Kunst

Fußballfilm in Deutschland – aus Liebe zum Spiel

Szene aus „Das Wunder von Bern“ (2003) Fotó: © Universum Film Home Entertainment Der deutsche Fußballfilm hat eine lange Tradition, doch rauschende Erfolge blieben lange aus. Erst seit der Weltmeisterschaft 2006 und Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ haben sich Filme rund ums runde Leder im Mainstream, aber auch in der Fanszene etabliert.

Den Anstoß machte der Stummfilm: Die elf Teufel und Der König der Mittelstürmer (beide 1927) waren erste, durchaus gekonnte Versuche, die Spannungsmomente des jungen Sports – Rollenverteilung, Solidarität, Sieg und Niederlage – ins Bild zu setzen. Die Popularität des Fußballs auf die Leinwand zu übertragen, gelang ihnen jedoch ebenso wenig wie der vom nationalsozialistischen Propagandaministerium abgesegneten Heldensaga Das große Spiel (1941) oder dem Lustspiel Der Theodor im Fußballtor (1950). Von dem Nachkriegs-Singfilm mit dem hüftsteifen Komiker Theo Lingen in der Hauptrolle blieb alleine der gleichnamige Schlager ein paar Jahre in Erinnerung.

Das Runde passt nicht ins Eckige

Der unerwartete Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz brachte der Nation neues Selbstbewusstsein aber keine neuen Fußballfilme. Das Publikum reagierte zurückhaltend, selbst als ein Weltmeister von 1972, nämlich Franz Beckenbauer, vom Fleck weg als Schauspieler engagiert wurde: Zwar genießt Libero (1973) heute einen gewissen Kultstatus – allerdings nur aufgrund seiner miserablen Qualität. Der nationale und erst recht internationale Erfolg des deutschen Fußballfilms hielt sich in engen Grenzen. Wer will schon Deutsche gewinnen sehen? So lautet bis heute ein Erklärungsansatz, ein weiterer bestreitet generell die Darstellbarkeit des weiträumigen Spiels, mit dessen ergebnisoffener Dramaturgie sich ohnehin kein Kinofilm messen könne: Das Runde passt einfach nicht ins Eckige.

Neuer Anstoß: die WM von 2006 und „Das Wunder von Bern“

Die Weltmeisterschaft 2006 darf als Wendepunkt betrachtet werden. Sönke Wortmanns Publikumserfolg Das Wunder von Bern (2004), konzipiert im Hinblick auf das Turnier im eigenen Land, wirkte richtungsweisend. Denn die legendäre deutsche Weltmeisterelf des Jahres 1954 stand keineswegs im Mittelpunkt. Im nostalgischen Gewand eines Historienfilms bettete Wortmann die Ereignisse um Bundestrainer Sepp Herberger und seine Mannen in die komplexe Geschichte um einen traumatisierten Kriegsheimkehrer und dessen kleinen Sohn. Sentimentale und komische Aspekte verdichteten sich zu einem explizit „postheroischen“ Porträt der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die bruchlose Mythisierung von Heldengestalten, wie man sie vor allem aus US-amerikanischen Sportfilmen kennt, passt offenbar nicht ins deutsche Selbstbild.

Seither hat sich die Fußballfilmszene umfangreich ausdifferenziert. Es gibt die erfolgreiche Kickerfilmserie Die Wilden Kerle (seit 2003) um eine Jugendmannschaft und ihren Bolzplatz, in der antiautoritäres Rebellentum, aber auch Werte wie Fairness, Integration und Toleranz im Vordergrund stehen. In der Komödie FC Venus (2006) treten Männer und Frauen gegeneinander an. Das Thema Homosexuelle und Fußball wurde zuvor schon mit Männer wie wir (2004) aufgegriffen. Zuletzt zeigte Der ganz große Traum, wie der Fußball mitsamt seinen Regeln im Kaiserreich aus England nach Deutschland importiert wurde.

Fan-Euphorie und neue Akzeptanz

Die enorme Bandbreite folgt einer langjährigen Tendenz: Die Akzeptanz des Spiels quer durch alle Bevölkerungsteile ist in Deutschland, wie im Rest der Welt, größer geworden. Die Fan-Euphorie des Jahres 2006 war weniger Auslöser als Ausdruck dieser Entwicklung: Anlässlich des Großevents Fußball-WM präsentierte sich das wiedervereinte Land als bunt gemischte, weltoffene und vor allem begeisterungsfähige Nation. Die unschöne Realität von Fanrandale und anderer übertriebener Identifikation – in dem harten Drama Nordkurve (1992) oder der Prolo-Komödie Fußball ist unser Leben (1999) noch präsent – wurde dagegen ausgeblendet. Um Fußballfan zu sein, sind Vereinstreue und Trinkfestigkeit heute ebenso unnötig wie Fachwissen, Geschlecht oder der deutsche Pass.

Ein nur scheinbar gegenläufiger Trend zu diesem „Spaßfußball“ im Spielfilm ist die zunehmende Beliebtheit von Dokumentationen zum Thema. Wieder machte Sönke Wortmann mit Deutschland. Ein Sommermärchen den Anfang. Der Videomitschnitt zur fröhlichen WM-Truppe von 2006 hatte sogar mehr Kinozuschauer als Das Wunder von Bern. Solche, häufig auch von Amateuren gedrehten Dokumentationen, wenden sich vor allem an ein informiertes, meist großstädtisches Publikum mit Interesse an Hintergründen. Sie sind fester Bestandteil des alljährlichen Internationalen Berliner Fußballfilmfestivals 11mm. Hier sieht man Berichte über beliebte, aber selten gewürdigte Persönlichkeiten wie den ehemaligen FC-Bayern-Jugendtrainer Hermann Gerland (Der Tiger in München, 2008), muslimische Fußballerinnen in Berlin-Kreuzberg (Football Under Cover, 2008) oder den rätselhaften Aufstieg des Provinzklubs FC Hoffenheim in die Bundesliga (Das Leben ist kein Heimspiel, 2010). Als der legendäre Ex-Torhüter Sepp Maier sein privates Video über die Weltmeister von 1990 präsentierte (We are the Champions, 2012), war das Haus tagelang zuvor ausverkauft. Ein solches Echo wäre noch Jahre zuvor kaum denkbar gewesen.

Ein gutes Team: Fußballfilm und Fankultur

Ob nostalgisches Drama, launige Kickerkomödie oder liebevolles Amateurvideo – der deutsche Fußballfilm ist mittlerweile fester Bestandteil einer gewachsenen und vielschichtigen Fankultur. Filmästhetische Höhepunkte sind zwar sowenig zu erwarten wie internationale Erfolge. Doch neben den von Traditionsfans eher verschmähten Hochglanz-Studioproduktionen sind auch neue und experimentelle Formate in der Lage, den alltäglichen Medientrubel rund ums runde Leder zu bereichern. Der Fußballfilm liefert nach, was in der offiziellen Sportberichterstattung immer mehr verloren geht: Hintergründe, faszinierende Nebensachen zur „schönsten Nebensache der Welt“ und die Liebe zum Spiel an sich.

Folgende Fußball-Filme werden an Goethe-Instituten weltweit gezeigt:

„Das Wunder von Bern“
Regie: Sönke Wortmann, Farbe, 117 Minuten, 2003
Ein anspruchsvolles Zeitbild des Jahres 1954: Der unerwartete Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern wird verknüpft mit dem harten Alltag im Ruhrpott. Ein Spätheimkehrer muss sich im zivilen Leben wieder eingewöhnen. Ende gut alles gut. Die Bundesrepublik ist Weltmeister, und der Familienfriede ist wiederhergestellt.

„Der ganz große Traum“
Regie: Sebastian Grobler, 35mm, Farbe, 113 Minuten, 2011
In Anlehnung an die wahre Geschichte des Lehrers und Fußballpioniers Konrad Koch erzählt „Der ganz große Traum“ von den Anfängen des Fußballspiels in Deutschland und von einer Schulklasse, die zu einem richtigen Team zusammenwächst, als der neue Lehrer sie mit seinem Fußballfieber ansteckt. Die Zeitreise führt in eine Epoche, in der an Schulen noch „Zucht und Ordnung“ herrschte und Fußball in den Medien als „englische Krankheit“ bezeichnet wurde.

„Football under Cover“
Regie: Ayat Najafi, David Assmann, Farbe, 89 Minuten, 2006–2008
Teheran im April 2006: Vor mehr als 1.000 jubelnden Frauen findet das erste offizielle Freundschaftsspiel zwischen der iranischen Frauen-Nationalmannschaft und einer Berliner Mädchenbezirks-
mannschaft statt. Auf den Rängen wird getobt, es wird gesungen und getanzt, über dem Stadion schwebt eine geballte Ladung Frauenpower. Draußen vor den Toren des Stadions: ein paar Männer, die versuchen, einen Blick durch den Zaun zu erhaschen. Für sie ist der Eintritt heute verboten. Diesem Ereignis war ein Jahr harter Arbeit vorausgegangen – doch am Ende, nach Überwindung zahlreicher Hindernisse, wird tatsächlich gespielt. Und diese 90 Minuten sind mehr als ein Fußballspiel. Hier entlädt sich der Wunsch nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, und es wird klar: Veränderung ist möglich.
Philipp Bühler
ist freier Filmjournalist und Autor von Filmheften der Bundeszentrale für politische Bildung.

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Juli 2012

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Links zum Thema

Beilage der taz zur WM in Brasilien

Essays von Luiz Ruffato, Torero und Rogério Pereira.

Dribles Literários

Broschüre (PDF, 3,1 MB)
Flyer (PDF, 1,5 MB)

Grüsse an die Fans in Brasilien

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt.