Immer wieder sonntags: Wochenendzeitungen

Noch ist keine Entwarnung in Sicht. Die Zeitungen kämpfen weiter mit schwindenden Auflagen und basteln an neuen Crossmedia-Konzepten. Doch bei den Wochen- und Sonntagszeitungen scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen. Während immer mehr Menschen wochentags das Internet als Informationsquelle nutzen, ist der Griff zur Zeitung am Sonntag beliebter denn je.„Eine Zeitung am Sonntagmorgen ist für mich so selbstverständlich wie der Kaffee zum Frühstück“, sagt Myra P. Die 34-Jährige hat als Director of Studies in einer internationalen Sprachenschule einen stressigen Job. Da bleibt die Woche über wenig Zeit zum Lesen. Auch ihr Mann Johann hat kaum Freizeit. Er arbeitet als Senior Manager in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. „Ein 16-Stunden-Tag ist für mich fast schon normal“, meint er. Um auf dem Laufenden zu bleiben, überfliegt er im Büro die Internetseiten von Online-Nachrichtenportalen.
Das junge Paar hat die Welt am Sonntag abonniert und genießt am Wochenende in aller Ruhe am Frühstückstisch die Zeitungslektüre. Um auch über Aktuelles und kulturelle Aktivitäten aus ihrer Region informiert zu sein, kaufen sie manchmal noch zusätzlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
47 Minuten Wochenende
Ein Wochenende ohne Zeitung – das ist für viele Deutsche undenkbar. Jeder zweite Bundesbürger ab 14 Jahren liest am Sonntag häufig oder gelegentlich Zeitung. Für 56 Prozent steht dabei die Samstagsausgabe einer regionalen Zeitung, dicht gefolgt von überregionalen Sonntagszeitungen (51 Prozent) an erster Stelle. Zu diesen Ergebnissen kam eine repräsentative bundesweite Studie, die die ZMG Zeitungs-Marketing-Gesellschaft (ZMG) in Zusammenarbeit mit der Marplan Forschungsgesellschaft durchgeführt hat. Durchschnittlich nehmen sich die Befragten demnach für die Lektüre bis zu 47 Minuten Zeit. 66 Prozent gaben an, sich beim Lesen zu entspannen. Und 53 Prozent haben am Sonntag mehr Zeit für längere, anspruchsvolle Artikel.
Besonders für Menschen mit höherem Haushaltseinkommen und gutem Bildungsabschluss ist die Lektüre am Sonntag wichtig. Für 52 Prozent der 30- bis 49-Jährigen ist der Griff zur Zeitung selbstverständlich. Die „Generation 50 Plus“ kommt sogar auf 57 Prozent.
Leichter, lockerer
In Deutschland gibt es rund zwanzig sonntags erscheinende Zeitungen mit einer Gesamtauflage von etwa fünf Millionen Exemplaren. Der Hauptanteil entfällt dabei auf die überregional erscheinenden Blätter. Ein Sonderfall ist die im Stuttgarter Raum erscheinende Sonntag aktuell, die als größte regionale Zeitung eine verkaufte Auflage von rund 640.000 erzielt.
In der Regel sind Sonntagszeitungen von den werktags erscheinenden Ausgaben redaktionell abgekoppelt. Ihre inhaltliche Aufbereitung ist meist populärer und kulturorientierter, der Ton leichter, die Auswahl der Themen unterhaltsamer und das Layout, nicht zuletzt durch zahlreiche Bilder und den Einsatz von Farbe, ansprechender. Auch überregionale Ereignisse und Trends werden ausgiebig beleuchtet.
Verschieden ausgerichtet
Dabei ist auch die Ausrichtung der Sonntagszeitungen vielfältig. Die Welt am Sonntag (WamS), leicht im Plus mit einer Auflage von rund 542.000, richtet sich mit ihrem modernen Mix aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Unterhaltung an eine gehobene Leserschaft. 1,7 Millionen Mal wandert die Bild am Sonntag (BamS), die nicht im Abonnement erhältlich ist, über die Ladentheken. Schwerpunkte sind unter anderem Sportereignisse und Informationen aus der Welt der Prominenten.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.), die 1990 als Rhein-Main-Zeitung startete, wird seit 2001 bundesweit vertrieben. In den Anfangsjahren fuhr sie schwere Verluste ein. Heute ist sie aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken und überflügelt sogar streckenweise die durchschnittlichen Auflagen des Mutterblatts. Im Gegensatz zu diesem ist die F.A.S. lockerer geschrieben und besticht durch ihre frische, kreative Gestaltung. Sie wurde bereits mehrfach in Folge von der Society for News Design (SND) in der Kategorie „World’s Best-Designed“ prämiert.
Gelungene Mischung: Online und Print
Wochentags die Internet-Portale der Medien als Informationsquelle nutzen und am Sonntag gemütlich Zeitung lesen: Das ist ein Trend, der sich in Deutschland immer stärker abzeichnet. An einem innovativen Crossmedia-Konzept kommt daher heute kein Zeitungsverlag mehr vorbei. Verständlich ist deshalb aus Sicht der Verleger der Ruf nach Bezahlinhalten (paid-content) angesichts schwindender Auflagenzahlen der Printpresse. Und noch verständlicher ist aus Verleger-Sicht die Kritik daran, dass öffentlich-rechtliche Sender die gleichen Inhalte kostenlos ins Netz stellen.
Die Zeitungen halten es für existenziell bedeutsam, dass die Sender ihre Online-Aktivitäten erheblich einschränken: „Wenn die ARD das Gespräch über paid-content sucht, ist das gut, es ändert aber nichts an unserer grundsätzlichen Kritik daran, dass aus Rundfunkgebühren bezahlte Inhalte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Online-Zeitungen erscheinen“, erklärte der Vorsitzende des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen und WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus Anfang 2011 in Düsseldorf.
Vieles deutet darauf hin, dass sich in naher Zukunft die parallele Nutzung etablieren wird: Für eingefleischte Sonntags-Zeitungsleser sind die Online-Angebote keine wirkliche Alternative. Der Computer kann ein lieb gewonnenes Ritual eben doch nicht ersetzen.
arbeitet als freie Publizistin in Frankfurt am Main.
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Januar 2011
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