Kunst

Fußball und Musik – fast eine Liebesheirat

Fußball Europameisterschaft 2012: In der Vorrunde singen Fans der irischen Nationalmannschaft „The Fields of Athenry“, © Imago/Ulmer Kein Tor, kein Triumph, keine Trainertirade: Der emotionalste Moment der Fußball-Europameisterschaft 2012 fand bereits in der Vorrunde statt, als die Iren mit einem Lied ihrer Mannschaft Trost spendeten.

Mit 0:4 lag die Republik Irland hoffnungslos gegen den Titelverteidiger aus Spanien zurück, das EM-Aus war besiegelt, da begannen 20.000 Iren in Danzig inbrünstig zu singen: The Fields of Athenry, eine alte Ballade über die große irische Hungersnot zwischen 1845 und 1852. Der gewaltige Männerchor verursachte der ganzen EM eine Gänsehaut. Mit ihrem Gesang leisteten die Iren sich selbst und ihrer sportlich gedemütigten Mannschaft Zuspruch. Aber auch allen anderen Freunden des Fußballs, die sich darum sorgen, dass das Spiel in der von Marketing, Statistiken und Leistungsoptimierung bestimmten Moderne seine Identität verlieren könnte – und damit womöglich auch seine erstaunliche Kraft, Gefühle zu erzeugen.

Fan-Gesänge auf den Rängen

Denn das ist es wohl, was Fußball und Musik gemeinsam haben: Beide bewegen die Menschen wie wenig sonst. Solche Stadiongesänge, wie sie die Iren in Danzig aufführten, sind nur die lautstärksten Zeugnisse der großen Liebe zwischen den beiden. Vor allem auf den britischen Inseln, wo der Fußball einst erfunden wurde, hat sich eine vielfältige, fantasievolle Tradition entwickelt. Am berühmtesten sind wohl die Fans des FC Liverpool, die vor jedem Spiel You'll Never Walk Alone anstimmen. Dass dieses Lied, bevor es von The Kop, dem Fan-Block im Stadion an der Anfield Road, adoptiert wurde, einmal für ein Broadway-Musical geschrieben worden war, weiß vermutlich kaum jemand. Längst hat es einen Siegeszug durch die Fußballstadien der Welt angetreten und wird heute überall gesungen – auch im November 2009 bei der Trauerfeier für den deutschen Nationaltorhüter Robert Enke in Hannover.

Vor allem in englischen oder schottischen Stadien werden alte Volkslieder oder aktuelle Chart-Hits gerne mit neuen Texten versehen. Besonders beliebten Spielern widmet man gar eigene Versionen: Die Gesänge, die die Fans von Manchester United in den 1990er-Jahren zu Ehren ihres französischen Kapitäns Éric Cantona erfanden, füllten ganze CDs.

In Deutschland ist diese Kultur, abgesehen von einigen Standorten wie Dortmund oder St. Pauli, nicht ganz so ausgeprägt. Dass nach großen Siegen nahezu immer der Queen-Klassiker We Are the Champions gesungen wird, zeugt eher von einer gewissen Einfallslosigkeit. Im Gegenzug haben die Stehplatzfans bereits die Hochkultur erobert: Zum Repertoire des Theaters Dortmund gehört die Inszenierung Fangesänge, eine Oper mit dem Untertitel Fußball-Hymne in zwei Halbzeiten.

Profi-Spieler im Musikgeschäft

Zu großer Form aber läuft der deutsche Fußball auf, wenn nicht die Fans singen, sondern die Spieler selbst. Schon 1965 versuchten sich HSV-Linksaußen Gert „Charly“ Dörfel (Das kann ich dir nicht verzeih'n) und Petar „Radi“ Radenkoviç, Torhüter von TSV 1860 München (Bin I Radi, Bin I König) als Schlagersänger. Beide galten als besonders bunte Vögel, aber fortan sangen auch Spitzenkräfte mit einer solideren Berufsauffassung. Sowohl Franz Beckenbauer (größter Hit: Gute Freunde kann niemand trennen, 1966) als auch Gerd Müller (bis heute beliebt: Dann macht es bumm, 1974) nahmen gleich mehrere Songs auf.

Diese beiden hatten also bereits Erfahrungen im Popgeschäft gesammelt, als die westdeutsche Nationalmannschaft erstmals zum Chor umfunktioniert wurde, um sich und die Heimat auf die im eigenen Land stattfindende Weltmeisterschaft 1974 einzustimmen. Schlagerproduzent Jack White schrieb Fußball ist unser Leben, die späteren Weltmeister sangen. Die DDR konterte zwar mit Frank Schöbels Ja, der Fußball ist rund wie die Welt und gewann in der Vorrunde 1:0 im innerdeutschen Duell. Aber die BRD holte nicht nur den Titel, sondern begründete auch eine musikalische Tradition: 1978 versuchte man in Argentinien vergeblich, mit Udo Jürgens und Buenos Días, Argentina den Titel zu verteidigen, für Spanien 1982 half Michael Schanze (Olé España) und 1986 in Mexiko Peter Alexander (Mexico Mi Amor). Auch nach Italien reiste man 1990 mit einem Udo-Jürgens-Song im Gepäck (Wir sind schon auf dem Brenner). Zum Glück wurden die Spiele nicht nach Musikalität entschieden, sonst wären die deutschen Fußballer kaum mit dem Weltpokal heimgekehrt. Vier Jahre später endete die Tradition, als selbst die Village People mit Far Away in America das Viertelfinal-Aus nicht verhindern konnten.

Hymnen an die Fußballer

Vollkommen haben deutsche Fußballer das Singen aber bis heute nicht aufgegeben. Doch zuletzt bewies Lukas Podolski zusammen mit der Kölner Band Brings und dem Song Halleluja, dass es wohl besser ist, wenn die Ballprofis das Musikmachen den Berufsmusikern überlassen. Die lieben schließlich den Fußball und seine Protagonisten schon sehr lange: Bereits 1922 sang der österreichische Musikkabarettist Hermann Leopoldi mit Heute spielt der Uridil eine Hymne auf Josef Uridil von Rapid Wien, der damals mit dem kriegerischen Spitznamen „Der Tank“ einer der ersten Stars des Fußballs war.

Halleluja brings feat. Lukas Podolski


Seitdem müssen Fußballstars damit leben, besungen zu werden. Als Alain & Denise 1983 in dem recht erfolgreiche Dance-Popsong Rummenigge die „sexy knees“ des Torjägers Karl-Heinz Rummenigge lobten, wurde in diesem Moment erstmals deutlich, dass Profi-Fußballer nicht nur schlecht singen, sondern auch gut aussehen können. Rummenigges Nachfolger sind mittlerweile ganz selbstverständlich Mode- und Stilikonen, allen voran David Beckham. Der wurde schon häufig besungen, aber hat sich das Singen schlauerweise verkniffen. Dafür hatte seine Ehefrau Victoria bekanntlich mit den Spice Girls eine veritable Popkarriere hingelegt, bevor sie Mrs. Beckham wurde. Die Heirat zwischen diesen beiden Stars mag als Symbol dienen für die enge Verbindung, die Fußball und Musik seit jeher eingehen.
Thomas Winkler
schreibt über Sport, Musik und Film für „taz“, „Die Zeit“, „zitty“ und andere Medien.

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Juli 2012

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