Flexibles Chaos? Längere Grundschulzeit in Deutschland

Vier, fünf oder sechs Jahre? In Deutschland streiten sich Bildungspolitiker und Pädagogen über die Dauer der Grundschulzeit. Gegner einer Reform befürchten den Niedergang des „guten alten“ Gymnasiums.
Dass kindgerechte Bildung für Erwachsene knallharte Politik bedeutet, ließ sich schon in den 1970er- und 1980er-Jahren in Westdeutschland beobachten. Damals rangen konservative und sozialdemokratische Bildungspolitiker um die Etablierung der sogenannten Gesamtschule, in der die Dreigliedrigkeit von Hauptschule, Realschule und Gymnasium mindestens bis zur zehnten Klasse (Sekundarstufe I) verschmelzen sollte.
Was für konservative Kreise ein „Schulchaos“ bedeutete, werteten modern eingestellte Pädagogen als optimale Methode, um Kindern verschiedener Gesellschaftsschichten eine gleiche Ausgangsbasis für ihre kognitive und intellektuelle Entwicklung zu schaffen.
Experimentiertiegel Hamburg
Im Jahr 2010 erlebte nun der deutsche Stadtstaat Hamburg sein eigenes „Schulchaos“, bei dem es ebenfalls um die von Teilen der Bevölkerung gewünschte Zusammenlegung von Schulformen ging, diesmal von Grundschule (Primarschule) und der sogenannten Orientierungsstufe, also der weiterführenden Klassen 5 und 6.
Die Senatsmehrheit aus CDU und Grün-Alternativer Liste unter Ole von Beust (CDU) hatte sich nach langen Verhandlungen auf den Kompromiss der „Primarschule“ geeinigt: Ab 2011 sollten Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse gemeinsam die Schulbank drücken, anschließend ginge es weiter entweder aufs Gymnasium (bis Klasse 12) oder auf die „Stadtteilschulen“, an denen neben dem Abitur (hier allerdings in der Klasse 13) auch der Haupt- oder Realschulabschluss gemacht werden kann.
Anstoß PISA-Studie
Ein wesentlicher Grund für diese schwarz-grüne Entscheidung war die mangelhafte Einstufung der schulischen Leistungen vor allem in der PISA-Erweiterungsstudie von 2003 (PISA-E). Höchstens im Mittelmaß, wenn nicht gar im unteren Drittel fanden sich dort Hamburgs Schülerleistungen wieder.
Pädagogen und Bildungspolitiker erinnerten sich an die bereits 1994 vom Vorsitzenden des Berliner Grundschulverbandes Peter Heyer geäußerte These, dass „der schulische Bildungsweg vor allem Angelegenheit der Kinder“ sei: „Sie haben mit den Konsequenzen zu leben.“ Längeres Lernen indes steigere das Selbstwertgefühl der Kinder „kontinuierlich“. Außerdem stünde die vierjährige Grundschule „in der Tradition ständestaatlichen Denkens des vorvorigen Jahrhunderts“.
Ende des Gymnasiums?
Obwohl sich selbst der damalige CDU-Bürgermeister Ole von Beust letztlich vom Primarschule-Konzept überzeugt zeigte, setzten sich am 18. Juli 2010 vor allem liberal-konservative Hamburger aus mittleren und oberen Gesellschaftsschichten in einem Volksentscheid gegen die Schulreform durch: Von 491.600 Wählern stimmten mehr als ausreichende 276.304 gegen die Reform.
Der Vorsitzende der Reform-gegnerischen Elterninitiative „Wir wollen lernen“, Walter Scheuerl freute sich „für die Hamburger Schüler und Schülerinnen, dass wir ein gutes Schulsystem haben werden.“ Scheuerl und seine Mitstreiter hatten befürchtet, dass leistungsstarke Schüler durch das Primarschule-Modell beim Lernen beeinträchtigt würden und das Gymnasium als eigenständige weiterbildende Schulform abgewertet werden würde.
Vorbilder: Berlin und Brandenburg
Genuin sechsjährigen Grundschulunterricht gibt es in Deutschland derzeit nur in Berlin und Brandenburg. Beide Bundesländer werden jeweils von einer sozialdemokratisch-linken Koalition regiert. Allerdings gibt es in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls die sogenannte Regionalschule, die nach der vierten Klasse besucht wird, um auf das Gymnasium oder die Mittlere Reife vorzubereiten. In einigen Bundesländern existiert an den drei weiterführenden Schultypen auch eine „Orientierungs-“ oder „Förderstufe“, die Kindern die Eingewöhnung vom „vorfachlichen zum fachlichen Lernen“ erleichtern helfen soll.
Interessant in diesem bildungspolitischen Diskurs ist die Tatsache, dass einige Bundesländer weniger die Grundschulzeit verlängern als vielmehr die Qualität der vorhandenen vier Jahre optimieren wollen. So findet etwa in Bayern derzeit ein dreijähriger Modellversuch namens „Flexible Grundschule“ statt: Gemäß ihrem eigenen Lerntempo sollen sich die kleinen Schüler Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen einer „Eingangsstufe“ aneignen. Diese darf dann ruhig zwischen ein und drei Jahre dauern. Erst dann folgt die dritte und vierte Klasse.
arbeitet als freier Journalist und Autor in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de











