Im Sog der Zeit – Hartmut Rosas „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“
Nach seiner vielbeachteten Untersuchung „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ analysiert Hartmut Rosa in seinem neuen Buch „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“, wie der sich fortwährend dynamisierende Beschleunigungsprozess der Gesellschaft nicht nur unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst verändert, sondern auch die demokratische Willensbildung aus der Bahn zu werfen droht.

Der Modernisierungsprozess ist Hartmut Rosa zufolge von Beginn an als Vorgang einer „dreidimensionalen sozialen Beschleunigung“ zu verstehen. In all ihren Phasen, so der Autor, „und an all ihren Erscheinungsorten“ war und ist Modernisierung „die Erfahrung einer Dynamisierung der Geschichte, der Gesellschaft, der Kultur, des Lebens und/oder der Zeit selbst“.
Die Dimensionen der Beschleunigung sind die technische Entwicklung, der soziale Wandel und das allgemeine Lebenstempo. Antriebskräfte sind die Ökonomie („Zeit ist Geld“), die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und die „Verheißung der Beschleunigung“, die als „kultureller Motor“ die „Beschleunigung des Lebenstempos“ antreibt. Dadurch wiederum wird die technische Beschleunigung weiter befeuert und in der Folge der soziale Wandel noch einmal beschleunigt und so fort. Der Wandel vollzieht sich in immer kürzeren Etappen und erstreckt sich immer spürbarer auf immer weitere Kreise.
Was bin ich – und wenn ja, wie lange?
Immer mehr Menschen erleben ihr eigenes Leben als einen wahren Geschwindigkeitsrausch. Wie soll man da noch zu sich selbst finden? Und: Was bleibt auf die Dauer von diesem Selbst überhaupt übrig, das sich in einer sich ständig wandelnden Umwelt permanent neu erfinden muss? Selbstbeschreibungen sind nur noch Momentaufnahmen – was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Man ist kein Bäcker mehr, sondern arbeitet als Bäcker. Für den Moment jedenfalls. Wer weiß denn schon, was morgen kommt?
Doch auch wenn ich morgen nicht mehr als Bäcker, Lagerist oder Börsenmakler arbeite, eines, was ich morgen und auch übermorgen noch bin, steht heute schon fest: ein Konkurrent inmitten von Konkurrenten. Und eben deshalb darf ich nicht ruhen. Ich muss räumlich, zeitlich und überhaupt in möglichst jeder Hinsicht flexibel sein, um die Zukunft vielleicht meistern zu können. Eine Zukunft, die unsicher ist und deshalb denjenigen belohnt, der flexibel genug ist, sich den neuen Erfordernissen so schnell wie nötig, das heißt also: so schnell wie irgend möglich, jedenfalls aber schneller als andere anzupassen. Nur wenigen gelingt es, sich diesem Wahnsinn zu entziehen. Besonders souverän zeigt das eine Sennerin im Dokumentarfilm Speed von Florian Opitz.
Überforderte Demokratie
Vor ganz ähnlichen Problemen wie der einzelne Mensch stehen die Politik im Allgemeinen und die Demokratie im Besonderen. Bis zu einem gewissen Grad ist die soziale Beschleunigung nicht nur politisch beherrschbar, sondern in der progressiven – also „fortschrittlichen“ – Lesart der Moderne sogar zentraler Auftrag an die Politik, unter deren Führung die ihren Wohlstand mehrende Gesellschaft demokratischer und gerechter werden soll. Ab einem gewissen Punkt aber geraten der Prozess der Modernisierung und seine politische Steuerung unweigerlich aus dem Takt, weil die Prozesse der demokratischen Willensbildung und Entscheidungsfindung sich mit der zwangsläufig zunehmenden Komplexität nicht mehr beschleunigen lassen, sondern sich im Gegenteil unweigerlich verlangsamen müssen, „wenn bestimmte Rationalitätsstandards nicht unterlaufen werden sollen“.
Zugleich stehen dem zeitlichen Mehrbedarf für die Prozesse der Willensbildung und Entscheidung sich ungebremst weiter beschleunigende technische, wirtschaftliche und soziale Systemprozesse gegenüber, die in immer kürzeren Intervallen dem politischen System neue Entscheidungen abverlangen. Dass dies nicht nur für die Qualität von Politik und Gesetzgebung problematische Folgen hat, sondern auch für die Demokratie selbst zur Gefahr werden kann, zeigt Rosa unter anderem am Beispiel der Entscheidungen, die nach 2008 zur Rettung von Banken und zur Stabilisierung von Märkten und Währungen getroffen wurden. Obwohl hier „fundamentale politische Prinzipien“ berührt seien, „wurden sie unter nahezu völliger Umgehung der Parlamente (...) getroffen, weil für den eigentlichen demokratischen Prozess keine Zeit blieb.“ Dies mache deutlich, so der Autor weiter, dass Politik durchaus beschleunigungsfähig ist – wenn sie auf Demokratie verzichtet.
Alles in allem ist Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung für zarte Seelen vielleicht keine erbauliche Lektüre, aber eine sehr erhellende! Auf die am Ende des Bandes angekündigte „systematische Soziologie der Weltbeziehung“ sind wir jedenfalls sehr gespannt und warten darauf schon jetzt ganz ungeduldig.
![]() |
Hartmut Rosa: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik Suhrkamp, 2012, ISBN: 978-3-518-29577-9 |
Dr. phil., ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der „Zeitschrift für Politik“.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de




Besuchen Sie uns auf YouTube
Besuchen Sie uns auf Facebook
Folgen Sie uns auf Twitter
