Kunst

Fußball und Kino in Brasilien: die nationale Leidenschaft auf den Leinwänden

Mauro Shampoo Mit Filmen über Fußballstars, Fanclubs, gefeierte Mannschaften oder unbekannte Torschützen reflektiert das Kino über die Bedeutung des Sports für die brasilianische Kultur. Unter den Fußballfilmen gibt es auch solche, die das Thema als Anlass nehmen, um über die Widersprüche des Landes nachzudenken.

Der Kurzfilm Barbosa (1988), von den Regisseuren Jorge Furtado und Ana Luiza Azevedo, handelt von einem Fußballfan, gespielt von Antônio Fagundes, der seit seiner Kindheit die Niederlage der brasilianischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 1950 nicht verschmerzen kann. Als Erwachsener reist er in der Zeit zurück, um zu versuchen, den Spielstand zu ändern. Obwohl er den exakten Ort und Augenblick erreicht – das Maracanã-Stadion wenige Minuten vor dem fatalen Schuss des Balls ins Netz –, schafft er es nicht, das 2:1 für Uruguay zu verhindern. Brasilien, das zunächst vorne lag, hätte ein Unentschieden gereicht. Der Torwart Moacir Barbosa musste von da an immer mit der Last auf den Schultern leben, Brasilien im eigenen Land nicht zum Weltmeister gemacht zu haben.

Durch das fantastische Mittel der Zeitmaschine zeigt Barbosa die Art und Weise, in der das Kino den Fußball betrachtet, indem es Zeit und Raum wiedererschafft (oder sie gar festlegt). Auch wenn einige Filme die Grenzen der Realität durchbrechen, wissen sogar die Begeistertsten, dass man Fakten nicht ändern, aber doch erfassen, aufdecken, in das Blickfeld rücken, loben, reflektieren oder dramatisieren kann. Von Rio 40 Graus (Rio 40 Grad, 1955) zu Bróder (2009), von Cidade de Deus (City of God, 2002) zu Heleno (2011) – diese Filme mögen Fußball nicht als zentrales Element haben, doch alle teilen Elemente, ohne die der Fußball nicht existieren würde: Leidenschaft, Kunst, Technik. Und Bewegung.

Garrincha und Pelé

Beim Fußball kann all das in einem einzigen Namen zusammengefasst werden: Mané Garrincha. 1962 wurde das Leben des „Engels mit den krummen Beinen“ (im Original: O anjo das pernas tortas – Er wurde auf diesen Namen vom Journalisten Armando Nogueira getauft, der sich dabei auf ein Gedicht von Vinícius de Moraes bezieht) von Joaquim Pedro de Andrade dokumentiert: Garrincha, a alegria do povo (Garrincha, die Freude der Bevölkerung). Der Film, Klassiker des brasilianischen Kinos, beginnt mit einer schönen Sequenz von Aufnahmen, auf denen sich, im Gegensatz zu den traditionellen Bildern im Fußball, die Kamera über den Spielern bewegt.

Verantwortlich für die Siege der brasilianischen Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften von 1958 und 1962 und als einer der besten Dribbler und rechten Außenstürmer der Welt, wurde das Leben von Mané Garrincha vom Verein Botafogo außerdem in dem Spielfilm Garrincha, estrela solitári (Garrincha, einsamer Stern, 2003) von Milton Alencar, basierend auf dem Buch von Ruy Castro, festgehalten.

Allerdings ist es die Fußball-Ikone Pelé, die in den meisten Kinofilmen auftrat. Neben den Dokumentarfilmen Isto é Pelé (Das ist Pelé, 1974) von Luiz Carlos Barreto und Eduardo Escorel und Pelé Eterno (Pelé auf ewig, 2004) von Aníbal Massaini, hat der bekannteste Fußballspieler der Welt als Schauspieler in mindestens acht Spielfilmen mitgewirkt, darunter in Os Trapalhões e o Rei do futebol (Die Tollpatsche und der Fußballkönig, 1986) von Carlos Manga, Os trombadinhas (Die Spitzbuben, 1979) von Anselmo Duarte und in den Hollywoodfilmen Hotshot (Hot Shot – der Weg zum Sieg, 1987) von Rick King und in Fuga para a vitória (Flucht oder Sieg, 1981) von John Huston, hier zusammen mit Sylvester Stallone.

Die Outsider auf der Leinwand

Das Kino ist jedoch nicht nur um die Fußball-Ikonen bemüht. 2005 produzierten Leonardo Cunha Lima und Paulo Henrique Fontenelle den Kurzfilm Mauro Shampoo – Jogador, Cabeleireiro e Homem (Mauro Shampoo – Fußballspieler, Friseur und Mensch) über den Torschützen des Fußballclubs Íbis aus dem Bundesstaat Pernambuco, der den Titel des schlechtesten Teams der Welt trägt. Während seiner gesamten Karriere hat Mauro nur ein einziges Tor geschossen. Das Exotische und Pittoreske seiner Figur ist ihm jedoch bald zugutegekommen. Mauro war früher Straßenkind, wurde durch die Figur berühmt und konnte dadurch sein schwieriges Leben hinter sich lassen.

Ein anderer Dokumentarfilm, Um Artilheiro no meu coração (Ein Torschütze in meinem Herzen, 2008), von Diego Trajano, Lucas Fitipaldi und Mellyna Reis, korrigiert eine historische Ungerechtigkeit, indem er an die pernambucanische Fußball-Ikone Ademir Marques de Menezes erinnert, der in den 1940er Jahren brillierte, und vor allem 1950, als er als Torschütze bei der Weltmeisterschaft hervorstach und zum brasilianischen Rekordmeister mit den meisten Torschüssen einer einzigen WM wurde.

Notwendige Reflektionen

Seit den Anfängen des Kinos ist der Fußball ein wiederkehrendes Element und belegte schon immer einen besonderen Platz in brasilianischen Filmproduktionen. Trotz dieser Bedeutung – laut der Untersuchung von 4.500 Filmen durch Victor de Melo aus Rio de Janeiro handeln 117 vom Fußball – wenden sich nur wenige Filme auch einer politisch-sozialen Kritik zu.

Die Mehrheit der Filme preist den Ruhm der Mannschaften (der neueste ist der Dokumentarfilm Santos – 100 ans de futebol-arte / Santos – 100 Jahre Fußball-Kunst) und dramatisiert, im Bereich der Spielfilme, das Leben von wichtigen Spielern oder handelt von der Leidenschaft der Fans – in diesem Fall ist vielleicht O casamento de Romeu e Julieta (Die Hochzeit von Romeo und Julia, 2005) von Bruno Barreto der bekannteste Spielfilm und der dokumentarische Kurzfilm Geral von Anna Azevedo das beste Beispiel.

Es gibt jedoch Ausnahmen, wie die beiden radikalen und notwendigen Reflektionen über Fußball, die fast 50 Jahre trennt: der Mittellangfilm Subterranes do futebol (Unterirdische des Fußballs, 1965), in dem Maurice Capovilla die Widersprüchlichkeiten eines damaligen Landes von Analphabeten anprangert; und der Kurzfilm Emboladas (2011) von Felipe Peres Calheiros und Luís Henrique Leal, der die Vila do Vintém mit seinen armen Bewohnern, die unter den Brücken Recifes leben, den Milliarden an Geldern gegenüberstellt, die aufgrund der WM 2014 das Land bewegen.

Die Chronik (crônica), ein für Brasilien typisches journalistisches und literarisches Genre, das im Fußball eine seiner größten Inspirationen findet, stieß im Spielfilm Boleiros – era uma vez o futebol (Boleros – es war einmal der Fußball, 1998) von Ugo Giorgetti auf fruchtbaren Boden. Der Film handelt von ausgedienten Spielern, die sich in einer Bar treffen, um sich an die ruhmreiche Vergangenheit zu erinnern. Eine Fortführung dessen wurde 2006 produziert. Die Entstehung der fußballerischen Chronik ist übrigens sehr gut in Mario Filho, o criador das multidões (Mario Filho, Schaffer der Massen, 2010) dokumentiert. Der Film von Oscar Maron erzählt, wie der Pernambucaner Mário Rodrigues Filho, Bruder des Dramaturgen Nelson Rodrigues, die Leidenschaft des Brasilianers für Fußball aufnimmt und die Arbeit des Sportchronisten auf ein literarisches Niveau hebt.

André Dib
ist Journalist, Forscher und Filmkritiker.
Er lebt und arbeitet in Recife.

Übersetzung: Anna-Katharina Elstermann

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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    Beilage der taz zur WM in Brasilien

    Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

    Dribles Literários

    Broschüre (PDF, 3,1 MB)
    Flyer (PDF, 1,5 MB)

    Grüsse an die Fans in Brasilien

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.