Mein Theater in Berlin - Eindrücke vom Inzenierer Martin Faucher

Wenn ich an Theater denke, wenn ich an spannende und gewagte Inszenierungen denke, Inszenierungen, die gleichzeitig spielerisch und visionär sind; wenn ich an schillernde und wohldurchdachte Bühnenbilder denke, die dem abendländischen Rätsel, in dem ich lebe, Gestalt geben in Form von Dekoration, Kostümen und Licht; wenn ich an Schauspieler denke, die komplett in ihrer Kunst aufgehen, Schauspieler wie Gedanken- und Gefühlsathleten, wortgewandte Schauspieler, die Animalität und Intellekt in einem Köper vereinen, poetische Schauspieler, die ihre Vorstellungskraft komplett im Dienst eines menschlichen Ideals entfalten; wenn ich an ein Repertoire klassischer und zeitgenössischer Stücke denke, umfangreich wie unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, an Werke, die unser Hier und Jetzt erhellen, Stücke, die es schaffen, das soziale, politische und wirtschaftlich-kultivierte Chaos zum Ausdruck zu bringen; wenn ich an die Tausendundeine Facette denke, aus der das Theater besteht, ist es selbstverständlich die Stadt Berlin, der ich mich zuwende.
Berlin, Stadt der aufregendsten Theater. Berlin, Stadt der inspirierendsten Theater.
Seit nun mehr als zehn Jahren besuche ich Berliner Theater: die Schaubühne, Volksbühne, Deutsches Theater, Maxim Gorki Theater, Berliner Ensemble, Sophiensäle, HAU, Radial System, Ballhaus Ost und viele andere Theater oder Veranstaltungsorte. Jedes Mal wenn ich nach Berlin fahre, weiß ich, dass Abend für Abend das wahre Theaterabenteuer auf mich wartet. Ein wahres Abenteuer nenne ich all das, was meine Aufmerksamkeit einlädt, sich auf etwas zu richten, was ich bis jetzt noch nie gesehen habe, oder gar einer Realität ins Auge zu blicken, die ich gänzlich anders erwartet hatte.
In dieser vielseitigen Stadt, alt und übel zugerichtet durch allzu Bekanntgewordenes, aber erstaunlicherweise vor Jugend und Vitalität strotzend, in dieser Stadt, durchzogen von den großen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bewegungen, ist nichts gewöhnlich geschweige denn unschuldig, jeder Stein ist Zeuge einer Geschichte, eines Dramas, einer Tragödie. Das Berliner Theater versteht es, intime und auch öffentliche Geschichten ohne jeden Funken Narzissmus oder Selbstmitleid zu erzählen. Das Berliner Theater schreibt seine sehr persönliche Geschichte in der großen Geschichte der Menschheit und stellt sich dem Dialog mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Ich befinde mich nicht auf fremdem Boden, wenn ich in einem Berliner Theater bin. Die Geschichten, die dort erzählt werden, sind kurioserweise auch meine Geschichte. Die Musik, Bilder und Materialien, die Thomas Ostermeier, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Armin Petras, Michael Thalheimer, Andreas Kriegenburg, Nicolas Steeman, René Pollesch, Jürgen Gosch, Barbara Frey und andere Verrückte der Theaterregie nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen, bewirken, dass ich mich dort in der ein oder anderen Art und Weise wiedererkenne.
Tchekhov, Heiner Müller, Dea Loher, Rebekka Kricheldorf, Roland Schimmelpfennig, Falk Richter, Shakespeare, Brecht, Ibsen, Sarah Kane, Sophocles oder Tennessee Williams, jeder Text des Berliner Theaters ist geeignet, um auszudrücken, was ich bin, zu zeigen, was ich nicht mehr will, zu bestärken, worauf ich hoffe.
Das Theater in Berlin ist eine Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, das Theater in Berlin ist ein Leben im Sein. Man könnte sich darin verlieren, so umfangreich ist es. Darin einzutauchen, ist ein ebenso lebensnahes wie geistreiches Abenteuer, das ich jedem wünsche, der die Kunst und das Leben liebt.
Copyright: Goethe-Institut Montréal
Mars 2013



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