Elektronische Sprachlernangebote sind gefragt: vom E- zum Blended Learning

Mit großen Hoffnungen gestartet, in der ersten Dotcom-Krise abgestürzt: Das E-Learning hat sowohl Höhen wie auch Tiefen bereits hinter sich. Nun erlebt das Fremdsprachentraining am Computer in Kombination mit stationären Kursen eine Renaissance. Während sprechen lernen weiter am besten in der realen Welt funktioniert, wandert Schreib- und Lesetraining immer mehr in die virtuelle: „Blended Learning“ heißt dieser Trend im Sprachunterricht. Als Deniz Ghrewati vor zehn Jahren als Sprachlehrerin des Berlitz-Institutes in einer Schule in New York arbeitete, erlebte die gebürtige Österreicherin den aufziehenden Hype hautnah mit. Berlitz, der Sprachschulen-Anbieter mit Zentrale in Princeton/New Jersey, war einer der Vorreiter auf dem Feld des elektronischen Sprachunterrichts, entwickelte umfangreiche Angebote – und schob einen gewaltigen Trend mit an. Verlage wie Langenscheidt oder Cornelsen, Kultur- und Sprachinstitute investierten in neue computerbasierte Lernprogramme. Doch mit dem Platzen der ersten Dotcom-Blase zogen auch dunkle Wolken über der schönen neuen E-Learning-Welt auf. E-Learning ein Flop? Zu teuer für die Lernerfolge, die zu erzielen waren?
So spitz will es Ghrewati, heute Sales Managerin Europe für die Online-Live-Unterricht-Plattform Berlitz Virtual Classroom, nicht formulieren. Aber dass sich mit dem Ende des ersten Internetbooms um die Jahrtausendwende viele E-Learning-Träume in Luft auflösten, sieht auch die 38-Jährige, die in Philadelphia Englisch und Wirtschaft studierte, so. Allerdings: „Wir haben damals viele Erfahrungen gesammelt. Heute wissen wir ganz genau, was im Internet funktioniert und was nicht“, so Ghrewati.
Trend zum „Blended Learning“
E-Learning als reines Sprachlabor, als eintöniges, einsames Vor-sich-hin-Lernen vor dem Computerbildschirm, ist nicht nur für die Berlitz-Managerin ein Irrweg der Vergangenheit. Auch Hermann Funk, der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena einen der führenden Masterstudiengänge für Deutsch als Fremdsprache aufgebaut hat, sagt: „Der Beweis, dass reines E-Learning funktioniert, ist bisher nicht erbracht. Als Teil eines Methoden-Mixes kann es aber eine wichtige, unterstützende Maßnahme sein.“
Der Trend für Funk heißt ganz klar: „Blended Learning“, also die Verbindung von E-Learning und stationären Kursen, wenn möglich in Kombination mit Web 2.0-Elementen wie Blogs oder Filmen auf Videoseiten wie Youtube. Das sieht auch Markus Biechele, Leiter des Bereichs Multimedia und Fernlehre des Goethe-Institutes, so: „Wir verspüren eine steigende Nachfrage nach elektronischen Lernangeboten, insbesondere nach Blended Learning und Ergänzungen zum Präsenzunterricht.“ Reines E-Learning wird im Vergleich zu stationären Kursen auch beim Goethe-Institut weiterhin deutlich weniger nachgefragt: 1.200 Deutschlerner buchten im Jahr 2007 reinen Fernunterricht, Präsenzunterricht an deutschen und ausländischen Goethe-Instituten mit fast 200.000 Lernern deutlich mehr.
Ohne Präsenzlernen geht es kaum
Um E-Learning-Tools gezielt und sinnvoll einsetzen zu können, kommt es besonders auf eine klare Analyse der individuellen Voraussetzungen sowie der Ziele an. „Moderner Sprachunterricht ist vor allem sprechen lernen“, sagt Funk. Er glaubt, dass Sprachtraining trotz der Möglichkeiten der modernen Internettelefonie in Wort und Bild besser funktioniere, wenn man den Lehrer direkt vor sich habe. Für Vokabelübungen, standardisierte Übungsformen wie „Lückenübungen“ oder „richtig oder falsch“, vor allem aber für die didaktische Lehrerfortbildung, so der Jenaer Wissenschaftler, eigne sich E-Learning aber durchaus.Auch im Goethe-Institut hat man viele Erfahrungen gesammelt, wann die E-Offensive am besten in den Lernprozess zu integrieren ist. Bereichsleiter Biechele sagt: „Wer insbesondere sprechen lernen möchte, kommt ohne Präsenzlernen kaum aus, wo das Gelernte unmittelbar und im direkten Kontakt angewendet werden kann. Wer eher Kompetenzen im Schreiben und Lesen im Auge hat, kann weite Teile per E-Learning entwickeln.“
Zahlreiche Programme und Materialien
Die Preise für E-Learning-Programme und -Materialen liegen meist in etwa auf dem Niveau der Kosten, die bei stationären Kursen anfallen. Das Goethe-Institut setzt unterschiedliche Lernmaterialien ein, sowohl selbst entwickelte wie auch von Verlagen gekaufte. Technologische Basis ist das in allen Goethe-Instituten verfügbare Learning-Management-System Moodle, ein Open-Source-Produkt aus Neuseeland, das an die speziellen Erfordernisse des Goethe-Institutes angepasst wurde. Über spezielle Anfängerkurse bis hin zu Online-Kursen für Fachdeutsch, die darauf ausgerichtet sind, wissenschaftliches Arbeiten in verschiedenen Fachgebieten, darunter BWL, Medizin oder Naturwissenschaften, zu erleichtern, kann man sich auf www.goethe.de informieren. Mit uni-deutsch.de wird dort auch ein Onlinekurs zur Vorbereitung auf ein Studium in Deutschland angeboten, in dem man Schreiben, Hören, Sprechen, Lesen – abgestimmt auf die Anforderungen des Studiums – trainieren kann. Begleitet durch Tutoren kommt ein vielfältiges Repertoire an Übungen zum Einsatz – von Multiple-Choice bis hin zum freien Schreiben. Verabreden zum freien Sprechen hingegen können sich Interessierte wiederum in der virtuellen Netz-Welt Second Life: Auf der dort eingerichteten Goethe-Insel können sich Deutschlernende Montag bis Freitag zwischen 17.00 und 18.00 Uhr (CET) mit muttersprachlichen Tutorinnen treffen und plaudern üben.
Unterschiedlichste Anbieter sind mit eigenen Programmen und Portalen am Markt und bieten elektronisch unterstütztes Fremdsprachentraining für Geschäfts- wie Privatkunden: In Kooperation mit dem TestDaF-Institut in Hagen entwickelte die Ludwig-Maximilians-Universität in München das Fernstudium DUO (Deutsch-Uni online), das interaktives Lernen auf allen Sprachniveaus begleitet durch Tutoren ermöglichen will. Die englische BBC bietet Online-Kurse auch für Deutsch als Fremdsprache in einem eigenen Portal. Der französische Sprachlernsoftware-Anbieter Auralog setzt mit der Produktreihe Tellmemore auf umfassende E- und Blended-Learning-Konzepte.
Als modernes Beispiel für E-Learning-Modelle gilt die AVE (Aula Virtual de Español), die das spanische Kulturinstitut Instituto Cervantes für Spanischlerner entwickelt hat. Carmen Pastor, Sprachabteilungsleiterin beim Instituto Cervantes in Berlin, sagt: „Man kann mit der AVE ein gutes Niveau erreichen. Um richtig flüssig sprechen zu lernen, empfehlen wir aber, sich nicht ausschließlich auf E-Learning-Kurse zu konzentrieren.“
Internet gewinnt an Bedeutung
Auch wenn weltweit gesehen Englisch im Sprachunterricht dominiert, ist Deutsch als Fremdsprache keineswegs verdrängt worden. Deutsch spiele in globalen Zeiten weiter eine große Rolle, vor allem in Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum, die weltweit aktiv seien, sagt Funk, der neben seiner Lehrtätigkeit als wissenschaftlicher Koordinator der Interessensgemeinschaft ERFA Wirtschaft Sprache tätig ist. In der ERFA Wirtschaft tauschen Konzerne wie Allianz, BASF, Deutsche Telekom oder Lufthansa betriebliche und wissenschaftliche Entwicklungen im Fremdsprachenlehren und -lernen aus. Ihr Ziel: eine erfolgreiche internationale Kommunikation und Kooperation in Industrie und Wirtschaft. Hier gewinnt das Internet naturgemäß weiter an Bedeutung.Große Institute versuchen diesen Trend immer mehr mit Live-Training im Netz aufzunehmen. Als entscheidenden Vorteil des Sprachstudiums in der virtuellen Welt sieht Goethe-Experte Biechele die Flexibilisierung und Individualisierung des Lernens. Die Lerner können sowohl individuell und von einer Lehrkraft des Goethe-Instituts betreut als auch kooperativ in der Gruppe online lernen. Anbieter wie Berlitz bieten online Live-Unterricht, der genauso aufgebaut ist wie die Kurse in den Sprachschulen. Allerdings: „Das Onlinetraining ist immer nur so gut wie der Trainer“, sagt Wissenschaftler Funke. Das gilt jedoch auch für Präsenzkurse in der realen Welt.
ist freier Journalist in München.
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Juni 2009
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