Elektronische Musik

Zwischen visuellem Schock und klangvoller Betrachtung. Eine lange Nacht im Goethe-Institut mit Sandeep Bhagwati

©Goethe-Institut - Photo: Robert Del Tredici
©Goethe-Institut - Photo: Robert Del Tredici
piano/forte (2012) - Sandeep Bhagwati
Ein quadratischer Saal, eingetaucht in eine fast vollständige Dunkelheit. In der Mitte, der deutsche Komponist Sandeep Bhagwati an einem schwarzen Flügel sitzend, ruhig und konzentriert. Plötzlich, wie emporschießende Blitze in einen unsichtbaren Himmel, durchdringt eine kurze stroboskopische Erschütterung weißen Lichts die Stille des Moments. Der klare Schall eines gespielten Tons erklingt, gefolgt von einer kurzen tonalen Melodie; so verläuft das Stück piano/forte (2012), das mit Adam Basanta und Julian Stein eigens für die Nuit blanche im Goethe-Institut komponiert wurde. Das Stück ist beendet, der Komponist zieht sich zurück und allein bleibt der Flügel mit einem verschwindenden musikalischen Klang, begleitet durch die zufällig aufsteigenden Blitze.

piano/forte (2012) ist eine der insgesamt sieben Installationen und Vorführungen, die anlässlich der 10. Ausgabe der Nuit blanche in Montréal unter dem Namen „Villes LuminoSoniques“ im Goethe Institut präsentiert wurden. Inszeniert durch den Komponisten, Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Kanadaforschung der „inter-x“ Künste an der Universität Concordia, ermöglichten Sandeep Bhagwati und seine interdisziplinäre Forschungsgruppe matralab hunderten von Besuchern, an einer leuchtenden und musikalischen Erfahrung teilzunehmen. Sandeep Bhagwati hat sich mit uns über sein Leben als wandernder Komponist und Professor, das risikoreiche Haifischbecken des Kunstbetriebs in Europa und die interdisziplinäre Kunst in Montréal unterhalten; ohne dabei ein Blatt vor den Mund zunehmen...

Könnten Sie uns etwas über Ihren Werdegang erzählen und wie Sie nach Montréal gekommen sind?

Ich wurde in Indien geboren, als Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. Nach Abitur und Zivildienst in Deutschland, bin ich nach Salzburg an das Mozarteum zum Kompositionsstudium bei Boguslaw Schaeffer gegangen. 1987 wechselte ich nach München zu dem von mir noch immer sehr verehrten (und leider viel zu wenig gespielten) Komponisten Wilhelm Killmayer.

Dort kam meine Karriere in Schwung, ich wurde mit vielen Preisen und Förderungen bedacht und gründete mit Moritz Eggert das Festival A•Devantgarde, das es noch heute gibt. 1995 wollte ich mehr über den Computer als Musikinstrument wissen und ging zum Studieren und Entwickeln von Projekten für 3 Jahre nach Paris ans IRCAM, dem damals führenden Institut für künstlerische Computermusikforschung und –entwicklung. Danach lebte ich neben meiner Arbeit im Bereich Theater und Theatermusik in Berlin und Amsterdam eine Zeit sehr nomadisch in Frankreich, England, der Schweiz und den Niederlanden, wo ich meine Opern und anderen Werke aufführte – und blieb oft nur 2 Wochen an einem Ort.

Meine Wohnung gab ich in dieser Zeit auf und verließ mich auf Künstlerresidenzen, Fellowships, Gastprofessuren, auf Housesitting – und die diversen Sofas von Freunden und Verwandten. 2000 ereilte mich dann der Ruf auf eine Kompositionsprofessur an der Musikhochschule Karlsruhe, wo ich sehr produktive und glückliche Jahre verbrachte.

In dieser ganzen Zeit initiierte und leitete ich immer wieder Festivals und führte neben der klassischen Karriere des Opern- und Konzertkomponisten auch immer ein zweites künstlerisches Leben als Schöpfer komplexer Multimedia/Performancewerken, die ganze Häuser und öffentliche Räume in begehbare Kunstwerke verwandelten. Am Herzen lag mir auch der musikalische Austausch mit asiatischer Musik, ich war Teilnehmer und Leiter bei mehreren langfristigen Begegnungsprojekten mit chinesischen und indischen Musikern.

2006 kam ich dann als Inhaber eines Lehrstuhls für Kanadaforschung nach Montréal. Ich suchte nach einem Ort, an dem ich tatsächlich auf hohem Niveau interdisziplinäre künstlerische Forschung verwirklichen konnte. Das ist in Deutschland so noch nicht möglich, vieles an den Hochschulen ist strukturell noch immer zu sehr disziplinär und die Musikhochschulen sind vor allem auf Berufsausbildung ausgerichtet. Eine so gut ausgestattete und künstlerisch freie Professur gibt es derzeit in Deutschland noch nirgends.

Auch in Montréal habe ich nach den ersten schweren Jahren, wo man mich in der lokalen Szene eher abweisend beäugt hat, inzwischen sehr gute künstlerische Partner gefunden und kann auch in dieser Stadt meine Arbeit als Komponist auf hohem Niveau weiterführen.

Wie beurteilen Sie Montreal als Labor für das Zusammenwirken von interdisziplinären Kunstformen?

Als jemand, der aus dem risikoreichen Haifischbecken des Kunstbetriebes in Europa kommt, empfand ich die offene, kooperative Atmosphäre in Montréal zunächst als irritierend, aber inzwischen als sehr angenehm: Jeder redet nicht nur mit jedem, man ist auch vertraut mit der Arbeit der anderen. Außerdem gibt es viele ungewöhnliche interdisziplinäre Kooperationen in wechselnden Konstellationen - auch und gerade an meiner eigenen Universität. Das hat mir gut getan, mich fasziniert und tut es auch heute noch.

Insofern ist Montréal insgesamt ein guter Ort für die Entwicklung von Arbeiten mit interdisziplinären Kunstformen. Man kommt auf neue Gedanken und kann in aller Stille und mit freundlichen Menschen Neues entwickeln. Womit es allerdings hapert, ist eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der zeitgenössische experimentelle künstlerische Arbeit sich nicht für ihr Dasein entschuldigen muss, in der ihr wesentlicher (und führender) Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs auch von den anderen gesellschaftlichen Kräften anerkannt wird.

Letztlich konzipieren nur allzu viele Montréaler Kunst vorrangig als Entertainment – und erwarten von ihr unkompliziertes Vergnügen. Montréaler Kunst, auch interdisziplinäre Kunst, sieht dann leider genauso aus. Jeder, der hier inhaltlich ambitionierte Projekte stemmen will, muss sie oft genug erst einmal im Ausland zeigen und finanzieren lassen. Und weil die Förderstrukturen den Export einheimischer Kultur strukturell vor den Import experimenteller und neuer Kunst stellen, hat das Publikum hier weniger internationalen Vergleich (insbesondere was neue Entwicklungen in Lateinamerika, Asien und Afrika angeht) und ist offenbar schneller mit weniger zufrieden als z.B. in meiner anderen Heimatstadt Berlin.

Viele interdisziplinäre Projekte in Montréal kochen im internationalen Maßstab sowohl aesthetisch-konzeptionell wie finanziell auf sehr bescheidener Flamme – das tut der Qualität nicht immer gut. Manchmal brauchen auch gute Ideen und innovative Künstler neben stabiler Finanzierung die hohen Erwartungen eines kenntnisreichen, erfahrenen Publikums. Sie brauchen Kollegen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, und sie brauchen unabhängige, weitläufig und global gebildete, intelligente Kritiker, um ihr wirkliches Potential entfalten zu können.

Es ist für Montréal Zeit, vom Labor, das interessante Kunst zu fernen Publikümern exportiert, zu einer Stadt zu werden, in der anspruchsvolle Kunst jeder Art und Provenienz für die Montréaler selbst eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielt - erst dann wird man von einer wirklichen Kulturmetropole sprechen können.

Copyright: Goethe-Institut Montréal
März 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! web@montreal.goethe.org

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