Mestiço. Die Modinhas und die Gesellschaftstänze wie Walzer, Polka, Schottisch und Mazurka waren seit der Zeit des Königs Dom João VI. am Hof beliebt, als Rio plötzlich zur Hauptstadt eines weltumspannenden Königreichs aufstieg. Bei Tanzabenden spielte man auf europäischen Instrumenten wie dem Klavier – schließlich hatte jeder Haushalt, der etwas auf sich hielt, ein Klavier! – und außerdem spielte man nach portugiesischer Vorliebe auf Instrumenten wie der Gitarre, dem Cavaquinho und der Mandoline, die leicht zu transportieren waren. Aber die Modinhas kamen aus der Mode, verließen die vornehmen und buchstäblich verstaubten oder besser, verpuderten Ballsäle, um die Straße zu erobern.

Die voranschreitende Verstädterung, das „Gesetz des freien Leibes“, das 1871 die von Sklavinnen zur Welt gebrachten Kinder für frei erklärte und die am Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende untere Mittelschicht aus selbstbestimmten, schwarzen, städtischen Arbeitern begünstigten das Entstehen des Choros als eine eigenständige musikalische Ausdrucksform Rio de Janeiros. Viele Musiker erlernten die Modinhas nach Gehör und spielten sie dann in eigener Manier und in einem eigenen Rhythmus. Bald schon entstanden ihre eigenen Kompositionen, geprägt durch ihr kulturelles Erbe. Chiquinha Gonzaga, die erste und zugleich eine der größten Choro-Musikerinnen aus Rio war Pianistin, Dirigentin und Komponistin. Sie, die selbst Mestizin war, pflegte afrobrasilianische Volkstänze wie Lundu und Batuque zu begleiten. Die europäische Polka verband sich so mit der Kultur der Schwarzen. Es entstand der sinnliche Maxixe, der sogenannte „brasilianische Tango“, der später Europa erobern sollte.

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'Choro' komponiert von Chiquinha Gonzaga. Interpretation: Pixinguinha (Saxophon) und Benedito Lacerda (Flöte).

Und schlussendlich, was ist der klassische Samba aus Rio denn sonst, wenn nicht genau diese Verschmelzung aus dem Batuque des Samba-de-roda Bahias aus den Zeiten einer Tia Ciata und den lusitanischen Melodien, gespielt auf iberischen Saiteninstrumenten? Natürlich entfaltet sich der Samba in unzählige Subgenres, aber sie alle haben diese beiden Elemente gemein. Dieses spezifische Gemisch entstand in Rio, auf der Praça Onze im zentralen Stadtteil Gamboa, auf den Hügeln, wo heute noch bis in die Morgenstunden getanzt und gesungen wird.

Fußball: ein „Sport der Elite“

Wir schreiben das Jahr 1919. Zur Zeit als Pixinguinha den Titel 1 zu 0 als Hommage an Arthur Friedenreich komponierte, war der Fußball Rios, wie der Gesamtbrasiliens, noch ein Sport der Elite, weiß und ja, rassistisch. Es gab sogar Fußballer afrikanischer Herkunft, die sich vor dem Spiel puderten, um weiß zu erscheinen. Außerdem war der Fußball nicht immer gut angesehen. Der aus Rio stammende Schriftsteller Lima Barreto, selbst ein Afrobrasilianer, nannte den foot-ball einen großen Blödsinn und kritisierte ihn als eine von den Söhnen der alten Sklavenhalteraristokratie ausgeübte Sportart. Dennoch gewann der Fußball mit dem Einzug Brasiliens in das Finale der Südamerikameisterschaft im Jahre 1919 eine ungeheure Popularität.

Bis zu dieser Zeit war der Fußball eine Amateursportart: „ehrenwert“, „anständig“ und ohne weiteres Ziel als den Sport selbst. Aber mit seiner wachsenden Popularität entstanden immer mehr Mannschaften, viele davon in den Vorstädten. Und dann hielt die Professionalität Einzug. In den 1920er Jahren sah man den Aufstieg der Werksteams, bei denen die Arbeiter im Falle eines Sieges einen extra Lohnzuschlag erhielten. Es begann der Konflikt zwischen Amateur- und Profisport. Und auch zwischen Schwarzen und Weißen. Aber der Profisport behielt die Oberhand und bald spielte die Hautfarbe keine Rolle mehr. Der Unterschied lag definitiv in den Füßen. Und in der Raffinesse, im Swing, im Tanz der Beine, die oft im Samba geschult waren. Im Samba mit dem Ball.

Der Beginn einer Volksleidenschaft

Im Jahre 1945 komponierte das Genie Lamartine Babo an einem einzigen Tag die Fanhymnen der sechs großen Fußballmannschaften Rios. Da war der Fußball schon eine Leidenschaft der Cariocas, wie die Bewohner Rio de Janeiros genannt werden. Im verhängnisvollen Jahr 1950 war der Sport definitiv zum nationalen Bekenntnis aller geworden. Es war die Weltmeisterschaft in Brasilien. Wie schon 1919 war in Rio nur für dieses internationale Turnier ein Stadion gebaut worden. Das Stadion Mário Filho (benannt nach dem Bruder des Dramaturgen Nelson Rodrigues, dem vielleicht größten Fußballjournalisten in der Geschichte Brasiliens), besser bekannt unter dem Namen Maracanã, damals das größte Fußballstadion der Welt. Und welches Lied feierte in den Hitparaden dieses Jahres einen der größten Erfolge? Genau, 1 zu 0, aber diesmal in der Version des Gitarristen Garoto. Das Finale des Turniers hieß erneut Uruguay gegen Brasilien, und wieder gab es einen 2 zu 1 Sieg, aber diesmal, naja, weinte man vor Schmerz. Einem Schmerz, wie man ihn anlässlich eines Begräbnisses empfindet.

Aber der Ball rollte weiter. Wenige Jahre später sollte Juscelino Kubitschek ins Amt kommen, der „Bossa Nova-Präsident“. Mit ihm rollte eine Welle des Optimismus, des Fortschritts und des Selbstbewusstseins durch Rio und durch ganz Brasilien. Sie kulminierte im Weltmeisterschaftssieg von 1958 in Schweden. Und die Weltmeisterschaft von 1962 in Chile verlängerte gar dieses Gefühl durch eine weitere Trophäe. Aber schon der dritte Gewinn einer Weltmeisterschaft 1970 sollte im Schatten des AI-5, dem repressivsten aller Dekrete der Militärdiktatur stehen. Einige Jahre später sang der wohl typischste Carioca, Chico Buarque, mit treffsicherer Ironie in seinem Brief Meu Caro amigo (Mein teurer Freund), der an den damals im Lissaboner Exil lebenden Dramaturgen Augusto Boal gerichtet war: “Aqui na terra tão jogando futebol / Tem muito samba, muito choro e rock'n'roll / Uns dias chove, noutros dias bate sol / Mas o que eu quero é lhe dizer que a coisa aqui tá preta”. Was ungefähr so viel heißen soll wie: „Hier in Brasilien spielen sie Ball / Man hört viel Samba, viel Choro und Rock’n’Roll / Manchmal regnet’s, manchmal scheint die Sonne doll / Aber was ich dir eigentlich sagen will ist, dass die Situation hier düster ist“.

Die Bailes Funk

Er wurde beschuldigt, das „Opium fürs Volk” zu sein. Dabei ist der Fußball eine kollektive Katharsis, der absolute Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls. Ein Gefühl, das sich auch bei einem anderen für Rio typischen Massenphänomen einstellt, dem Baile Funk. Es ist eine Art brasilianischer Hip-Hop, angetrieben durch Bässe und kraftvolle Beats von Machern eines bombastischen Sounds, wie Furacão 2000 und Soul Grand Prix, die seit den 1970ern jedes Wochenende Partys mit tausenden Leuten und viel Black Music, Funk, Charm, Miami Bass und Funk Carioca anheizen. Der Funk hat schon längst die Favela verlassen und die gesamte Stadt, ja ganz Brasilien erobert und wird heute von berühmten DJs in der ganzen Welt geremixt. Im Jahre 2009, bei einem Spiel gegen Goiás, als der Hit É o pente der aus Rio stammenden Funkformation Os Hawaianos gerade absolut in war, hat der ehemalige serbische Spieler von Flamengo Dejan Petković, damals der gefeierte Held auf dem Platz, sicherlich eine wahnsinnige Gänsehaut bekommen, als er das gesamte Maracanã-Stadion aus vollem Halse im Funkrhythmus johlen hörte: “É o Pet! É o Pet! É o Pet! É o Pet!”.

In Rio findet man die perfekte Verbindung zwischen Fußball und Musik. Und vielleicht kommt daher letztlich auch die Fußballkunst. Fußball wird hier nicht als technisch angesehen, sondern hauptsächlich als kreativ, rhythmisch und schwungvoll, mit einer wippenden Hüfte, schelmisch und mit Spaß an der Freude. Das sind die Elemente, die dazu beitrugen, dass der brasilianische Fußball international so erfolgreich wurde und die Fans in der Welt staunen ließ. Es sind dieselben Eigenschaften, die auch die Seele der Cariocas ausmachen und die zeigen, dass Rio de Janeiro den Titel „die wunderbare Stadt“ verdient.

Marie Leão
arbeitet als Journalistin, Übersetzerin, DJ und Drummerin. Ihre Schwerpunktthemen sind Popmusik und -kultur. Sie lebt in Berlin und Rio de Janeiro.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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