Kunst

Die Erinnerung verfilmen – „Ich, der Fußball und das Kino“

Ich bin in einer fußballverrückten Familie aufgewachsen. Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen sind die Sonntage zu Haus, wenn im kleinen Kofferradio die Spiele und die Sportberichterstattungen liefen. Ich erinnere mich an das Stimmengewirr im Radio. Männer, die sich einander ins Wort fielen, sich erregten. Es ähnelte einem Streit in einer Bar rund um das Thema Fußball. Man hörte keine, nicht eine einzige Frauenstimme. Das waren die 80er.

Aufgrund dieser Vergangenheit sind mir die klassischen Fußballweisheiten der Kommentatoren genauso vertraut wie die Sprüche der Trickfilmhelden. Der Kommentator und Sportjournalist Washington Rodrigues erfand die Begriffe „geraldinos“ und „arquibaldos“, um im Maracanã-Stadion zwischen den Fans auf der Tribüne (‚arquibancada‘) und denen auf den Stehplätzen der unteren Ränge (‚geral‘) zu unterscheiden. Mario Vianna – „mit zwei n“– kommentierte die Schiedsrichterentscheidungen, und noch heute scheint es als würde ich ihn klagen hören „Abseiiiits“ und „Haaaand“, um dann auf den Widerhall aus dem Stadion zu warten: „Wo bleibt das Echo?“. Die großen Stimmen des brasilianischen Fußballs waren Jorge Cury, João Saldanha, Doalcey Camargo, Waldyr Amaral, José Carlos Araújo, Luiz Mendes und Kleber Leite (Richtig, bevor er ein hohes Tier bei Flamengo wurde, war er Sportreporter!).

Es kam, wie es kommen musste: Mit 18 machte ich ein Praktikum beim Sportmagazin Journal dos Sports in Rio. Aber dann stieß ich aufs Kino. Wie zu erwarten, drehen sich zwei meiner sechs Filme um Fußball und ein Dritter enthält Szenen, die im Maracanã-Stadion gedreht wurden.

Es fehlt ein großer Klassiker auf der Leinwand

Ein kleines Detail lässt dem brasilianischen Film keine Ruhe: Im Gegensatz zur nordamerikanischen Filmindustrie, die mehrere Klassiker rund um die Nationalsportarten – vor allem zum Boxsport – produziert hat, hat Brasilien noch keinen großen klassischen Spielfilm über den Fußball. Der Kameramann Walter Carvalho sagte einmal, dass für ihn der Grund für das Fehlen dieses Fußballklassikers einfach darin bestehe, dass es sehr schwierig sei, die Dynamik des Fußballs einzufangen.

Die Energie und die Plastizität der Dribblings glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, ohne dass sie hölzern oder gestellt wirken, ist eine komplexe Aufgabe. Der perfekte Schuss, die plötzlichen Vorstöße, die Fallrückzieher und Effektschüsse; der Körpereinsatz, die Volleyannahmen, Lupfer, Grätschen und Flip-Flaps; die Übersteiger, der Rainbow-Kick, das Tunneln ... Und wer soll eigentlich über den Ball Regie führen?

Schwierige Aufnahmen

Fußball ist kein Sport, dessen Spielzüge einfach mit dem Ruf „und Action“ vom Regisseur abgedreht werden können, ohne dass es nach Schummelei aussieht. Beim Schlag eines Boxers ist dies möglich. 1. Szene: Close-up der Rechten, wie sie nach vorn schnellt. 2. Szene: Close-up des Gegners, der um sich vor dem Schlag zu schützen, seine Deckung hochgenommen hat. 3. Szene: Close-up der Beinarbeit beider Athleten. Und so weiter. Wir filmen Stück für Stück und danach fügen wir es zusammen, mit Rhythmus.

Und beim Fußball? Was ist mit dem Ball? Ist es unmöglich? Nein. Aber es ist schwierig. Und mit den heutigen Möglichkeiten bei den Spezialeffekten, Animationen und Kameras ist die Aufgabe, Fußball mit all seiner Kraft zu verfilmen, zwar einfacher geworden, aber sowohl beim Spiel- als auch beim Dokumentarfilm noch weit entfernt davon, die ganze Geschwindigkeit, das Aufeinandertreffen der Körper, der Schwung, die Gewandtheit der Bewegungen und die präzisen Flanken, die den Fußball zu einem unglaublich plastischen und emotionalen Sport machen, zu reproduzieren.

Der legendäre Canal 100

Die Ästhetik und die Technik des Canal 100, der in etwa mit der deutschen Wochenschau gleichzusetzen ist, war vielleicht unser effizientestes Modell Fußball auf Celluloid zu bannen. Das weltweite Image vom brasilianischen Fußball beruht auf den Bildern des Canal 100. Was die Spiele im Maracanã-Stadion betrifft, bestand die Neuerung darin, dass die Kamera immer aus dem Graben heraus filmte, der die Fans vom Spielfeld trennt, und damit genau auf Fußhöhe der Spieler war, direkt beim Schuss. Beim Schwenk sah man dann in die begeisterten und begeisternden Gesichter der Fans auf den Stehplätzen des untersten Rangs.

Schon der Dramaturg und Sportkolumnist Nelson Rodrigues sagte einmal: „Es war die Truppe vom Canal 100, die eine neue Distanz zwischen dem Fan und dem Spieler, ja zwischen dem Fan und dem ganzen Spiel schuf. Unsere größten Fußballlegenden in Dimensionen eines Michelangelos, inmitten vollen Torjubels. Ihre wohlgeformten und geschmeidigen Schenkel füllten die Leinwand aus. Das ist alles, was den brasilianischen Fußball ausmacht, er ist lyrisch, dramatisch, pathetisch, wahnsinnig …“

Betrachtungen der Leidenschaft

Obwohl mir all diese Schwierigkeiten bewusst waren, wagte ich es. Da ich natürlich nicht völlig bescheuert bin, versuchte ich erst gar nicht, die Spielzüge auf die Leinwand zu bringen. In meinen Filmen betrachte ich den Fußball ausgehend von der Vorstellungskraft des Volkes, von den Sehnsüchten, den Leidenschaften und Träumen, die der Sport in den Brasilianern erzeugt. Die Auswirkungen des Fußballs auf den Fan interessieren mich mehr als das, was auf dem Platz passiert.

Rio de Jano von 2004 ist kein Film über Fußball, aber er zeigt Hintergrundsequenzen des Derbys Fla gegen Flu. BerlinBall entstand auf der Grundlage einer Herausforderung durch die Macher der Berlinale 2005, die Filmschaffende aufgerufen hatten, Filme über die Stadt Berlin zu entwerfen. Ich hatte die deutsche Hauptstadt vorher noch nie gesehen, konnte nichts zur Stadt sagen und hatte es schon fast aufgegeben einen Vorschlag einzureichen, als ich an einer Bahnhaltestelle plötzlich auf Herthafans traf.

Sie stimmten Schlachtrufe an und machten ordentlich Lärm. Bald darauf erfuhr ich, dass zu dieser Zeit der Star des Teams ein Brasilianer war, der oft andere Fußballspieler aus seiner Heimatstadt Campina Grande einlud, auf das sie ebenfalls bei deutschen Teams ihr Glück versuchen. Als ich das hörte, zählte ich eins und eins zusammen: „Zwar kenne ich Berlin nicht, dafür aber Brasilien und Fußball umso besser. Ich war mir sicher, in Campina Grande eine Schar von Jungen anzutreffen, die nur so von Berlin träumten“. Gesagt, getan: Bald gab es mehr Hertha-Shirts in Campina Grande als in der deutschen Hauptstadt. Der Film gewann den Berlin Today Award des internationalen Kurzfilmwettbewerbs der Berlinale 2006.

Das Gesicht des untersten Rangs

Ein Jahr zuvor hatte ich schon die letzten Fußballspiele vor der Abschaffung der Stehplätze im Maracanã-Stadion dokumentiert. Es betraf den untersten Rang, also den Raum in unmittelbarer Nähe zum Spielfeld, da wo die Eintrittskarten am billigsten, die Fans aber am lebhaftesten und hemmungslosesten sind. Das Material wurde erst 2010 zu einem Film verarbeitet, als es schließlich unter dem Titel Unterster Rang (Geral) zusammengeschnitten wurde. Dieser Dokumentarfilm ist eine wahre Studie über die „geraldinos“. Ich brachte ein Fla-Flu-Derby auf die Leinwand, das so nicht stattgefunden hat, also eine Art perfektes Spiel als Abschiedszeremonie.

Wir verfolgen die Partie anhand der Reaktionen der „geraldinos“. Dort befindet sich die Kamera auf Augenhöhe mit den Fans. Sie sind der Star, was auf dem Platz passiert interessiert uns nicht. Die Kamera dreht dem Spiel den Rücken zu und flirtet mit den Fans. Auf dem Internationalen Frauen Filmfestival (Femina) in Rio de Janeiro kommentierte dies ein nordisches Jurymitglied mit den Worten: „Dieser Film konnte ja nur von einer Frau gedreht werden. Denn ein Mann würde nie mit dem Rücken zum Spielfeld stehen“.

Erinnerungen an die Sonntagnachmittage

Der Streifen Geral gewann den Brasilianischen Filmpreis und überstand zu meiner großen Überraschung auch die Zensur im Iran, wo er als bester Dokumentarfilm seiner Kategorie ausgezeichnet wurde, inklusive der Passage, in der ein Fan Allah zum Teufel jagt! Obendrein bekam der Film noch eine Spezialauszeichnung: den Sonderpreis der Jury des Festivals in Rio, der normalerweise an Spielfilme vergeben wird und somit erstmals in der Geschichte des Festivals an einen Kurzfilm ging.

Geral ist in seiner Ästhetik am Canal 100 angelehnt und sein Drehbuch an die Erinnerungen an die Sonntagnachmittage meiner Kindheit, als das Haus erfüllt war von den Klängen der Sportberichterstattung aus dem Kofferradio. Zum Schluss noch eine kleine Richtigstellung: Einige Zeilen weiter oben schrieb ich, dass in Geral das perfekte Spiel im Maracanã auf die Leinwand gebannt wurde. Flamengo verliert allerdings im Film. Insofern ist gar nichts perfekt.

Anna Azevedo
ist eine mehrfach in Brasilien und im Ausland ausgezeichnete Filmemacherin. Sie lebt und arbeitet in Rio de Janeiro.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
feedback@saopaulo.goethe.org

    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.